Wiegenlied

Komm, mein Kind, laß dich umschlingen.
Komm auf meinen weichen Schoß.
Laß ein Wiegenlied dir singen.
Schlafe ein, schlaf sorgenlos.

Schließ die Äugelein, die blauen.
Schmiege dich an meine Brust.
Schenke mir auch dann Vertrauen
wenn von mir du scheiden mußt.

Einstmals mußt du mich verlassen:
Wenn du groß, kommt jene Zeit,
Aber Blut wird nicht zu Wasser:
Mutter deine Mutter bleibt.

Komm, mein Kind, in deine Wiege.
Mach die blauen Äuglein zu.
Alle Kinder längst schon liegen,
schlafen schon in stiller Ruh.

Nichts soll deinen Schlaf dir stören.
Friede soll auf Erden sein.
Sollst nur Gutes singen hören.
Schlaf, mein Kindchen, schlafe ein.

Schlafe sanft. Und alle Sorgen
deine Mutter übernimmt.
Schlafe friedlich bis zum Morgen.
Schlafe wohl, mein liebes Kind!

1981

Wetterlage

Müde geht der Tag zur Rüste,
froh, daß er sein Werk vollbracht;
abendrot verglühend, küßt er
liebevoll die junge Nacht..,

Ach, man möchte gern verschweigen,
daß der Tag sich abgemüht,
denn die Jahre gehn zur Neige
schneller, als ein Tag verglüht.

Gestern noch war schönes Wetter –
hoffnungsvoller Sonnenschein.
Heute treibt der Wind die Blätter,
und es regnet dicht und fein.

Was verspricht die Wetterlage,
wenn man sechzig Jahre alt
und die sonnenhellen Tage
kürzer werden allzubald?

Und wie wird das Wetter weiter?
Wolkig, regnerisch und kalt?
Oder wird es wieder heiter,
wenn des Windes Groll verhallt?

Wenn Gewitter sich entladen
und die Sonn‘ hervorgeschlüpft,
wird der Ariadnefaden
heimlich wieder angeknüpft.

Wenn die Hochs und Tiefs im Leben,
die da kommen und vergehn,
Halt und Hoffnung dir gegeben,
bleibt das Wetter herbstlich schön!                            

1981

Wiedersehen mit Alma-Ata

Mein armes Herz beginnt zu zappeln.
Vor Ungeduld es fast zerspringt:
Das Lied der Pyramidenpappeln
mir tief in meine Seele dringt.

Ich hab dich lange nicht gesehen.
Nun weidet sich mein Blick an dir.
Der Straßen breite Baumalleen
umarmen mich aufs neue hier.

Ich weiß es nicht, wie alt ich werde,
doch heute bin ich wieder jung:
Es gibt noch Segen auf der Erde –
als Vorschuß und Entschädigung.

Und wiederum darf ich bewundern
des Parkes herbstlich bunte Pracht:
Hier hab ich manche stille Stunde
der schönsten Hoffnungen verbracht.

Wie alte Freunde mich begrüßen
die Gipfel fern im Morgenduft,
ich möge doch wie einst genießen
der Berge kühl bewegte Luft.

Mir winken lächelnd grüne Höhen
in wolkenloser Bläue dort.
Ich steig hinauf bis nach Medeo
und denke an den weißen Sport.

Dann – in den Großstadtlärm hinunter
und hin zur alten Straßenbahn,
die immer noch gesund und munter
ihr Tagwerk tut, wie sie’s getan…

Und dennoch muß ich wieder scheiden,
o, ewig junge Stadt, von dir.
Des goldnen Herbstes junge Leiden
schenkst als Erinnerung du mir.

1981

Sonnenschein

Wenn Wolken tief am Himmelsbogen ziehen,
vermissen wir das blaue Himmelblau.
Die hellen Farben, die das Leben schmücken, –
sie werden gleich zu grauem Alltagsgrau.

Die Sonne scheint für jedermann auf Erden.
Was wär‘ ein Leben ohne Sonnenschein!
Nach warmer Sonne sehnen wir uns alle,
denn ohne Sonn‘ kann niemand glücklich sein.

Wenn dich ich hab, dann klärt sich auf der Himmel,
und rings umgibt mich frohe Farbenpracht,
denn deine Liebe, deine reine Liebe
ist das, was mich im Leben glücklich macht!

1981-1984(?)

