Und nicht mehr allein

            Gerda Konrad gewidmet

Der Sommer kommt manchmal verspätet.
Doch kommt er! Er bleibt ja nicht aus!
Und all seine Freude trompetet
er dann in die Weiten hinaus:
Ob der Glaube sich wieder erneuert,
wenn der Himmel so hoffnungsvoll blaut?
Ob die Seele ihr Sommerfest feiert,
wenn an Sommernachtsträume sie glaubt?..

Wie schnell sind die Jahre verflogen!
Und dennoch, und dennoch allein!
Und niemand hat jemand betrogen:
Ein Zufall kam zwischenhinein.
Und niemand hat niemand verraten.
Wieviel Dramen im Leben es gibt!
Oft gipfeln sie in Postulaten,
die längst schon zu Asche verglüht…

Wir bewahren uns oft vor Gefahren
in den Gruben der seelischen Pein…
Eine Frau, stets allein viel Jahre,
geht schließlich ein Risiko ein…
Nun grüßt sie der gütige Sommer,
ihre Wangen streicht herzlich der Wind:
Das Alleinsein ist fort und verronnen –
auf dem Schoß lächelt zärtlich ihr Kind.

1987

Besorgnis

Die versteinerten bitteren Tränen
            der Kinder und Mütter und Witwen,
verwandelt in Steinobelisken,
                in mahnende marmorne Pfeiler,
die schweigend vor Schmerzen noch stöhnen,
               erinnern uns wieder und wieder
an die Schrecken des vorigen Krieges,
             die brennend sich eingeschnitten
ins Gedächtnis
                der am Leben Gebliebenen
als klaffende Wunden, die nimmer verheilen…

Die Apokalypse des blutigen Krieges
       hallt heute als warnendes Echo
            in tausenden Herzen noch wider…
Es ließ sich mein Land nicht verknechten!
Jedoch mit dem Blute der zwanzig Millionen,
die damals gefallen im heiligen Streit,
         sind die Felder der Heimat getränkt:
Sie starben als Helden, die, opferbereit,
               für die kommenden Generationen
ein friedliches, sinnvolles Leben erkämpft…
Der sehnlichste Traum aller Völker es ist,
              in Eintracht auf Erden zu leben
und dem ewigen Frieden entgegenzustreben…
Was können wir heute den Enkeln versprechen?
Es ist und es bleibt
                 unsre menschlichste Pflicht,
die Welt vor dem Kernwaffenkrieg zu erretten:
Die schutzlose Erde im stillen schon weint…
Bis heut die Gefilde
                    der Hoffnung noch grünen.
Seid wachsam, o Menschen,
           und laßt uns das Erdenrund rühmen!
O Brüder, es gilt, um den Frieden zu ringen
         und die atomare Gewalt zu bezwingen,
damit auch den Enkeln
         die Sonne des Friedens noch scheint!

1986

Für immer

Ich stürmte
die Leiter der Liebe hinauf.
     Bis zum schönblauen Himmel.
Dort schwang ich mich leicht
       auf den Apfelblauschimmel
der Hoffnung, der grünen,
und preschte dann eilends hinaus
in der nachtblauen Träume
               gesegnetes Reich.
Um wieder mit ihr,
       die ich abgöttisch liebe,
Frieden zu schließen.
           Frieden. Für immer…
Da geschah´s. Mich durchzuckte
ein greller,
            ein geistiger Blitz,
ein einziger
            blitzblauer Schimmer
und bin von der Leiter
              der Liebe gestürzt
und konnte und konnt´
                es nicht fassen:
Sie hat mich im Stich
                    ja gelassen.
Schon lange. Vor Jahren.
Auf immer… Für immer…

1987

*** (Der Habicht)

Der Habichter
labt sich
an seiner Beute.
Soll das bedeuten,
er besinge
verwegen
das Schlimme
und Böse?
Nein, gar nicht.
Auch der Mensch –
er ernährt sich
ja nicht nur allein
von Honig
und Getreide…
Es ist der Kampf
um das liebe Leben.

