* * * (Schläfrige Gleichgültigkeit…)

Schläfrige Gleichgültigkeit…
Sie mischt sich nicht ein
    in fremde Angelegenheiten.
Herzlos und stur, wie sie ist,
      geht sie achtlos vorüber
an Freude und Liebe und
              Kummer und Leid.
Wozu diese Schwierigkeiten?!
Gleichgültig, wo,
           Gleichgültig, wann.
Gerührt ist sie nie,
       schockiert ist sie nie.
So verspürt sie auch nie.
          den leisesten Drang,
der Klage behilflich zu sein.
Und müßte sie – notgedrungen –
ihren Eifer dennoch beweisen
        und die Weiche stellen
dort auf dem Schienenstrang
      der inneren Anteilnahme,
so würde der Zug – der Zug
des Erbarmens und Mitgefühls –
hier an der Weiche entgleisen.
Tödliche Gleichgültigkeit…

1987

* * * (Erwartung und Verlust.)

Erwartung und Verlust.
Und was dazwischen liegt,
ist unser täglich Brot.
Die kalte Winternacht
ist unerträglich lang.
Doch endlich graut der Tag…

Der Frühling badet froh
im hellen Sonnenschein.
Es weidet sich das Aug‘
an grüner Sommersaat…
In blauer Ferne wogt
das goldne Weizenmeer…
Ein kurzer Augenblick
voll Lust und Freud und Glück.

Und wieder rauher Herbst.
Erwartung und Verlust.
Und was dazwischen liegt,
ist unser täglich Brot.

1987

*** (JA, DER MENSCH)

Ja, der Mensch
ist sterblich.
Und wir müssen alle
einstens gehen.
Das verlangt
das Grundgesetz
des Erdenlebens…

Doch wenn ein Tyrann
jahrzehntelang
Millionen Menschen
grausam und gemein
vernichten läßt,
ist er nicht allein
nur schuld daran…

Und es fragt sich:
Menschen! Haben
wir uns widersetzt?
Oder waren
wir nur Sklaven,
dumme Schafe,
die nur blöken,
wenn man sie brutal
und bestialisch
herdenweise tötet?

1989

Vielleicht

Die Zeit vergeuden
bringt wenig Freude.
Doch manchmal
       tut man´s leider –
in atemloser Hast.

Die Seele dürstet
nach hellem Lichte…
Das Grau der Laune mixen
die Farben
        Weiß und Schwarz.

Nur noch ein Bißchen!
Nur noch ein Schlückchen!
Es führt
   ein schmales Brückchen
ins Reich der Seligkeit.

Dort winkt das Ufer.
Mit weißen Stufen!
So will ich es versuchen.
Noch reicht
        vielleicht
                die Zeit.
1987

Verblendet?

Vergeßlichkeit und Wurzellosigkeit
auf einer Seite der Medaille klappern
und meinen, daß die Welt und ihre Zeit
an einem Faden der Versuchung zappeln.

Und einstens – Hoppla! –
                       würde es geschehn.
Denn ohne Halt und ohne Stütze müßte
die ganze Welt, zerschellend, untergehen,
wenn er zerreißt – der Faden der Gelüste.

„Wozu noch Wurzeln und Gedächtniskram?“
frohlocken sie und schleichen
                        durch die Sphären
der Widersprüchlichkeit.
                        „Nur leerer Wahn!
Am besten ist’s, das Erbe zu zerstören.“

Drum stellen sie sich blind
                      und taub und stumm.
Kein Gestern. Und kein Morgen.
                           Nur das Heute.
Und das Gefasel von Erinnerung
nichts anderes als blanker Jux bedeute…

Verblendet? Wendet die Medaille um!
Sie hat zum Glück noch eine zweite Seite.
Dort seht und hört ihr die Erinnerung
um unser Gestern für das Morgen streiten.

1988

Wie du es getan

Die zarten Halme
der saftigen Gräser,
schmeidig und dünn,
wogen im Wind…

Aber sie sind
standhaft genug
und halten mit Stolz
die Blütenknospen,
die massig und schwer,
gen Himmel und Sonne,
damit sie erblühen
und Wohlwollen weben.

Wie du es getan
dein Leben lang…

Der ewige Klang
der Liebe zum Leben.                        

