Wo noch Schönes unerschlossen

„Gestern noch auf stolzem Rosse“,
klagte einstmals Hauff…
Blickst so trübe und betroffen.
sag, wovor dir graut?
Oh, die Welt ist nicht so gräßlich,
wie man manchmal glaubt.
Schön ist sie und farbenprächtig,
wenn man ihr vertraut.

Ist dein Leid auch unermeßlich,
heilt die Zeit dich aus.
Und das Schöne, unvergeßlich,
schmückt das stille Haus
gern mit Zuversicht und Hoffnung
wie dereinst noch aus.
Und dein Weg ist wieder offen –
ohne Angst und Graus.

Und der Sensemann schiebt grübelnd
seine Absicht auf.
Weil du nicht zu End‘ geschrieben
deinen Lebenslauf.
Wieder geht es unverdrossen
in die Welt hinaus,
wo noch Schönes, unerschlossen,
dein Vertrauen braucht.

1987

Wohlklang und Mißklang

Sie begleiten uns ständig.
Häßliche Mißtongebilde,
die die menschliche Würde
mit Tumult überschütten,
das Gesundsein zerrütten,
gab es und gibt es genug:
Ohrenbetäubender Lärm –
ein Knirschen und Knarren,
ein Klopfen und Pochen,
ein Rattern und Knattern.
Von zermalmender Stärke.
Auf den Straßen von heute.
In den Werken von morgen.
In den Hirnen der Menschen…

Zur Hilfe uns kommt die Musik.
Die metallischen Mißklänge,
die die Sinne betäuben,
fängt oft sie sich ein
und zähmt ihre sinnlose Kraft
und verschmilzt sie mit Sonne,
mit Erwartung und Liebe
und verschenkt die Legierung
als himmlisch erhabene Töne
des ewig Lichten und Schönen –
als Sonaten eines Vivaldi,
als Bachsche Kantaten,
als eine Beethovensche
unsterbliche Appassionata.

Damit das Gerassel,
der Tamtam und der Trubel
des Alltags verstummen
und wir uns ergötzen
an der sonnigen Stille
der melodischen, reinen,
harmonischen Zauberklänge,
die die schmachtende Seele
von ihrer Bedrängnis befreien,
von vergeblichen Illusionen
und von Mißtrauen heilen.
Daß Menschen wir bleiben.

1987

Freude und Leid

Die Freude war groß:
Ein glückliches Los!
Es war nun so weit:
Die Braut, ganz in Weiß,
war so gut wie gefreit.
Ihr Bräutigam Peter
wollte da sein Punkt zwei.
Dann sollte es schön
hin ins Standesamt gehn:
Um Freude und Leid
zusammen zu tragen…
Er war nicht gekommen.
Weder an diesem Tage
noch irgendwann später.

1987

Der Unterschied

Jeder hat sein Kreuz zu tragen.
Doch wie es im Leben so geht:
Ein jeder verschieden es trägt.
Leichtfüßig tut es der eine.
Ohne zu murren, ohne zu greinen.
Auch wenn das Kummet nicht paßt
und nicht leicht seine Last.
Auch wenn er weder ein Sprinter
noch ein Schwerathlet ist…
So viel ist gewiß:
Er ist ein Optimist.

Der andere stampft und stapft
und schleppt seine Sorgenlast
und sich mit Ach und Krach,
den schmalen Buckel gekrümmt,
klagend und jammernd dahin,
als ob er warte im tiefen Morast,
wo alles öde und trüb und trist,
als ob er jeden Augenblick
drin steckenbleiben müßt’…
So viel ist gewiß:
Er ist ein Pessimist.

1987

Erfüllt von Zuversicht

Ein Ahorn steht am Straßenrand
und summt im Winde seine Lieder.
Und hoffnungsgrün
             sein Blattwerk flammt
und spiegelt seine Stimmung wider.

Er sucht nach jener Lebensform,
die seine Herkunft ihm gewährt,
und schöpft sein Grün
                   aus jenem Born,
der jedes Aufwärtsstreben nährt.

Doch kostet’s ihn
               viel Kraft und Müh,
die grünen Zweige auszubreiten,
Vollkommenheit und Harmonie
in seinem Dasein zu erreichen.

Und wenn der Sturm in seiner Wut
auch manchmal einen Ast zerbricht,
so faßt der Ahorn wieder Mut,
erfüllt von Lebenszuversicht.

1987

Monolog der afrikanischen Freiheit

Als ich im schwarzen Afrika
              zum hundertsten Mal
erschlagen worden war,
       da johlte die Verlogenheit –
gleich einem Schurken – rüde,
     ich sei gekillt für alle Zeit,
         ich käme niemals wieder…
O glaubt der Lüge nicht,
         ihr meine heut noch
     schamlos unterdrückten Brüder:
Die Sonne durch die Wolken bricht!
Als Hoffnung ich ergrüne
          mit jedem neuen Frühling.

