Der Weizen

Fast vierzig im Schatten.
Der Sonnenball glüht.
Am bläulichen Himmel
kein Wölkchen mehr zieht.
Die Glieder der Menschen
von Hitze ermatten.
Doch hat jetzt der Landmann
zur Rast keine Zeit:
Der Weizen, der Weizen,
der Weizen ist reif!

Wer hat da verschlafen
in seinen Gemachen?
Wer will da nicht schwitzen
trotz Schwüle und Hitze?
Wer sucht da nach Schatten?
He, Erntezeitritter,
hinauf in den Sattel!
Es schnaubt und es stampft schon,
von Unrast ergriffen,
dein stählernes Roß!

          * * *
Nun ziehen die „Niwas“
in langen Kolonnen
die Straße entlang.
Und niemand sucht Schatten.
Die Mähdrescher rattern
schon draußen im Felde.
Die Mahd hat begonnen:
Hier mähen die Helden
der Erntebrigaden
des Drushba-Sowchos.

Die surrenden Töne
den Bauern erfreuen.
Die Hände gewöhnen
sich schnell an das Steuer.
Und Schweißperlen rinnen
ihm übers Gesicht.
Sie stören jedoch
den Kombinefahrer nicht –
er weiß und er tut
seine menschliche Pflicht.

Das Land braucht Getreide.
Die Heimat braucht Brot.
Denn niemand soll leiden
je Hunger und Not.
Die Macht ward erobert
im Großen Oktober.
Von da an war immer –
und bleibt es auch fürder –
der Wohlstand des Volkes
das erste Gebot…

Und Schwad neben Schwad.
Wie verzauberte Strahlen.
Vom Mähdrescher sorglich
zusammengelegt.
Die goldgelben Reihen
dem Felde verleihen
hier Farbe und Glanz,
die mit fleißiger Hand
im Bund mit der Sonne
der Landmann geprägt.

       * * *
Wer rastet, der rostet.
Viel Arbeit und Mühe
und Geist es gekostet:
Ein Dutzend von Jahren
allmählich verfloß,
bis daß in der öden
und trockenen Gegend,
wo selten es regnet,
gedieh und erblühte
der Neulandsowchos…

Wir nehmen den Wagen.
Aufs Feld wir heut fahren.
Die Fernen erwecken
den Eindruck, man jage
und käme nach Tagen
trotz alldem erst an.
Rings endlos Steppen,
wo hüglige Ketten
bizarr sich erstrecken:
Zentralkasachstan!..

„Hier mäht die Brigade
des Sowchosveteranen
und Helden der Arbeit
Wassili Konradi“,
mein Nachbar mir sagt.
„Und was sie so leisten?
Sie legen, erfahren,
von dreißig Hektaren
den Weizen auf Schwaden
fast ständig pro Tag.

Jetzt multipliziere
die dreißig Hektare
mit neun Aggregaten,
so siehst du, wie fleißig
hier schafft jedermann.
Es gibt im Rayon
keine zweite Brigade,
die so viel Getreide
bis heute gemäht
wie das Neunergespann!..“

Grad wird eine Pause
für dreißig Minuten
zur Mahlzeit gemacht.
Es hat Frau Gertrude
direkt von zu Hause
das Essen gebracht:
Erst Sauerkohlsuppe,
dann Schorbraten, Nudeln,
dann Apfelmusstrudel
und Erdbeerensaft…

„Guten Tag!“
„Schön gut’n Tag!“
„Und wie geht’s?“
„Na, es geht.
Am besten gewiß,
wenn keine Niwe stillsteht.
Doch kann man das schlichten.
Wir schaffen in Schichten.
Wir mähen am Tag
und auch oft in der Nacht.
So wird mit dem Mähen
kein Stillstand gemacht.“

„Na, Onkel Basilius,
ich hoffe, Sie fühlen sich
noch jung und gesund?“
Er zwirbelt den Schnurrbart:
„Da kann ich nicht klagen.
Zum Kranksein – da hab ich
keine Zeit und kein’n Grund.
Wo denkt Ihr nur hin?
Wenn krugom so viel Jungens
und Mädelchen sind!“

Es lächeln die Männer.
Es lächelt Frau Trude…
„Na, Jungens, s’ist Zeit schon,
wir müssen uns sputen!..“
Und wieder geht’s vorwärts,
aufs neue ans Werk.
Jetzt mähen die Mäher
noch schneller und zäher,
nachdem sie mit Speise
und Trank sich gestärkt…

Willst Kuchen du essen,
so mußt du ermessen,
wie groß jene Fläche,
die heut man umfächelt,
an Arbeit und Fleiß.
Und möchtest du wissen,
ob rein dein Gewissen,
so frage die Schwaden,
sie werden dir sagen,
was Erntezeit heißt.

Die Ernte braucht Männer
vom Schlage Konradis,
die arbeiten wollen
und arbeiten können.
Wo jeder ein Held.
Es kann sie nichts hemmen –
wenn Staubwolken segeln,
wenn Sonnenglut kegelt,
wenn Rauhnebel schweben
auch über das Feld.

       * * *
Die Mahd geht zu Ende…
Wo fleißige Hände
in Eintracht sich regen,
da bleibt auch der Segen
der Ernte nicht aus…
Nun fährt die Brigade
Wassili Konradis
zum Räumen und Dreschen
der trockenen Schwaden
aufs Feld schon hinaus.

Und Weizen ist Weizen.
Gewiß doch kein Welschkorn.
Die Ähren jetzt eilen
hinein in den Dreschkorb.
Dort legen die Körner
die Harnische ab –
die Spelzen und Grannen.
Sie haben sie satt.
Und gewandt und rasant
geht’s hinan in den Tank.

Da kommen gefahren
Tschernych und Omarow –
ein jeder heut führt
einen Anhängerzug.
Erst hin zu Konradi
und zu Komissarow!..
Zu Schmidt! Und zu Schweizer!..
Im Nu ist verladen
der goldene Weizen.
Genug? Ja, genug!

          ***
Einen Scheffel voll Weizen?!
Ja, es gab einmal Zeiten,
da verbittert die Steppe
ihre kostbaren Schätze
vor dem Menschen verschloß.
Um so mehr uns erfreuen
die erneuerten Felder,
die erblühn und gedeihen
jetzt zum Wohl aller Menschen
hier im Steppensowchos.

1983