Lebensbejahende Humanität

           1.

So viele Geheimnisse
werden allmählich gelüftet.
Und es ist ja auch Zeit!
Sie wurden so lange
verhehlt und verschwiegen
und gründlich verborgen
hinter Schloß und Riegel
        der Scheinheiligkeit
und hinter den Türen
      raffinierter Schwindel
mit der Aufschrift „Tabu!“;
sie wurden in Bunkern
        der faustdicken Lüge
zu Spalen geschichtet
und im feuchtkalten Dunkel
der Gleichgültigkeit
     und der Abgestumpftheit
auch vertilgt und vernichtet
ganz stumm ab und zu.

           2.
So viele Geheimnisse
werden allmählich
  zum Teil entschleiert.
Und viele Versäumnisse
werden im Zuge der Zeit
           wiedergutgemacht.
Doch ist´s noch zu früh,
         Triumphe zu feiern.
Denn wucherndes Unkraut,
das ledrig und zählebig ist,
gibt es gewiß
        bis heut noch genug.
Und Lug und Betrug –
sie ziehen
      (in Maskenballtracht!)
noch oft in die Schlacht…

          3.
Madam Heuchelei,
      ein Sträußchen am Hut,
ist vor Zorn und vor Wut
      wieder weißkäsebleich,
ist empört und entrüstet
und knirscht mit den Zähnen
und verliert eine Träne
      und zetert und schreit
und verschluckt sich dabei:
„O verzeiht, meine Zeit
ist noch weit nicht vorbei!
Und ich mach im Nu
        als Chamäleon breit!
So sagt mir, wozu
alle Übel und Sünden
       aus meiner Geschichte
ohne Mitleid und Gnade
  und Rückhalt verkünden?!“

           4.
Verputzte Fassaden
       sind anziehend! Aber:
Wer zahlt denn die Schulden?
Die Unterwürfigkeit,
     die zu leiden bereit?..
Ja, gewiß, ja, gewiß,
mit Make-up und mit Schminke
kann man die Schmarren
                  und Narben
der schmerzhaften Wunden,
die das schlechte Gewissen
der Straflosigkeit
           und der Bürokratie
ins Zellgewebe
der Gesellschaft gebissen,
ja vertuschen, verschleiern
und in Nebelglanz hüllen,
gar in leuchtende Farben.
Und es gibt solche Winke –
         eine Art Kompromiß.

           5.
Doch umsonst ist die Müh,
die auf Lüge sich reimt.
Eine Mahnung an uns
     ist die leidvolle Zeit,
die wir stumm überlebt…
Und es gilt nun, die Trümmer
       der sittlichen Flaute
der verflossenen Jahre
konsequent aus den Hirnen
der Miesmacher und Pharisäer
           herauszuschaufeln
und die Atmosphäre
der Wiedergeburt
               zu sanieren,
damit sich die Träume
des schaffenden
            Volkes erfüllen,
damit wir die Freude
des friedlichen
           Lebens verspüren.

           6.
Und die bitteren Pillen
der lauteren Wahrheit
       müssen wir schlucken,
damit wir nie wieder
vor der schamlosen Lüge
      uns flügellahm ducken.
Und das reine Gewissen
  der sprießenden Demokratie
ist ein heilendes Mittel,
   das sich um die Gesundung
der Gesellschaft bemüht.
Und die innere Stimme
    der wachsamen Publizität
ist der bildhafte Ausdruck
     der Meinungsfreiheit…
Und dort, wo Gerechtigkeit
                     waltet,
wo der Schöpfergeist
            der Umgestaltung
wie der frische Wind
      unser Vorwärts umweht,
wird unseren Glauben
                  beschirmen
der friedliche Himmel
der lebensbejahenden,
      sonnenwarm strahlenden
Humanität.

                                1988