Selbst mit Hand anlegen

Du billigst die Wende
und möchtest dich selber
daran auch beteiligen,
um etwas zum Besseren
da oder dort zu verändern?
Das will ich begrüßen!
Nur mußt du, mein Lieber,
ich glaub, mit der eigenen
inneren Welt erst beginnen
und schließlich ein Ende
mal machen für immer –
mit den alteingesessenen,
heute so unangemessenen
leidigen Angewohnheiten,
jedes Minus fixierend,
jedes Plus zu bestreiten,
bei Fahrlässigkeiten
auf andere Leute zu deuten
und selbst keinen Finger
für das Beßre zu rühren.

1987

Rastloser Wind

Rastlos weht der blaue Wind…
Lieber Freund, wo eilst du hin?
Schmerzen dir
         wohl nicht die Flügel?
Hat das Wandern denn auch Sinn?
Wirst du es wohl nimmer müde?.

In die weite Welt bestimmt!
Und ich eile nicht vergebens
bald nach Norden,
               bald nach Süden,
Bald nach Osten,
              bald nach Westen.
Frische Luft und Regen sind
       überall beliebte Lieder.
Lebenslust und Segen bring
ich den Menschen immer wieder.
Und am besten
              ist es dann,
wenn ich nirgends lange weile,
    wenn ich frei und ungehemmt
einmal kalt
            und einmal lind
      singend immer weitereile,
Feld und Wald
              mit Kühle labend
bald als Nacht-
           und bald als Abend-,
bald als sanfter Morgenwind.

1986

Trunkenheit

Wir kämpfen gegen Trunksucht.
                        Bravo!
Doch bist du trunken,
       junges Blut, von Liebe,
Dann dreimal: Bravo! Bravo!
                        Bravo!
Ein dreifaches Hoch
       für den innigen Rausch!
Für die Freudetrunkenheit,
                die der Gipfel
allen Lebens auf Erden ist
               und Liebe heißt!
O Sehnsucht, o Traum, o Trost
               aller Menschen,
O Sonne des Seins,
    wie die Seele dich preist!

1986

Weiblichkeit

Bald bebend, bald flatternd
           im wirbelnden Wind,
zerbrechlich und zart
     wie ein sprießender Halm,
für Sang und für Klang
       und für Wärme bestimmt,
die Weiblichkeit strahlt
        wie die Sonne so warm.

Das Grau jeder Zeit
      muß vor Staunen vergehn:
O Anmut, o Zauber
        o weiblicher Scharm!..
O Frauen, bleibt Frauen,
       bleibt edel und schön!
Wie wäre die Welt
         ohne Liebreiz so arm!

1986

Vor der Wende

Der Schnee der Lauterkeit ist blütenweiß.
Und toben ungestüme Wirbelstürme,
die auch bei kaltem Nordwind fieberheiß,
so hilft er deine Träume zu beschirmen.

Der Winter wird zur wärmsten Jahreszeit
(so steht´s geschrieben im Gemütskalender),
wenn dich das Liebesfeuer erst ergreift
im späten regenfarbenen November.

Dein Schicksal hat es anders nicht gewollt.
Und deine Seele steht vor einer Wende
und wartet auf den Frühling sehnsuchtsvoll,
der einzieht mit dem Schneefall im Dezember.

Es fesselt dich die Unerschöpflichkeit
der bunten Welt der menschlichen Gefühle:
Im Winter, da die Gründe tief verschneit,
erklingen hell statt Fröste warme Lieder…

Um zu erglühen ist es nie zu spät…
Um etwas zu gewinnen, mußt du viel verlieren:
Erst dann entdeckst du jenen neuen Weg,
der durch die Kälte führt zu deinem Frühling.

1986

Nächte

Ach, sind die Nächte
so kurz und so lau
und so flachsblütenblau,
wenn man jung und verliebt
und die Schönheit und Anmut
der Liebsten beschirmt
und den Zauber der schlanken
Gestalt im Gedanken
bestaunt und besingt,
wenn die Flamme der Sehnsucht
im Herzen erglüht,
wenn den Glauben es gibt,
es würde dein Kleinod
für tausende Jahre
die Liebe bewahren,
nie würden die Wolken
des Kummers den Himmel
der Seele bedecken.

