Vom Teig zum Brot

Verschleiert sind die Verse,
   die Renno Remmo schreibt?
In einem Küchenmörser
  er Wort für Wort zerreibt.

Dann nimmt er dieses Pulver,
    vermischt mit Lebertran,
und rührt nun freudetrunken
       den Teig mit Hefe an.

Der Teig muß lange gehen.
  Der Bäcker weiß, wie lang.
Verpaßt er´s aus Versehen,
        so ist er übel dran.

Dann fließt die ganze Masse
           ins Uferlose hin;
dann sitzt er im Schlamassel
und sucht nach seinem Sinn.

Verschläft er´s nicht,
                 dann knetet
er nächtelang den Teig.
Und klebt und prägt
                (und betet!)
und formt das Brot:
              Er schreibt!..

Und scheint ein Vers
               verschleiert,
erkenne seinen Wert!..
Wozu herunterleiern,
    was jeder schon gehört?!                                   

24. April 1990

Der Brauch

Die Winden? Oh, sie winden sich
um alles, was zu finden ist,
und klettern flink, doch vorsichtig
den meterhohen Zaun hinauf
und blühen froh im Sonnenlicht
weiß-rosa-lila-mattbläulich…

Doch eines… Ja, sie scheuen sich
vor Dunkelheit und Finsternis
und schließen ihre Trichter schlicht,
sobald es draußen Abend wird…
Ein jedes Kraut hat seinen Brauch…
Und wir? Na, du und ich? Wohl nicht?

29. Juni 1987

*** Wenn die schuldlosigkeit

wenn die schildlosigkeit
      sich nächte hindurch –
voller quälender angst
            und beklemmung –
mit zitternden händen
   an den hoffnungsstrahl
        klammert und stöhnt;

wenn sie schweißbedeckt
morgens dann wieder erwacht
    und sich wieder am rande
des abgrunds befindet,
        der bodenlos klafft;
wenn sie – niedergebeugt –
        nun bittet und betet
und um mitgefühl fleht,
      um nicht von dem Sumpf
der kalten und tödlichen
gleichgültigkeit
    verschlungen zu werden –

dann sollten die qualen
        es wagen und fragen:
wird sie endlich erhört –
die bebende stimme
           der ratlosigkeit?
wird erhört in der wüste
der indifferenz
       der angstvolle schrei
der schändlich verschmähten?

wird gerechtigkeit walten
                 allendlich,
damit die solange gequälte
    dann selbst zu bestimmen
vermag ihren weg – den weg
    ohne tränen und stöhnen?

oder stößt die verdammung –
     voller schadenfreude! –
die verstoßene zynisch hinab
  in den klaffenden abgrund,
in die gähnende tiefe
  des stockschwarzen nichts?

14. März 1990

Für immer verstoßen?

Verzeihe mir, Allegorie,
       wenn aus meinen Gedichten
die Linde verschwindet,
        die so oft ich besungen!

Nur verwickelte Wirklichkeit:
Von den wütenden Stürmen
             der trostlosen Zeit
halb zu Tode gepeitscht,
        halb zugrunde gerichtet,
von Kummer gebeugt,
          bedrückt und entrückt,
steht sie am Rande des Weges,
die Linde, allein und verlassen
und kann sich nicht fassen…

Die Depression der Bedrückten
steigert sich widerstandslos
            bis zur Melancholie:
Verstoßen?.. Auf immer?..
So sagt mir, warum und wofür?..
Erbarme, erbarme dich, Himmel!..
Denn die Niedergeschlagenheit
   und die Angst des Alleinseins
verstümmeln – ohne Rücksicht
und Mitleid – das Lebensgefühl
      der schmachtenden Linde…

Und die Tage sind düster und öd,
und die Nächte, die langen,
        sind schlaflos-verdreht,
wenn der letzte Hoffnungsfunken
längst hinabgesunken ins Dunkel
der Leere und Trostlosigkeit…

So lange verpönt und verschmäht!
Doch vielleicht, ja, vielleicht
     wird ein Ausweg sich finden
aus der Wirrnis der Disharmonie,
           wo die leidende Linde
vor Gram und vor Kummer vergeht,
   damit sie allmählich gesundet
und des irdischen Lebens
     sich allendlich noch freut?

18. Mai 1990

Mondscheingeschenk

Ich fange oft von neuem an –
und schreibe, wie ich schreiben kann.
Mal reimt es sich, mal ohne Reim:
Nicht jeden Tag ist Sonnenschein!

Und ist der Tag zu kurz dafür,
so nehme ich mein Schreibpapier
und eile auf den Mond hinauf:
Dort habe ich ein Sommerhaus.

Und in dem Häuschen steht ein Tisch.
Und auf dem Tischchen liegt ein Wisch.
Das Wischchen wischt die Zeilen aus…
Dann geh ich aus dem Haus hinaus.