1989

Die Last der Schuld

Der Flieder prangt nicht mehr.
      In ihrem Hoffnungsgarten.
Hat ausgeblüht,
                hat ausgeglüht,
hat aufgehört,
            auf eine Wiederkehr
der Blütezeit
              und Zweisamkeit
wie einst zu warten,
    die still und stumm
      ihn unverhofft verlassen,
und kann den Grund
                   der Zügelung
bis heute noch nicht fassen…

Der Frühling klingt nicht mehr.
        im bunten Wiesengrunde.
Wo er und sie – zu zweit! –
     im Sonnenglanz
                den Blütenkranz
der stürmischen Gefühle
     so hoffnungsfroh gewunden,
wovon nur trockne Stiele
   als Mahnung und Erinnerung –
als Schuld zurückgeblieben…

Die Liebe singt nicht mehr.
Sie übt das Schweigen
    und lernt dabei das Leiden.
Und ist’s auch noch so schwer –
     sie muß sich nun gedulden.
Sie weiß, sie weiß
              ja selbst, warum:
aus eigenem Verschulden.

1988

Sie will uns beschirmen!

Ob sich die Wälder und Wiesen,
die längst schon vernichtet,
                 noch rächen?
Fragt die Geschichte
                      danach.
Sie offenbart
              ihre Schmach.
Sandwüsten breiten sich aus
              auf den Flächen,
wo Zedern gestanden,
        die man verwandte
                    als Fraß –
Lab für den Nimmersattschlund.

Dort, wo wir zechen
                   und bechern
und bloß nur versprechen
zu zahlen,
  zahlt es uns heim die Natur,
weil wir gebrochen den Schwur.
Muß sie doch Übles
    mit Üblem vergelten,
              um alle
                    zu warnen:
Geltung verschafft
                 der Vernunft!
Täglich. Ja, Stunde um Stund.

Dort, wo Verrat
                und Verbrechen
die Saat
     des Vertrauens vertilgen,
würgen
       Gelüst und Gewalt
stur
     die Barmherzigkeit ab…
Sind wir doch selber
           ein Teil der Natur!
Und sie will uns beschirmen!..
Wenn wir die Wälder
               all ausgehackt,
setzt uns der Wüstenwind matt.

 1988

Farbe der Hoffnung

Birkengrün grüßt uns der Sommer.
Grasgrün und saatgrün. Smaragden.
Farbe der Wälder und Felder,
Farbe der Gärten und Wiesen,
Farbe der Berge und Täler,
lebensbejahende Farbe.
Hoffnungsgrün klingende Weiten.
Mildgrüner blühender Roggen.
Schwarzbraunen Schrotpumpernickel
wird’s für die Feinschmecker geben.
Roggenrot auch, das noch süßer.
Wo man im Herbst und im Winter
fleißig gedacht an den Frühling,
grünen im Sommer die Äcker.
Lindgrüner wogender Weizen
labt sich an Sonne und Regen.
Gold- und brokatgrüne Streifen,
glitzernd wie kostbare Seide,
schmücken die ländliche Gegend.
Weißbrot und Kuchen und Lieder
schenkt uns die Farbe zur Genüge…
Grün ist die Farbe der Hoffnung.
Grünen soll rings das Getreide,
grünen und blühen und reifen!

  1985

Wage den Flug!

     Für Tatjana Bassalajewa

Lastender Nebel
und nächtliche Finsternis
lassen sich nieder
am hellichsten Tag
in die gähnenden Klüfte
der nagenden Zweifel:
Rings ist es winterlich kalt –
blind ist die Schicksalsgewalt.

Sucht da die Unschuld,
von Sorgen geplagt,
ganz vergrämt nach dem Weg
in das Reich
der ersehnten Vollziehung,
um dort zu begreifen,
was Selbstgefühl heißt:
Hat sich die Flügel verbrannt,
ehe den Flug sie begann…

Grün sind die Wiesen,
und lau sind die Lüfte,
und blau ist der Himmel
ja dort, wo die Lerche
sich froh und wohlauf
in die Zuversicht schwingt
und so hell ihre Lieder
vor Seligkeit singt…

Oh!… Um den Glanz
und die wohlige Wärme
des Sonnenaufgangs
nach der Unfreundlichkeit
des Geschicks zu berühren,
hast du gelitten genug.
Breite sie aus –
deine harrenden Schwingen,
o schmachtende Seele,
erkühn dich und singe
und ringe und wage den Flug!

1988