Als ich im heißen Afrika
              zum tausendsten Mal
erdrosselt worden war,
        da grölte schrill und krude
die freche Ungerechtigkeit –
gleich einem unverschämten Luder -,
ich wäre weit und breit
       zertrampelt und zerdrückt…
O glaubt der Lüge nicht,
      ihr meine abgehärmten Brüder:
Es scheint das helle Sonnenlicht!
Mit jedem neuen Tag erklinge ich
     als Glaube und als Zuversicht.

Als ich in meinem Afrika
                zum millionsten Mal
getötet worden war,
    da jubelte und jodelte,
       voll Bosheit und voll List,
die dreiste Niederträchtigkeit –
        gleich einem Erzhalunken -,
ich wäre endlich tot,
             es wäre jetzt so weit,
    es herrsche rings das Dunkel…
O glaubt der Lüge nicht,
    ihr meine leidgeprüften Brüder:
Mit jedem neuen Morgen
        erstrahle ich als Morgenrot
des heißersehnten Sieges
  der Gleichheit und Gerechtigkeit!

1986

Dein leises Lied

Die Sommerlieder
                deiner Liebe
sind bereits verklungen.
Noch lauscht dein Ohr betört
dem fernen Widerhall.
Und wenn die weichen
             Nachklangweisen
immer mehr verstummen,
beginnt dein stiller Herbst
mit seinem Blätterfall.

Doch ist’s kein Scheiden.
           Denn: Dir bleiben
die Erinnerungen.
Und deine Liebe weiß,
wie sie so heiß
               geglüht.
Und all die schönen
                 Farbentöne,
die dein Herz umschwungen,
erklingen immerfort
als leises Liebeslied.

1987

Die Flaute

Stille Stunden breiten ihre Flügel
über meine Zweifel schirmend aus.
Und ich reite
             mit verhängten Zügeln
in das Reich der Poesie hinaus.
Von Gefühlen läßt mein Herz
                      sich leiten,
ringsherum sei alles Poesie:
Ganz vertraulich
           greif ich in die Saiten
dieser ungetrübten Harmonie…
Doch allmählich
         wird der Reitweg holprig,
und von Unruh ist das Lied erfaßt:
Es beginnt
         mein Pegasus zu stolpern,
taumelnd unter seiner Sorgenlast.

             ***
Ob vielleicht
     der Garten längst verkrautet,
wo ich Rosen pflückte ungehemmt,
oft erfüllt von innrer Ungeduld?
Ob mich wieder
    martert das Gefühl der Schuld?
Ob die Stille meinen Mut versengt?
Ob dort auf dem sonnenblauen Berg
    meiner sommergrünen Zuversicht
nun das Höhenfeuer
                nicht mehr brennt?
Ist’s vielleich
       ein Schabernack der Flaute,
die mich schlau
          und listig eingelullt?..

              ***
Wieder atmet auf
              mein treuer Pegasus.
Und er glaubt
           an Poesie und Harmonie!

Schnaubend macht er sich ans Werk,
um bescheiden,
     ohne Murren zu erfüllen
              seine Dankespflicht.
Weiß er doch so gut:
    Es blüht kein Garten ohne Müh.
Weiß er doch so gut,
                   dass jede Freude
erst erstritten werden muss…
Leise singen die Gufühle
         in der feierlichen Stille
    wieder ihre schlichten Lieder.
Und sie klingen einen Halbton
lauter und auch vertrauter –
ohne Herzensangst
        und ohne jeglichen Verdruss.

1987

Wunsch

Nein, ich sage mich nicht los,
noch ein bisschen Glück zu haben.
Immer ist die Freude groß,
sich am Sonnenschein zu laben.

Heute hab ich keine Zeit,
um besorgt auf dich zu warten.
Tut mir ja ein bißchen leid.
Aber, sag, was ist zu machen?

Heute ist mein Tag noch hell…
Wenn das Dunkel unbesonnen
meine Freude mir vergällt –
oh, dann heiß ich dich willkommen!

Komm, o Glück, an jenem Tag,
wo den Mut ich ganz verliere,
wo die Wehmut seufzt und klagt,
wo das Herz beginnt zu frieren.

1987

Das Gute bleibt

Vertraute, schlichte Weise:
Das Morgen wird zum Heute,
das Heute wird zum Gestern –
zu Jahren sich verflechten
die Tage Stund um Stund.
Doch auch die Jahre schwinden.
Sie finden keine Gründe,
sich lange aufzuhalten
weil Urgewalten walten
hier auf dem Erdenrund.

Und wir? Auch wir! Wir eilen.
Wir möchten ja noch weilen,
noch glücklich sein und leiden
und ringen um die Freude,
die wir so oft erhofft.
Und jeder tut, was möglich,
und läßt sich gern verlocken,
um immer noch zu hoffen.
Doch einst wird angeklopft…

Und niemals war es anders.
So ist der Schicksalswandel
hier auf der schönen Erde,
wo wir bestattet werden
an einem stillen Ort…
Doch das, was wir geschaffen
und was wir hinterlassen,
bleibt anderen Geschlechtern
als unser Nachvermächtnis,
wenn wir schon lange fort.

1987