1987

Solang die warmen Farben leuchten

O stiller Herbst, dich bet ich an
und schließe dich
                  in meine Arme
und labe mich
              am sanften Klang
der sonnenwarmen,
                  weichen Farben!
Mein blauer Traum,
                der sacht verglüht
im Höhenrauch der Steppenweiten,
singt leise, leise mir ein Lied
von Freud und Leid
                der Jahreszeiten…

Der Winter kommt hereingeschneit
mit Pinsel und mit hellen Farben
und ziert mit seinem Blütenweiß
die Seelenwinkel allenthalben.
Des Winters reines Flockenweiß
muß für den heißen Sommer sorgen.
Damit das Grün des Frühlings reift
und Früchte trägt für unser Morgen.

Und mit dem Grün der Frühlingswelt
erklingen alle Farbentöne:
vom Blau bis hin zum Rot und Gelb –
im Reich der Farbenharmonie,
im Reich des Guten und des Schönen.

Und mit dem Purpur und dem Gold
der Frühherbstmilde
          schmück ich meine Träume.
So ha´s das linde
           Hoffnungsgrün gewollt…

Ob Sturm und Regen
mit ihrem Spätherbstgrau die Räume
meiner Seele
       nicht verfinstern dann
            und mein Bestreben
               anteillos verneinen?

Drum will ich eilen,
solang die warmen Farben leuchten.
Damit ich keine Zeit versäume.

                                       1987

Ob blau oder grau…

die heimlichen tränen der erle
erinnern an schimmernde perlen
verwaister, verfangener freude,
verwandelt in grübelndes schweigen:
statt glanz nur noch schwelende glut.

die glut, die der wind einst entfachte
und glücklich die erlenmaid machte:
wie flammten die tiefen gefühle!..
ist denn nur noch asche geblieben,
erkaltet das feurige blut?..

das blut in den adern der erle –
es pulst! und sie möchte so gerne
den klang jenes wohlwollens hören
und wieder die lieder beschwören,
die damals gesungen das glück…

dein glück, meine blühende erle, –
es funkelt und blitzt wie die sterne
am nächtlichen blaugrauen himmel:
bald strahlt es erhaben, bald flimmret´s,
bald blinkt´s wie ein flüchtiger blick.

ein blick, den im herzen bewahren,
als kleinod die kommenden jahre,
verlischt nicht am himmel der liebe,
ob blau er, ob grau ober trübe:
ein stern, der dich ewig bestrickt!

1986

Erwartung und Reminiszenz

Erwartung und Reminiszenz –
                   die beiden zusammen –
sind ein wahres Geschenk.
                          Sie entflammen
die besten Gefühle.
              Und nicht nur im Frühling.
Auch im Herbst sie den Glauben behüten.
Und klopfen sie an,
            so laß, o so laß sie herein,
meine Seele, ins Heim
              deiner Sommernachtsträume,
daß dein Mut und dein Lebensgefühl
                      nicht versteinern.

              * * *
Die gedanklichen Weiten
           erfassen bewegt und empfinden
im Wandel der Zeiten
      die unvergeßlichen farbigen Bilder
der Kindheit und Jugend und Reife
          als schwimmende Märcheninseln,
die nirgends auf lange verweilen,
          um schnell dann vorüberzueilen
im brausenden Meere des Lebens.
Und dort auf den Wellen sie treiben –
                   als Freude und Leid –
auf immer, für immer dahin.
                   Und es wäre vergebens
ein seufzendes, wehes
                     „Ach wenn doch!..“.
Ein Verhallen es ist. Ein Verklingen.
           Ein schmerzvolles Händeringen
der Trostlosigkeit.
        Ein leises, fast stilles „Ade!“.
Denn: Scheiden tut weh!..

