Wunden

Kein Licht,
         keine Wärme, kein Glaube;
nur Kälte, Enttäuschung und Angst;
kein Trost
        in den glanzlosen Augen…
Wer hat dir dein Leben zerstampft?

Wer hat dich zermürbt
                    und zerrieben?
Ein Schurke?
            Ein Schuft? Ein Kujon?
Verrat? Oder Haß? Oder Liebe? –
Was führte zur Korrosion?..

Du schweigst…
     Wie die Frauen nur schweigen,
zerbrochen von Kummer und Leid…
O fände dein Herz ein Bleibe,
wo jemand die Wunden ihm heilt!

1988

*** (Teerosen, Teerosen)

Teerosen, Teerosen,
trinkt ihr
        georgischen Tee,
damit eure Sehnsucht
nicht so
    schmerzlich vergeht?
Damit eure Sorgen –
die welkenden Blüten –
der südliche Nachtwind
behutsam verweht?..

Auch ich trinke Tee,
wenn das Fernweh
            mich quält…
O Sehnsucht! Wie schön,
wenn die dürstende Seele
die Töne des Schönen
vermag zu vernehmen
     und sie zu behüten.

1987

Das frische Grün

Wie liebreich sind
              die Bäume und die Sträucher –
sie schmücken sich
               so schlicht mit Chlorophyll,
das sie am langen Sommertag gespeichert,
damit uns gute Nachricht bringt –
                            das grüne Bild.

Und wenn im Walde sanft
                      die Blätter rauschen,
verschenken sie die grüne Seligkeit den
Menschen, die die Sommerfreude brauchen
dann in der rauhen Herbst- und Winterszeit.

Wir wandeln durch den Wald
                      der Schicksalsfügung.
Und wie bekömmlich ist nach dem Gewitter,
nach Stunden der Enttäuschung,
                             die so bitter,
das reinigende, heilende Ozon.

Die Bäume, Sträucher und das Gras
                          uns nie betrügen,
auch wenn sie selber täglich ringen müssen
um ihre Daseinsfreude pflichtbeflissen –
um ihren sommergrünen, satten Ton…

Wenn wir nun, Menschen, auch so gütig wären
wie jenes Grün in einem Birkenblatt,
so könnte nichts
               das Menschenglück zerstören,
solang das segensreiche Erdenrund
     (mit Wald und Feld und Wiesengrund;
          mit Wolken, Regen und mit Wind)
noch seine glanzumwobene Beschützerin –
              die wundervolle Sonne! – hat.

1987

Lebensbejahende Humanität

           1.

So viele Geheimnisse
werden allmählich gelüftet.
Und es ist ja auch Zeit!
Sie wurden so lange
verhehlt und verschwiegen
und gründlich verborgen
hinter Schloß und Riegel
        der Scheinheiligkeit
und hinter den Türen
      raffinierter Schwindel
mit der Aufschrift „Tabu!“;
sie wurden in Bunkern
        der faustdicken Lüge
zu Spalen geschichtet
und im feuchtkalten Dunkel
der Gleichgültigkeit
     und der Abgestumpftheit
auch vertilgt und vernichtet
ganz stumm ab und zu.

           2.
So viele Geheimnisse
werden allmählich
  zum Teil entschleiert.
Und viele Versäumnisse
werden im Zuge der Zeit
           wiedergutgemacht.
Doch ist´s noch zu früh,
         Triumphe zu feiern.
Denn wucherndes Unkraut,
das ledrig und zählebig ist,
gibt es gewiß
        bis heut noch genug.
Und Lug und Betrug –
sie ziehen
      (in Maskenballtracht!)
noch oft in die Schlacht…

          3.
Madam Heuchelei,
      ein Sträußchen am Hut,
ist vor Zorn und vor Wut
      wieder weißkäsebleich,
ist empört und entrüstet
und knirscht mit den Zähnen
und verliert eine Träne
      und zetert und schreit
und verschluckt sich dabei:
„O verzeiht, meine Zeit
ist noch weit nicht vorbei!
Und ich mach im Nu
        als Chamäleon breit!
So sagt mir, wozu
alle Übel und Sünden
       aus meiner Geschichte
ohne Mitleid und Gnade
  und Rückhalt verkünden?!“