Ach, sind die Nächte
so rauh und so kalt
und so stumm und so lang,
wenn man grau ist und alt,
wenn der einstige Klang
der Verheißung verklungen,
wenn die Lieder der Zuversicht
alle zu Ende gesungen
und wenn die Erwartung,
die bange, für immer
versiegt und geschwunden…
Oh, dann durchfährt dich
         ein eisiger Schrecken.
Und unendlich lang
     und so qualvoll sind dann
die nächtlichen
          schlaflosen Stunden.

1988

Zweifel der Erle

Steht so müde die Erle,
so erschöpft und so bleich,
dort am schlummernden Teich
und blickt in die Ferne –
hin ins herbstliche Reich
der Träume und schweigt…

Sind es die bunten Blätter
der Widersprüchlichkeit,
die der Wind sacht zerstreut?
Ist es das trübe Wetter
der Unbefriedigtheit,
das ihr Herz umschleicht?..

Oh, sie steht vor der Wende,
gequält von Zweifel erneut,
von innerem Widerstreit.
Und sie nehmen kein Ende…
Doch es reicht noch die Zeit.
Für Freude und Leid.

1987

Sein Vorhaben

Es sind nicht Gott weiß was für Taten.
Er nimmt den Rechen und den Spaten,
um seinen Garten umzugraben,
den Garten seiner Innenwelt,
wo ihm so manches nicht gefällt,
wo ihn die Unkrautstauden plagen,
die er dort selber angepflanzt,
an Ichsucht und an Neid erkrankt…
Es sind nicht Gott weiß was für Taten.
Doch Beßres ist ihm nicht zu raten. 

1988

Rubinhochzeitsfest

O die Jahre!.. Die Jahre verwehen…
Und Johanna und Johann begehen
das Rubinhochzeitsfest ihrer Nähe –
ihrer sprießenden, zweigenden Ehe.

Und geläutert und klar sind die Flammen
des Rubins und der tiefen Gefühle,
weil in Freud und in Leid sie zusammen
seit dem fernen bezaubernden Frühling…

Ja, die Wege der Ehe beginnen
mit dem Grün und dem Blühweiß der Myrte,
die da Sonne und Segen ihr bringen,
wenn mit Treue zum Schwur sie gegürtet.

Doch verwickelt sind oft ihre Wege.
Und es kostet Geduld und viel Mühe,
daß trotz Stürme und Kälte und Regen
ja die Blumen der Hoffnung erblühen…

Und wie gern sie der Tage gedenken,
als die Flur ihrer Träume erblühte!..
Ihre Kinder und Enkel beschenken
sie mit Sträußen aus Wärme und Güte.

Das Rubinrot erleuchtet die Strecke,
die Johanna und Johann geblieben.
Und wenn trübe und rauh mal das Wetter,
erwärmt sie der Hauch ihrer Liebe…

O so strahle, Johanni, und klinge,
wenn zwei Sterne verliebt ineinander,
wenn sich Frühling und Sommer umschlingen,
um zusammen ihr Land zu durchwandern!

1988

Das sanfte Ruhekissen

Ein vielverzweigter Baum
im weiten Raum
     der menschlichen Vernunft
und der Moral
             ist das Gewissen.
Es grünt der Baum und strebt,
               solang er lebt,
empor zum hellen Licht
der Wahrheit
           und der Lauterkeit.

Und seine Wurzeln schöpfen –
zu jeder Zeit
    und ohne sich zu schonen –
die Lebenssäfte
aus der humanen Humusschicht
der Traditionen
          und der Vätersitten.

Jedoch so manches Mal
      vertrocknet und vergilbt
das Chlorophyll
            der inn’ren Stimme
des vielverzweigten Baumes
                 vor dem sogar
die Rücksichtslosigkeit
sich dann und wann verneigt.

Dann kommen angeschlichen
           die Gewissensbisse.
Und selbst das Schlimme
          wird noch schlimmer.
Und unverwandt
und nicht mehr sanft
          und nicht mehr weich
ist dann im Florenreich
der Gegensätze
          und der Widersprüche
das sanfte Ruhekissen,
das ihm, dem Baum,
            vermacht für immer
die schönen Bräuche
          und die guten Sitten
und die Gebote der Moral…

Noch gut, wenn er vermag –
      der heimgesuchte Baum -,
sich selber aus dem Schlaf,
        aus seinem bösen Traum
zum Wolle aller
         wieder wachzurütteln.

1988