In Moll und in Dur

Minuten, Sekunden
sind zuckende Blitze.
Dem flüchtigen Aufblick
der Augenblick gleicht.
Und Tage und Stunden
sind winzige Spritzer
des sonnigen Regens
der fliehenden Zeit…

Ein Blick, der erhebend,
kann stundenlang währen;
ein Blick, der ergreifend,
strahlt Jahre hindurch.
An Stunden des Schönen
noch lange wir zehren;
die Stunde, die bitter,
die Stirn uns zerfurcht.

Die Tage der Freude,
die längst schon geschwunden,
sie bleiben als Stimmton
im Herzen zurück…
Im späten September
umarmt uns mitunter
girlandenumwunden
das launische Glück…

Die Stunden, die Tage,
die Monde, die Jahre
zerschmelzen im Tiegel
der inneren Natur:
Ob Herbst oder Frühling –
die menschliche Seele,
sie singt ihre Lieder
in Moll und in Dur.

13. April 1985

Erblühe, Annett!

Am sonnigen Himmelsbogen
der heißen und innigen Liebe
kam langsam ein bläuliches
                Wölkchen
leicht schwebend
           heraufgezogen
aus dem fern-fernen Weltenall
und ließ sich allmählich dann
                  nieder
als rosaweißfarbenes
             Flöckchen –
aufleuchtend so licht wie
              Kristall –
und grüßte am Zweig eines
                   Baumes
die Umwelt als zart-zartes
              Knöspchen…

O mein Kind, meine
              Rosenknospe,
du, unsere Freude und
                 Hoffnung!
Du sollst mit der Zeit dich
                entfalten,
dich öffnen und üppig
                ersprießen
und farbenfroh-freudig
                 erblühen,
du sollst als Juwel am friedlichen
                   Himmel,
als Wunschbild verblassender
                    Sterne
hell leuchten und funkeln
               und glühen!

1985

Das Leben will leben

Ein Kind hat das Licht
der Welt heut erblickt.
Sein Näschen ist rot,
sein Mündchen ist groß,
noch gläsern sein Blick
und sein Näbelchen dick.
Doch alles, was nötig,
bekam es ja mit!

Die ratlose Gene –
sie werden so manches
sodann korrigieren:
verändern, vermindern,
verbessern, verschönern,
denn alles am Menschen
muß stets harmonieren…

Jetzt haben die Eltern –
gottlob! – ihre Sorgen,
und glückerfüllt schauen
sie nun in ihr Morgen…

Das Klümpchen, es schreit,
drum ist es schon Zeit,
die Brust ihm zu geben:
Das Leben will leben!..

Die Milch und die Gene,
die Sorge und Liebe –
das ist noch zu wenig:
Das Kind braucht
             noch Frieden!

1985

Das Feld meiner Enkel

Ich wandle am Rain
zweier Felder dahin –
zwischen jenem von gestern
und diesem von heute –
und recke den Hals,
um das dritte der Felder,
die Flur meiner Enkel,
ihr Morgen, zu sehen.

Kein düsteres Grau
die Vergangenheit prägt,
keine gähnende Leere
entgegen uns schlägt
aus dem gestrigen Tage:
Wie schwer es auch war –
kein Verhängnis vermochte,
uns niederzuringen.

Das gestrige Feld
wurde sorgsam gepflegt.
Und wir finden dort Taten
und Muster genug,
wonach wir auch heute
die Jahrbücher schreiben
und das Leben gestalten:
Was gut ist, soll bleiben!

Das heutige Feld –
es wird sinnvoll bestellt.
Und wir bauen mit Fleiß,
unserm Wahlspruch getreu,
an der Zukunft bereits,
daß die Fluren von heut
reiche Früchte dann tragen
in den kommenden Jahren…

Ich wandle am Rain
zweier Felder dahin,
wo das Heute, vereint
mit dem Besten von gestern,
mich hoffnungsvoll stimmt:
Das Feld meiner Enkel
wird grünen und blühen
und reich sie beschenken.

25.06.1985

Kindheitsträume

Ach so viele
farbenreiche
Blütenträume –
im Gedächtnis noch
von früher Kindheit her –
mir auch heut in meinen
späten Tagen scheinen
wie ein Sternenmeer,
das immer wiederkehrt.

Der verwehten
Kinderjahre
schönste Tage –
wie die Blumenpracht
im Lenz am Wiesenrain –
schmücken bunt wie Dahlien
auf dem Reich der Fabel
mein bergabwärts wandelndes
Bis-jetzt-noch-Sein.

Wenn auch unerfüllt
so mancher Traum geblieben,
oft nach einem fernen Bild
mein Herz verlangt.
Und der grünen Wiesen
traute Frühlingslieder
hallen heut noch wider
wie ein Festgesang…

Ewig soll des Frühlings
Auferwachen klingen
auf dem sonnenwarmen
blauen Erdenrund
und den Kindern singen –
Träume, wonnenfarben
wie die Blumengarben
dort im Wiesengrund!