Gedanken

Ich weiß nicht, warum mich im Frühling,
da alles gebettet in Grün,
auf einmal Gedanken durchwühlen,
die golden und herbstlich verglühn.

Das Frühjahr hat sicher begonnen:
Uns grüßt schon das Löwenzahngelb.
Trompetengrell strahlen die Sonnen,
wenn Sonnblumen blühn auf dem Feld.

Und dann, im August, wir erleben
das Ährengold einmalig schön…
Das Grün und das Gelb sind gegeben,
um wieder von dannen zu gehn.

Natürlich: Das menschliche Leben
ist bunter als Straßenbahngelb.
Wie sprießen im Frühling die Reben!
Im Herbst dann ihr Laubwerk verwelkt.

Die Blätter, die grünen, vergilben
und färben sich bunt wie zum Fest.
Die Fröste im Spätherbst versilbern
vergnüglich das kahle Geäst.

Ein Strauß gelber Tulpen erfreut mich,
wenn Rosen daneben auch blühn…
Das Gelb der Natur – es erneut sich
im Frühling als leuchtendes Grün.

Gedanken das Herz mir umwälzen.
Sie türmen sich auf ungewollt:
Wenn Grün und Orange sich verschmelzen,
entflammen das Gelb und das Gold.

1981

Schöpfung

Vielleicht war es so.
Als Gott die Welt geschaffen,
gab es nur Dunkel und Hell –
den Tag und die Nacht.
Die Menschen (nicht die Affen!)
orientierten sich schnell.

Es gab noch kein Weiß,
das heute gern wir preisen.
Ratsch! und es kam die Idee:
Was hell war und licht –
es wurde weiß geheißen.
Weiß! Wie der Frost und der Schnee.

Es gab auch kein Schwarz.
Was nunmehr schwarz wir nennen –
Vorbild dafür war die Nacht.
Dazwischen man schob –
um ferner es zu kennen –
Grau, das mit Gragrau bedacht.

Und alles war gut.
Doch fehlte noch die Farbe
Rot – als entflammende Glut.
Des Blutes Symbol!
Wenn Wunden einst vernarben,
gibt es auch blutrotes Blut.

Jetzt gab es das Rot.
Wo blieb das Gold der Sonne!
Lächelnd man nannte es Gelb.
Es mußte geschehn:
Man hatte liebgewonnen
Sonne und Gelb dieser Welt.

Und wie ohne Grün,
wo Feld und Wald und Wiese
grünen im Frühling vollauf!
Ein redlich‘ Bemühn –
das Grün als Farbenriese
stieg auf der Leiter hinauf.

Wie schön die Natur,
wenn Farben rings vorhanden.
Schenk der Natur dein Vertraun.
Vermischt und gemixt,
ist unverhofft entstanden
Braun – wie das Braunbärenbraun.

Die Welt wäre blaß
bei all dem Farbenschiller,
düster und öde und grau;
die Welt wäre fahl –
wie ohne Lerchentriller -,
gäb‘ es kein himmlisches Blau!

Es warteten schon
da Rosa, Purpur, Flieder,
Lila, Orange, Violett…
O üppige Pracht –
im Chor gesung’ne Lieder,
Sologesang und Duett!

Dann reihten sich an
noch Tausende von Tönen –
Moll auch und freudvolles Dur…
Die Schöpfer allein
des Farbenwunderschönen
waren und bleiben für immer
die Menschen und Mutter Natur!

1981

* * * (Du wandelst als Wolke)

Du wandelst als Wolke
bald grau, bald blau,
bald rosa-leis,
bald schneeschneeweiß –
an meinem Himmelsbogen.
Als lila Schneeglöckchen
winkst du mir zu.
Als zart-zartweißes Flöckchen –
sacht-sacht – kommst du
auf meine Lippen –
liebeslechzend und
-zerschmelzend –
sanft herabgeflogen.
Als Sturmwind-Wasserfall –
freud- und leidverheißend,
fels- und herzzerreißend –
stürzt du – ein Flammenmeer! –
auf mich herab und schlägst
mir unheilbare Wunden
tief in meine Brust.
Freigebig stillst du dann
als Wolkenbruch und Regenguß,
als herbstlich-herber Wein
mir meinen großen Durst.
Ein Strom bist du –
ohn‘ Rast und Ruh,
unzähmbar -wild -,
der einmal nur,
ein einzig-einzigmal
sein Opfer an sich drückt
und glück- und schmerzerfüllt
mit seinem Labetrunk
mich Durstigen erquickt,
und mein Verlangen stillt.