           4.
Verputzte Fassaden
       sind anziehend! Aber:
Wer zahlt denn die Schulden?
Die Unterwürfigkeit,
     die zu leiden bereit?..
Ja, gewiß, ja, gewiß,
mit Make-up und mit Schminke
kann man die Schmarren
                  und Narben
der schmerzhaften Wunden,
die das schlechte Gewissen
der Straflosigkeit
           und der Bürokratie
ins Zellgewebe
der Gesellschaft gebissen,
ja vertuschen, verschleiern
und in Nebelglanz hüllen,
gar in leuchtende Farben.
Und es gibt solche Winke –
         eine Art Kompromiß.

           5.
Doch umsonst ist die Müh,
die auf Lüge sich reimt.
Eine Mahnung an uns
     ist die leidvolle Zeit,
die wir stumm überlebt…
Und es gilt nun, die Trümmer
       der sittlichen Flaute
der verflossenen Jahre
konsequent aus den Hirnen
der Miesmacher und Pharisäer
           herauszuschaufeln
und die Atmosphäre
der Wiedergeburt
               zu sanieren,
damit sich die Träume
des schaffenden
            Volkes erfüllen,
damit wir die Freude
des friedlichen
           Lebens verspüren.

           6.
Und die bitteren Pillen
der lauteren Wahrheit
       müssen wir schlucken,
damit wir nie wieder
vor der schamlosen Lüge
      uns flügellahm ducken.
Und das reine Gewissen
  der sprießenden Demokratie
ist ein heilendes Mittel,
   das sich um die Gesundung
der Gesellschaft bemüht.
Und die innere Stimme
    der wachsamen Publizität
ist der bildhafte Ausdruck
     der Meinungsfreiheit…
Und dort, wo Gerechtigkeit
                     waltet,
wo der Schöpfergeist
            der Umgestaltung
wie der frische Wind
      unser Vorwärts umweht,
wird unseren Glauben
                  beschirmen
der friedliche Himmel
der lebensbejahenden,
      sonnenwarm strahlenden
Humanität.

                                1988

Schicksalsmühle

Mahle, Mühle, mahle,
wenn die frische Winde wehn!
Neunundneunzig Malter
Mühe muß ich zahlen
für den Trost im Alter?
Oh, so nimm sie! Bitte schön!

Mahle, Mühle, mahle,
wenn die frischen Winde wehn!
Und wenn Stille waltet,
will ich meine Qualen
still für mich behalten –
ohne Zank wie ehedem.

Mahle, Mühle, mahle,
wenn die frischen Winde wehn!
Will die Treu´ dir wahren,
bis die wunderbaren
Sterne nicht mehr strahlen,
die an meinem Himmel stehn.

1988

Dein Ja

Ach, wie schön der Morgen
strahlt im milden März!
fühlt sich so geborgen,
schwingt sich himmelwärts
in die blauen Lüfte,
voller Zuversicht,
um ein Lied zu dichten
hell wie´s Sonnenlicht.

Singt von Lust und Liebe
und Geborgenheit,
daß dich nie betrübe
Hoffnungslosigkeit,
daß die Blumen blühen
auch zur Sommerszeit
und sich ständig mühen
um Beständigkeit…

Und an einem Märztag –
oh, da fand ich dich!
Und nur einen Herzschlag
lang verstand ich nicht,
daß die Frühlingssonne
liebevoll mich küßt
und die Stund gekommen,
die mir Glück verspricht…

Und es klingt noch immer
jenes Frühlingslied,
und es blaut der Himmel,
und die Liebe glüht
heiß in deinem Herzen
wie vor Jahr und Tag,
als im milden Märzen
du mir ja gesagt.

1988

Schwalbengesang

Ich stapfe hinunter ans Ufer
des Flusses und träum meinen Traum…
Da höre ich gräßliche Rufe –
ich hatte sie gar nicht vermutet -:
Mich grüßt eine Krähe vom Baum!

Was krächzt du so schauderhaft, Krähe?
Worauf bist du wieder erpicht?
Du willst dir ein Opfer erspähen?
Ich weiß ja, bis vier kannst du zählen,
doch wahrsagen kannst du mir nicht.

