Terzinen Deiner Seele

In Deinen Augen leuchtet jene Ferne,
die ich durchwandert, um zu Dir zu finden.
Auch heute sind’s dieselben blauen Sterne,

als ob sie noch an jenem Himmel stünden,
der unser Glück gewollt in jenen Stunden
und gern ein Höhenfeuer angezündet.

Zwei Herzen hat Dein blauer Blick verbunden,
der milde Blick, der damals mich durchglühte,
der Blick, der tiefste Tiefen überwunden.

Denn Deine Augen strahlen aus – die Güte
der Seele Dein, wo Hoffnungsfelder grünen,
die mich vor eigner Kälte stets behüten, –
der S e e l e, die ich rühme in Terzinen.

1987

*** (Du willst in meiner Seele)

Du willst in meiner Seele
nicht lesen.
Du willst meine Beichte
nicht hören.
Du willst meine Reue
nicht fühlen.
Du willst meine Freude
nicht teilen.
Du willst deinen Kummer
verhehlen.
Du willst, daß die Lieder
verstummen,
die einst uns der Frühling
gesungen…

So knie ich nieder
und bete
dich an: O vergib mir
die Sünden!

                        1989

*** (Der Magnetismus)

Der Magnetismus
deines Schweigens
zieht mich
unaufhörlich an
und läßt mir
keine Ruh…

Ich zapple
wie ein Fisch
im Netz – nur mit
dem Unterschied:
Ich weiß, daß mich
das Um-sich-Schlagen
nicht erretten kann.

                         1989

Hochdeutsch

„Siehste, Liebster,
wie die Biester
wieder piepsen?“
„Hörste, meinste?“
„Nee, die Schweinsen.“
„Hä, die Schweinsen?..
Grunzen tunse,
meine Liebste.“

                         1988

*** (DIE GALLENBLASE)

Die Gallenblase
hat man ihm
herausgeschnitten.

Jetzt sammelt er
die Gallensteine
auf dem Feld
der Unausstehlich-
keit und baut
daraus en Monument,
das seinen galle-
bittren Haß
verkörpern soll.

1989

Verwandlung

Das Trampeltier,
das Trampeltier –
ein Sprößling der Kamele –
bekannte mir,
bekannte mir,
was ich euch jetzt erzähle:

„Ein Dromedar,
ein Dromedar
bin einstens ich gewesen,
verzogen zwar,
verzogen zwar,
doch schlank wie auserlesen.

Mich nagte es,
mich nagte es,
daß manches Tier noch netter,
und wagte es,
und wagte es,
mit meinem Neid zu wetten.

Durchs Nadelöhr,
durchs Nadelöhr
versprach ich ihm zu schlüpfen.
Doch war es schwer,
doch war es schwer –
ich riß mir auf … den Rücken.

War sündenfrei,
war sündenfrei
und konnte mich noch retten…
Jetzt sind es zwei,
jetzt sind es zwei –
zwei schlichte spitze Häcker.“

1988

* * * (Warum er ohne Furcht)

Warum er ohne Furcht
dem Sonnenuntergang
              entgegengeht?
Er weiß es?
        Oder ahnt es nicht?
Ob dort die Ufer
seines Märchenreiches sind,
die er sich einst
                erträumt?..
Ist der Ort,
    den er so lang gesucht?
Sind dort
        sein Heim und Herd,
die ihm sein Los bestimmt?
Er ist allein…
         Und dennoch glaubt
er an den Sonnenschein
                 der Gnade.
Vom frühen Morgen
      bis zum späten Abend.

1988

Versteinerte Blumen

        Viktoria Gräb zugeeignet

Es brausen die Wogen des Lebens,
sie eilen ins Endlose hin…
Und war deine Müh nicht vergebens?
Worin, ach worin war ihr Sinn?

Im Trubel des Alltags vergessen
wir oft, was wir waren und sind…
Den Wert jeder Tat zu ermessen
wohl niemandem vollends gelingt…

Erwartung und Hoffnung und Träume
sind Blumen auf unserem Weg.
Und wenn das Geschick sie versteinert –
kein Einwand ihr Ziel widerlegt.

Versteinerte Blumen sind Spuren,
daß einst sie geblüht und geprangt
auf sonnigen, wonnigen Fluren
der Zeit, die das Ihre verlangt.

1988

Gewissensbisse

Aufgerüttelt
             von der tiefen Stille,
streift das Herz
          das Kleid des Gleichtums ab,
steigt hinaus aus grauer Nebelhülle,
deren bis zum Halse es schon satt.
Aufgeschüttelt
            ist die Spreu der Zweifel:
Voller Sorge, wühlt es sich hinein.
Tausend Wenn und Aber es umschleichen:
Gütiger und milder müßt‘ man sein…

Aufgestachelt von Gewissensbissen,
fragt das Herz
      enttäuscht den Hoffnungsstrahl,
ob es nunmehr restlos aufgeschmissen,
ob es Gutes nie zurückgezahlt.
Aufgeflackert,
               reizen die Gedanken
das Gewissen, ob es sich noch regt…
Wo sich Sicherheit und Zweifel zanken,
findet sich vielleicht der rechte Weg.

1987