1981

Welch ein Glück…

Welch ein Glück, daß wir einand‘ gefunden,
daß in den Herzen Liebe sprießt!
Denn Gramm und Wehmut, kaum empfunden,
vergehn, wenn du mich grüßt.

In Grün stehn Wald und Feld,
bunt blüht die ganze Welt.
Wie schön, daß wir zu zweit
zur frohen Frühlingszeit:
Die Welt ohn‘ Frühling wär‘
wohl freudeleer!

Wenn ich mit dir allein,
vereint mit dir kann sein,
dann ist die Welt so schön!
Und jedes Wiedersehn
ist heller Sonnenschein
für uns allein!

In tausend Stimmen singt,
in tausend Liedern klingt
der Frühling weit und breit
zu jeder Jahreszeit:
Die Welt ohn‘ Frühling wär
wohl liebeleer!

Welch Glück, daß wir einand‘ gefunden,
daß in den Herzen Liebe sprießt!
Denn Gramm und Wehmut, kaum empfunden,
vergehn, wenn du mich grüßt.

1981

Der Weizen

Fast vierzig im Schatten.
Der Sonnenball glüht.
Am bläulichen Himmel
kein Wölkchen mehr zieht.
Die Glieder der Menschen
von Hitze ermatten.
Doch hat jetzt der Landmann
zur Rast keine Zeit:
Der Weizen, der Weizen,
der Weizen ist reif!

Wer hat da verschlafen
in seinen Gemachen?
Wer will da nicht schwitzen
trotz Schwüle und Hitze?
Wer sucht da nach Schatten?
He, Erntezeitritter,
hinauf in den Sattel!
Es schnaubt und es stampft schon,
von Unrast ergriffen,
dein stählernes Roß!

          * * *
Nun ziehen die „Niwas“
in langen Kolonnen
die Straße entlang.
Und niemand sucht Schatten.
Die Mähdrescher rattern
schon draußen im Felde.
Die Mahd hat begonnen:
Hier mähen die Helden
der Erntebrigaden
des Drushba-Sowchos.

Die surrenden Töne
den Bauern erfreuen.
Die Hände gewöhnen
sich schnell an das Steuer.
Und Schweißperlen rinnen
ihm übers Gesicht.
Sie stören jedoch
den Kombinefahrer nicht –
er weiß und er tut
seine menschliche Pflicht.

Das Land braucht Getreide.
Die Heimat braucht Brot.
Denn niemand soll leiden
je Hunger und Not.
Die Macht ward erobert
im Großen Oktober.
Von da an war immer –
und bleibt es auch fürder –
der Wohlstand des Volkes
das erste Gebot…

Und Schwad neben Schwad.
Wie verzauberte Strahlen.
Vom Mähdrescher sorglich
zusammengelegt.
Die goldgelben Reihen
dem Felde verleihen
hier Farbe und Glanz,
die mit fleißiger Hand
im Bund mit der Sonne
der Landmann geprägt.

       * * *
Wer rastet, der rostet.
Viel Arbeit und Mühe
und Geist es gekostet:
Ein Dutzend von Jahren
allmählich verfloß,
bis daß in der öden
und trockenen Gegend,
wo selten es regnet,
gedieh und erblühte
der Neulandsowchos…

Wir nehmen den Wagen.
Aufs Feld wir heut fahren.
Die Fernen erwecken
den Eindruck, man jage
und käme nach Tagen
trotz alldem erst an.
Rings endlos Steppen,
wo hüglige Ketten
bizarr sich erstrecken:
Zentralkasachstan!..

„Hier mäht die Brigade
des Sowchosveteranen
und Helden der Arbeit
Wassili Konradi“,
mein Nachbar mir sagt.
„Und was sie so leisten?
Sie legen, erfahren,
von dreißig Hektaren
den Weizen auf Schwaden
fast ständig pro Tag.