Und meinst du, dein freches Gekrächze
vermansche mir heut meinen Tag?
Du meinst, daß nach Sühne ich lechze,
und willst mich zu Frevel verhetzen,
damit mich die Sünde dann plagt?..

Ich höre mir lieber die Lieder
der Schwalben am Flußufer an
und mach mir Gedanken darüber,
wie weit sich so manchmal die Liebe,
die stille, verirren doch kann…

Ich lausche den Liedern der Schwalben.
Sie ziehen mich langsam in Bann.
Und voller Erbarmen – umarmen
mich warme und samtweiche Farben…
o heilender Schwalbengesang!

1988

Appell

Nein, meine Tage,
die heut schon gezählt
          und in Monde gegliedert,
geben die Hoffnung nicht auf,
daß die Vernunft dennoch siegt.
Aber:
Die tobenden Stürme,
      die über die Erdteile jagen,
Träume vernichten zuhauf,
schüchtern mich ein allzu oft.

Was, wenn die Lieder
des Glaubens, erdrosselt,
             auf immer verstummen,
wartet auf uns in der Nacht,
die uns dann später umgibt?..
Sind wir imstande,
wir einfachen Menschen,
        den Schreck zu verhindern?
Ob uns ein Unmensch erhört,
der über Allmacht verfügt?..

Nirgends und nimmermehr
duldet, o Brüder,
           die Macht der Tyrannen!
Setzt euch für Menschlichkeit ein,
wie´s sich für Menschen gebührt:
Möge die Wärme
des Herzens das Gute
                auf Erden behüten,
daß sie erhalten uns bleibt
und die Vernunft triumphiert!

1988

Solang die Sonne strahlt

Was wuchs vor tausend Jahren
                 auf diesem Weizenfelde?
Das könnte man vielleicht erfahren.
        Getreide? Oder Schuttplatzmelde?
Ja, Melde… Die habe ich gegessen
          im Hungerjahre dreiunddreißig.
Ja, wie die Melde schmeckt –
          das weiß ich, oh, das weiß ich
und wird´ es nie vergessen:
Sogar des Nachts hat sie mich aufgeweckt,
nichts andres hatte ich zu beißen.
Vielleicht hat sie mich auch gerettet…

   Und was, was wird nach tausend Jahren
hier wachsen? Hier, auf diesem Felde?
     Und wird´s noch Weizenfelder geben?
       Und Wälder, Wiesen, Tiere, Vögel?
Und wird der Mensch noch selber leben?
      Entscheiden alles die Atomraketen?
Und nicht der Mensch
als höchstes und vernunftbegabtes Wesen?
Entscheidet alles auf der Erde später
der schwarze Rauch? Der Schwefeldunst?
Der Kältegrad? Der schwefelgelbe Nebel
von Millionen edler Menschenseelen,
        die in der Nachkriegsqualenhölle
als radioaktive Stäubchen schweben?..

O Menschheit, willst du wirklich selber
   nun über dich das Todesurteil fällen?
Soll das der Gipfel
                   deiner Weisheit sein?
Es wäre deine größte Greueltat
und als Vergeltung deine Höllenqual!..
O Mensch, es ist noch nicht zu spät,
bedenke dich, bedenke deinen Weg,
          solang die Sonne noch für uns,
für alle Menschen –
             Licht und Wärme spendend –
am blauen Himmel steht,
      solang sie noch begnadend strahlt,
es gut mit uns, den Erdenkindern, meint!

1986

Um fremde Qual zu lösen

Es ist gewiß nicht leicht,
die Larve vom Gesicht
der Schlechtigkeit zu reißen:
Geschniegelt und gebügelt,
behängt mit Firlefanz;
durchtrieben und gerieben,
schleicht
    das schlaue graue Übel
sacht um die Ecke, um deine
stillen Träume,
       worin die Gütigkeit
das Mitempfinden pflanzt,
allmählich auszuplündern;
um dein Gefühl der Freude,
wenn Schlimmes du verhindert,
beharrlich zu verschleißen
und in den Staub zu schmeißen.

Und dennoch sei bemüht,
mein Herz, zu unterscheiden,
das Schwarze von dem Weißen,
die Härte von der Milde,
die Wahrheit von der Lüge,
das Gute von dem Bösen –
um fremdes Leid zu lindern
und fremde QUAL zu lösen.

1988