16.02.1985

Jahreswechsel

Zur späten (oder frühen!) Stunde
begegnen heute hier einander
am Kreuzweg des Jahrhunderts
(Es leuchtet farbenfroh
    die Losung „JAHRESWENDE!“)
der altgewordene Dezember
und sein Nachfahr, der junge Januar,
und reichen lächelnd sich die Hände:
Zwei Boten des Jahrhunderts,
in Freundschaft eng verbunden,
repräsentieren miteinander
das alte und das neue Jahr…

Im ganzen Heimatlande,
wo immer es auch war –
in Werken und Fabriken,
in Kohlengruben, Eisenhütten,
auf Erdöl- und Getreidefeldern,
in Forstwirtschaftsbetrieben,
und im Bereich des Wissens,
und in der Sphäre des Gewissens –
da haben der Dezember
und seine elf Gebrüder,
des Fortschritts Fahne hissend,
stets ihren Mann gestanden
das ganze runde Jahr…

Das so ereignisreiche Jahr ist um…
Es geht ja, Freunde, nicht darum,
um Lobeshymnen nun zu singen.
Es muß die Wahrheit stets erklingen.
Es ist noch manches Laster
                       zu bezwingen.
Doch hat das alte Jahr
           so manchen Sieg errungen,
es hat das größte aller Übel,
den Ausbruch eines atomaren Krieges,
im harten Widerstreit bezwungen
trotz hinterlistigen Intrigen,
die skrupellos und geifernd,
um Maximalprofite einzustecken,
die Waffenhändler fleißig spinnen.

Und auf dem aufgerollten Banner
        des Wirkens und des Ringens
steht großgeschrieben wie schon immer –
das Wohl der Menschen,
              der werktätigen Massen
mit ihren Freuden
              und mit ihren Sorgen –
ihr Sehnen und ihr Tun und Lassen,
ihr tatenreiches Heute
   und ihr hoffnungsvolles Morgen…

Und dort am Kreuzweg
                   des Jahrhunderts,
zur späten (oder frühen!) Stunde,
wünscht froh der scheidende Dezember
(Rings farbenprächtig prangt
      das Spruchband „JAHRESWENDE!“)
nun seinem jungen schlanken Vetter,
dem lebensfrohen zielbewußten Januar
ein glückliches und ein gesundes
und frohes  N E U E S   J A H R.

13.12.1985

Hinterlasse nur Gutes!

Jedes Hälmchen will grünen und sprießen…
Kein Wesen es gibt, das zu klein,
als daß es nicht gern eine Spur
als Daseinssymbol hinterließe…
Und kleine und große Geschichten,
und kurze und lange Gedichte –
als Oden und Heldenpoeme,
als Lieder des Schönen ertönend –
uns dichtet die Mutter Natur,
die gut es mit allen ja meint…
Wohin wir den Blick nun auch richten
in diesem Getümmel zunächst –
auf Täler, auf Berge und Klüfte -,
werden kleine und große Konflikte
und Streitfälle weise geschlichtet,
werden kleine und große Probleme,
die nimmer ein Ende wohl nehmen,
trotz allem entwirrt und gelöst…

Jedes Bäumchen will knospen und sprießen,
jeder Beerenstrauch weiß seine Pflicht,
jedes Veilchen will blühend uns grüßen,
jedes Gräschen sucht Wärme und Licht…
Jedes Käferchen hat seine Sorgen,
jedes Spinnchen muß spinnen und weben,
jedes Bienchen muß Blütensaft borgen…
Ein jedes Geschöpf – es will leben!..
Der Adler, der König der Lüfte,
stößt kühn auf die Beute herab…
Die Krähe, aus Wäldern geflüchtet,
ernährt sich jetzt gern in der Stadt…
Der Elen streift stolz durch die Wälder –
ihn schützt noch das Abschußverbot…
Der Wolf meidet offene Felder –
er weiß ganz genau, was ihm droht…
Es fühlt sich in diesem Getümmel
wohl nötig jedewed´ Kreatur.
Und alle hier unter dem Himmel
behaust und beschirmt die Natur…

O Mensch, der du eben
                 als einziges Wesen
vernunftbegabt bist,
                 behüte das Leben
als höchsten der Gipfel
                 der Mutter Natur,
hinterlasse als strahlendes Licht
nur Gutes auf Erden –
                 als sinnvolle Spur
deiner menschlichen
                 und humanistischen,
deiner hohen und großen Kultur!

15.03.1985

Gesundheit, Glück und Völkerfrieden

Weich klingt des Winters leise Stimme –
mit schneebehangenen Gefühlen,
die an den herben Herbst erinnern
und an des Sommers Freilichtbühnen,
ererbt vom grüngeschmückten Frühling.