Jetzt multipliziere
die dreißig Hektare
mit neun Aggregaten,
so siehst du, wie fleißig
hier schafft jedermann.
Es gibt im Rayon
keine zweite Brigade,
die so viel Getreide
bis heute gemäht
wie das Neunergespann!..“

Grad wird eine Pause
für dreißig Minuten
zur Mahlzeit gemacht.
Es hat Frau Gertrude
direkt von zu Hause
das Essen gebracht:
Erst Sauerkohlsuppe,
dann Schorbraten, Nudeln,
dann Apfelmusstrudel
und Erdbeerensaft…

„Guten Tag!“
„Schön gut’n Tag!“
„Und wie geht’s?“
„Na, es geht.
Am besten gewiß,
wenn keine Niwe stillsteht.
Doch kann man das schlichten.
Wir schaffen in Schichten.
Wir mähen am Tag
und auch oft in der Nacht.
So wird mit dem Mähen
kein Stillstand gemacht.“

„Na, Onkel Basilius,
ich hoffe, Sie fühlen sich
noch jung und gesund?“
Er zwirbelt den Schnurrbart:
„Da kann ich nicht klagen.
Zum Kranksein – da hab ich
keine Zeit und kein’n Grund.
Wo denkt Ihr nur hin?
Wenn krugom so viel Jungens
und Mädelchen sind!“

Es lächeln die Männer.
Es lächelt Frau Trude…
„Na, Jungens, s’ist Zeit schon,
wir müssen uns sputen!..“
Und wieder geht’s vorwärts,
aufs neue ans Werk.
Jetzt mähen die Mäher
noch schneller und zäher,
nachdem sie mit Speise
und Trank sich gestärkt…

Willst Kuchen du essen,
so mußt du ermessen,
wie groß jene Fläche,
die heut man umfächelt,
an Arbeit und Fleiß.
Und möchtest du wissen,
ob rein dein Gewissen,
so frage die Schwaden,
sie werden dir sagen,
was Erntezeit heißt.

Die Ernte braucht Männer
vom Schlage Konradis,
die arbeiten wollen
und arbeiten können.
Wo jeder ein Held.
Es kann sie nichts hemmen –
wenn Staubwolken segeln,
wenn Sonnenglut kegelt,
wenn Rauhnebel schweben
auch über das Feld.

       * * *
Die Mahd geht zu Ende…
Wo fleißige Hände
in Eintracht sich regen,
da bleibt auch der Segen
der Ernte nicht aus…
Nun fährt die Brigade
Wassili Konradis
zum Räumen und Dreschen
der trockenen Schwaden
aufs Feld schon hinaus.

Und Weizen ist Weizen.
Gewiß doch kein Welschkorn.
Die Ähren jetzt eilen
hinein in den Dreschkorb.
Dort legen die Körner
die Harnische ab –
die Spelzen und Grannen.
Sie haben sie satt.
Und gewandt und rasant
geht’s hinan in den Tank.

Da kommen gefahren
Tschernych und Omarow –
ein jeder heut führt
einen Anhängerzug.
Erst hin zu Konradi
und zu Komissarow!..
Zu Schmidt! Und zu Schweizer!..
Im Nu ist verladen
der goldene Weizen.
Genug? Ja, genug!

          ***
Einen Scheffel voll Weizen?!
Ja, es gab einmal Zeiten,
da verbittert die Steppe
ihre kostbaren Schätze
vor dem Menschen verschloß.
Um so mehr uns erfreuen
die erneuerten Felder,
die erblühn und gedeihen
jetzt zum Wohl aller Menschen
hier im Steppensowchos.

1983

Die Erde soll immerfort blühn!

Es geht ein Jahrhundert zu Ende.
Ein Augenblick lange nicht weilt
Er hat keine Zeit, zu verschwenden
die Zeit. Darum eilt er und eilt.

Es geht ein Jahrtausend zu Ende
im Kreislauf der endlosen Zeit.
Es packt schon die Koffer zur Wende.
Und bald ist es reisebereit.

Wir kehren die Straßen und Gassen
und schmücken das irdische Nest:
Wer möchte die Zeit da verpassen –
es naht das Bewillkommnungsfest!

Im Zeitbuch des Jahres Zweitausend
dann tragen am Festtag wir ein:
Gesegnet sei unser Zuhause,
wo Friede und Freude daheim!..

Und Felder und Gärten und Wiesen –
sie werden noch üppiger blühn.
Das Leben, von Sonne durchrieselt,
wird stolz durch mein Vaterland ziehn.

Es geht ein Jahrhundert zu Ende.
Es war uns vertraut und verwandt.
Wir haben mit eigenen Händen
verhütet den wütenden Brand.

Es geht ein Jahrtausend zu Ende…
Bis jetzt die Vernunft nicht erliegt:
Es soll unsre Erde nicht schänden
ein allesvernichtender Krieg!

                                             1982