             * * *
               Und dennoch! Und dennoch!
Die Seele vernimmt
              und erhört noch die Klänge
der berückenden Lieder,
die die Wehmut und Schwermut verdrängen.
Und wieder und wieder –
             versinnbildlicht – flimmern
am herbstgrauen Himmel
                 als glühende Pünktchen,
als winzige Sterne,
               als zirpendes Schweigen –
und wenn auch in mystischer Ferne –
         die kurzen bezaubernden Stunden
des unbegreiflichen, ewigen Wunders –
                                  LEBEN:
Wieviel Stege
              des launischen Glücks,
      wieviel Wege
                 der menschlichen Liebe,
wieviel Straßen
       ergreifender, strahlender Freude,
wieviel Pfade
      verzweifelter, heimlicher Trübe!..
Ein unvergänglicher, göttlicher Segen,
   den die Mutter Erde bemüht immer ist,
       den Menschen umsonst zu vergeben!

              * * *
Und du weißt,
               o du weißt ja, mein Herz,
wieviel Leid,
            wieviel Schmerz
               es noch gibt in der Welt.
Also spanne dich ein,
wenn auch manchmal
                 den Veitstanz du tanzt,
und ackre und pflüge! Besäe dein Feld
                 auf dem schartigen Grat
der Widersprüche im menschlichen Sein
    mit knospenden Blumen der Eintracht,
mit Nelken und Rosen des Friedens!
             Und all dein inneres Feuer,
deine Leidenschaft,
                   deine geistige Kraft,
die dir noch geblieben,
        setz ein und verbrauche sie ganz
und beweise mit Wort und Tat,
            mit deiner bescheidenen Saat
deine innere Haltung,
                    deine Menschenliebe!

1986

Warme Worte

Ein stoppliges Gesicht
hat heute sein Gedicht…
Doch wichtiger wohl ist,
was aus den Zeilen spricht.
Und wenn aus dem Gestrüpp
der wildzerzausten Zeilen
ein warmes Wörtchen schlüpft,
mit seinem Zauberblick
dich anrührt und bestrickt,
bereit,
        dein Leid
                  zu teilen
und Wunden dir zu heilen, –
so ist es sicherlich
       ein lohnendes Gedicht.

1986

Scheiden tut weh

Für meine Studentinnen

Ein Ahorn. Fast entlaubt. Im Walde weinend:
Sein Herz ist nicht aus Eis und nicht aus Stein.
Wie inniglich er liebt die jungen Bäume:
Sie prangen stolz und träumen ihre Träume,
wie er vor vielen Jahren sie geträumt.

Es wurde ihm zu teil so manches Gute,
so manches Schöne, was er kaum vermutet.
Doch auch im grünen Walde eilt die Zeit:
Die Jahre, Monde, Stunden und Minuten –
sie sind ein Augenblick der Ewigkeit…

Noch strahlt das helle Dur im Herzen wider.
Der Abschied aber dichtet wehe Lieder,
die dann die Einsamkeit im stillen singt:
Ein Schmerzgefühl: Ob alles nun vorüber:
Ein Baum, ein kahler, der auf Moll gestimmt…

Doch findet Trost er in den jungen Trieben,
die hoffnungsvoll und freudestrahlend grünen:
Ein Reigentanz der frohen Zuversicht!..
Er weiß, wie heiß das Leben alle lieben.
Drum strahle, strahle, helles Sonnelicht!

1986

Dein Stern

Für Irina

Am Himmelsbogen deiner zwanzig Jahre
strahlt hoffnungsfroh und hell
                        dein guter Stern.
In deinem Herzen wirst du stets bewahren
den Widerschein des Frühlings,
                          der schon fern.

Im späten Herbst,
             wenn grau und rauh die Tage,
wird deine Seele wärmen ihr Gemüt
dort am Kamin der fernen Freudenstrahlen,
wenn sich Gewitter mal zusammenzieht…

Sei stolz auf deinen Stern,
                     den Stern der Jugend
und ringe um das Schöne und das Gute
und denke, denke nicht an dich allein.

Und wandle, wandle stets
                      den Pfad der Tugend
und greife ein, wo Unrecht du vermutest,
denn alle Menschen wollen glücklich sein.

1986