Wie wild sind alle Jahreszeiten!
Wenn sie die böse Tat vermeiden.
Wenn Freude bringen sie statt Leiden.
Wenn sie den grellen Blitz ableiten
und keinen Kummer uns bereiten.

Wenn sie verhindern das Inferno,
das unser trautes Heim zerstörte,
das heut bedroht die Mutter-Erde,
den hellblauleuchtenden Planeten,
den schönsten Stern von allen Sternen…

O Menschen aller Staaten, Länder –
im Osten, Westen, Norden, Süden -,
reicht euch die arbeitsharten Hände,
damit das neue Jahr uns sendet
Gesundheit, Glück und Völkerfrieden!

1984

Das Ährengold

Goldgelb, singt hoffnungsfroh
ein Mailied der Pirol
mit seiner lauten Stimme.

Mit Liebe und mit Lust,
bis anklopft der August,
wird seinen Song er singen…

Uns grüßt die halbe Welt
rings schlüsselblumengelb:
Der Lenz ist eingezogen.

Im Sommer auf dem Feld
beginnt das Blumengelb
der Sonnen froh zu wogen.

Im Herbst das Ährengelb
in seinem Bann uns hält –
bald leuchtengelb, bald golden…

Es wird, wenn Schneesturm tobt,
das Ährengold als Brot
für Farbenschönheit sorgen.

1984

Liebe im Herbst

Ein Liebespaar.
                Schon grau ist ihr Haar.
Ja fast weiß.
            Wohl gebleicht von der Zeit.
Ist denn im Herbst
               noch die Liebe so heiß?..
Manch jüngeres Pärchen –
      es könnte sie wahrlich beneiden!..
Der Sommer ist längst schon vergangen.
Sie träumen. Im herbstlichen Park.
Auch der Park ist schon alt,
              so alt wie die beiden
                               zusammen.
Also sind sie viel jünger
als dieser,
         der wieder
                 im Frühling
                    ergrünt und erblüht.
Jedoch auch im menschlichen Leben
   der Kreislauf sich langsam vollzieht.
Auch wenn´s medizinisch nicht stimmt –
        verweilen sie hier auf der Bank,
                 um Jahrzehnte verjüngt:
Eng schmiegt sie sich an seine Seite,
              und zärtlich er streichelt
ihre kleine noch zierliche Hand.
Sie lieben noch immer
           einander so heiß und so innig
wie damals im blühenden Mai
Und sind sie auch längst schon vorbei –
ihr Mai und ihr Juni und Juli,
und wenn es auch längst schon oktobert,
so haben sie Herzenswärme
         für die Spätherbstzeit,
             wenn es regnet und schneit,
von damals sich aufgehoben.
Und sonnige Farben,
                  die in frostigen Tagen
sie hoffnungsfroh-warm dann umarmen…
Die zeitfernen Stunden
                   vergessen sie nimmer,
als einst sie gefunden
                     einander auf immer.
Sanitäterin war sie gewesen
        im Großen Vaterländischen Krieg,
der soweit ja zurück heute liegt…
Klein von Wuchs,
            zerbrechlich und schmächtig,
hat einst sie so viele Krieger
            bei Tag und bei Nacht,
                bei Wind und bei Wetter,
unter Trommelfeuer und Kugelhagel
vom Schlachtfeld getragen
           und ihnen das Leben gerettet.
Auch er hier an ihrer Seite –
        im Kriege ein kühner Gefreiter –
verdankt ihr sein Leben:
Todmüde und selber vewundet,
   hat sie in der schrecklichen Stunde –
die Zähne wie stets aufeinandergebissen,
          ihre Kraft, die zu schwinden
                               begonnen,
zu einem einzigen Bündel
                       zusammengenommen,
auch ihn noch dem Tode entrissen…
Ein glückliches Los:
              Zärtliche Liebe im Herbst,
die heute wie damals sie wärmt.
Und die Kinder sind Mütter und Väter,
die das mittlere Alter vertreten,
und die Enkelschar knospet und lärmt –
sie werden allmählich ja groß!..
Die Jahre – wie schnell sie verwehen!
Doch das menschliche Leben
               sprießt weiter und weiter
im Kreislauf und Aufstieg
       zu neuen, noch lichteren Höhen…
Wenn die Welt
             am Atomkrieg
                        nicht scheitert.
Drum muß unser einziges Heim –
die im Weltall
            verheißungsvoll schwimmende,
sich ewig verjüngende,
                 sonnenblau schimmernde,
Lebenslicht bringende,
            uns hoffnungsvoll stimmende,
grünende, blühende Erde –
   ein Bollwerk des Weltfriedens werden!  

 28.10.85