Und wandle durch die Mondscheinnacht
mit ihrer Mondlichtfarbenpracht,
bis sie mir ein paar Zeilen schenkt,
woran da drunten niemand denkt…

Dann spanne ich den Fallschirm auf
und fliege in das All hinaus
und pflücke einen Sternenstrauß
und wirke ein Gedicht daraus…

Das nehm ich in die Schule mit –
und schenke es dem Lehrer Schmidt,
der mich mit kaltem Blick „bedenkt“,
weil ich den Unterricht geschwänzt…

Dann fange ich von neuem an –
und dichte, was ich dichten kann:
Die freien Rhythmen tanzen froh
da mit den Reimen Rock and Roll

18. Februar 1990

Quälende Zweifel

        Maria Henning gewidmet

Ach, liebe Frau Henning,
wie schön, daß Sie glauben
ans Aufblühen
        unserer Literatur!
Drum möcht´ ich bekennen:
Wenn wir uns berauben –
der Hoffnung, der letzten,
     verschwindet die Spur

des Guten und Schönen,
das unsere Ahnen
uns gern hinterlassen
       als Lebensweisheit,
damit unser Sehnen
sich Wege wird bahnen
zu Taten, die edel
       zu jedweder Zeit…

Doch dumpfe Gefühle
bedrängen mich heimlich,
warum uns die Gnade
          so lange umgeht:
Ob unsere Lieder
und unsere Träume
die Herzlosigkeit
  der Verneninung versteht?

Drum quälen mich Zweifel:
Wie lange noch leiden?
Es bleiben bis heute
   die Deutschen verwaist.
Und wird uns erreichen
allendlich die Freude,
da unsere Heimat
     willkommen uns heißt?

                                12. Juni 1990

Es gluckert und sprudelt…

„Wer hat sich dort hinter
dem Spiegel versteckt
und hat mich so früh
aus dem Schlaf heut geweckt?
Bald guckt er von rechts,
und bald guckt er von links
verschmitzt und gewitzt
hinterm Spiegel hervor;
bald huscht er die Wände
hinauf schnell und flink;
bald schwingt er sich leicht
bis zur Decke empor
und rekelt und aalt sich
und streckt sich schön aus
und schlüpft dann kopfüber
durchs Fenster hinaus…“

Wer heute dich neckt
schon zum hundertsten Mal?
Gewiß ist´s des Sonnenballs
klingender Strahl!
Es weckt dich der Frühling,
der Einzug rings hällt
und dir von Frau Sonne
viel Grüße bestellt.
Steh auf denn, steh auf
und verlasse das Haus
und eile, mein Junge,
ins Freie hinaus!

Es gluckert und sprudelt
das Wasser im Bach.
Die Welt der Bewegung
ist wieder erwacht!
Die Fluren und Wiesen
sind rings wieder grün.
Der Frühling, der Frühling
läßt alles erblühen!

                                28. März 1988

Geeintes Handeln

Kataklysmen und Katastrophen.
Das prophezeien die Astrologen.
Am Ende unseres Jahrhunderts.
Oh, wenn sie sich irren würden!
Ob nicht schwer genug die Bürde,
die die Menschen tragen müssen?!

Doch Geißelhiebe werden ausgestellt
von allen Seiten, weit und breit.
Bald wüten wilde Regengüsse,
bald Trockenheit und blinde Hitze;
zu Staub zerreiben schwere Dürren
die grünen Saaten unbekümmert.

Ständig toben die Naturgewalten.
Und die Erde bebt und zittert.
Bald dort, bald hier erschüttert
und zerstört ihr Beben ungehalten
die Behausungen der Erdenkinder,
wo ihren Tod so viele finden…

So viel Schreckliches und Böses!
Ob die Höllenklüfte Feuer fauchen,
um den Glauben der geplagten Seele
an Erhebung und Erlösung
zu verbrennen auf dem Scheiterhaufen?
Um das Gute dieser Welt zu töten?

Und hinzu noch kommen die Raketen.
Und das jahrelange Irregehen.
Und der Völkerzwist im eignen Lande.
Und die große Armut und das Elend…
So laßt geeint uns endlich handeln,
um der dunklen Kraft zu widerstehen!

                                        24. Juni 1990

Wenn´s alles gibt…

Sie liebt Balyk,
er – Zervelat.
Drum können sie
sich nicht vertragen
und streiten sich
auf Schritt und Tritt
und möchten sich
gar scheiden lassen.

Doch wollen sie
noch etwas warten.
Denn Wurst und Fleisch
von solcher Art
sind leider nirgends
zu ergattern…

Was dann geschieht,
wenn´s alles gibt
auf ihrem Tisch,
ist schwer zu sagen.

5. Juli 1990

Erlangen

Auch die Einfalt,
ziemlich dumm, hat manchmal
einen tollen Einfall
und keine Angst
         vor einem Reinfall.

Warum nicht promovieren?
Wo so manche Einfaltspinsel
     den Doktorhut erwerben!
Es lohnt sich zu probieren.
Dann müssen alle
schön auf allen vieren
     vor der Würde kriechen!

Gesagt – getan.
„Der Apostroph
und sein semantisch –
       lexikalisches Gepräge
und seine Rolle
        in der Kommunikation
und seine Perspektiven
            in der Evolution
der künftig toten Sprachen“.
So heißt die Dissertation,
die man für die Einfalt
    kollektiv geschrieben…
Professor Ratzekahl:
          „Einfach epochal!“
(Die Einfalt blinzelt
        geistlos und banal.)
Professor Untertan:
    „Wundervoll und genial!“
(Die Einfalt lächelt blöde.)
Professor Lebertran:
„Eine Revolution
         in der Untersuchung
sprachlicher Probleme!“
(Die Einfalt fragt sich:
‚Soll ich mich da schämen?‘)
Professor Mammutzahn:
„Der Kandidatentitel
ist der Dame zu verleihen!“
(Die Einfalt: ‚Gott, o Gott,
vergib mir und verzeihe!..‘)

Und das Ergebnis?
Die Einfalt, zwar beschränkt
und blöd wie früher,
           ist längst Dozent
am Apostropheninstitut
               „Experiment“.

19. Juni 1990