Bekenntnis

Ich schreibe Dir
              den letzten Brief.
Genauer: will ihn schreiben.
Das weiße Blatt,
              das vor mir liegt,
wird leer vielleicht
                 auch bleiben…

Wie immer ist´s der Widerstreit
der bitteren Gefühle:
Wo tief und schwer
           die Sehnsucht seufzt,
weint leise mit – die Liebe.

Wo fände meine Seele Trost,
von Schuldgefühl erschüttert?
Mich kreuzigt heut
               der schwere Stoß,
den Du durch mich erlitten.

Mein Schuldbewußtsein
             schreibt den Brief,
um Farbe zu bekennen.
Mein Leid ist heute abgrundtief:
Wie konnten wir uns trennen?!

1987

Herzenswärme

Wenn das Weiß des Winters waltet,
sehnt dein Herz sich oft nach Grün,
denn es möchte nicht erkalten,
bis die Wiesen wieder blühn…

Sind sie auch, die hellen Stunden,
nur ein Hauch der schnellen Zeit –
ihren Strahlenkranz bewundert
selbst der Himmel hocherfreut.

Wärme strömt aus jenem Zelte,
wo die Liebe Lieder singt.
Keine Grenzen kennt die Kälte,
wo der Glaube Abschied nimmt.

Dort, wo Herzenswärme glutet,
sind die Tage doppelt hell,
und das Grün der Hoffnung flutet
auch in deine Innenwelt.

1987

Friede den Völkern!

All den Gefallenen, all den Verschollenen,
all den Verschleppten, all den Versehrten
all den Heroen, die mit oder ohne Medaillen
den so schwer errungenen ruhmreichen Sieg
im Mai FÜNFUNDVIERZIG, einander umarmend,
ungehemmt jubelnd und trauernd erlebten,
widme ich heute mein Lied voller Klage:
Friede den Völkern! Und nie wieder Krieg!

Barhäuptig steht die Erinnrung am Grabe
der bekannten und unbekannten Soldaten
und derer, die später den Wunden erlagen,
Euch leise beweinend und weinend Euch dankend,
daß heute die Saaten des Friedens noch grünen.
Und wir, Eure Brüder und Schwestern und Kinder,
für die Ihr Euch, ohne im Kampf zu wanken,
geopfert in zahllosen blutigen Schlachten, –
und wir, in Andacht, in stille, versunken,
Euch, die Erretter, im Gedächtnis bewahrend,
knien bittend, beschwörend und inständig nieder
am Chor des Gewissens, am Altar der Vernunft:
Friede den Völkern! Und nie wieder Krieg!

Auch denen, die im Hinterland aufrecht gestanden
und schmieden geholfen den Sieg voll Entbehrung –
den Frauen und Kindern und Kranken und Krüppeln
und Greisen, ausgemergelt von Hunger und Not,
und jenen, auf die man sich wenig verließ,
zollt Dank mit entblößtem Haupte die Heimat…
Die Zeit lotet aus alle Tiefen des Krieges:
Auch gemeiner Verrat hat sich damals entpuppt:
Ausschlag und Aussatz hat es noch immer gegeben.
Doch das Volk blieb geeint. Drum hat es gesiegt.
Um so mächtiger klingt seine warnende Stimme:
Friede den Völkern! Und nie wieder Krieg!

1987

Es gibt noch Chancen!

Obzwar
   die Menschen
     heute stärker sind als die Giganten
der griechischen Legende,
    bedroht sie eine schreckliche Gefahr
mit einem grauenvollen Ende.
Die Bombenlast
       der Unbarmherzigkeit
              mit ihren scharfen Kanten,
die megatonnenschwer
      auf ihren schmalen Schultern drückt
und überreicht und unerhört
mit nuklearem Sprengstoff heut gespickt,
und jene böse Kraft
         der Inhumanität,
            die stets danach nur strebt,
auf fremde Kosten ungestraft zu zechen,
und skrupellos so oft Verbrechen
    noch an der Menschlichkeit begeht, –
sie können, abgerichtet und gepaart,
               mit ihren finstren Ränken
ganz unverhofft und ohne große Müh
      die Ehrlichkeit,
                      den Mut und Geist
der pflichtbewußten Menschen,
      sie selbst und auch ihr Heim sogar
in überkurzer Zeit
            zermalmen und zerstampfen…
Doch gibt es sie –
                  die Überlebenschancen!
Die Katastrophe ist noch abwendbar!

             * * *
Noch können wir die größte Übeltat –
        den atomaren Krieg – verhindern.
Noch können wir den steilen Grat
              der Todeskälte überwinden,
die schon der Menschheit täglich droht.
Noch können wir den Srahlentod,
            den schrecklichen, verhüten.
Als Erdenkinder
         müssen wir den Schlüssel finden
zum Einvernehmen und zur Einigkeit,
zum unerschütterlichen
                gegenseitigen Vertrauen,
um hier auf unserem Planeten
           den Völkerfrieden aufzubauen.
Dann brauchen wir
           auf Erden hier
                 auch keine Bombenkriege
und können auch vielleicht
                       den bösen Zauber,
den Teufelsspuk  A t o m r a k e t e n ,
       bis wir das Jahr Zweitausend
                              schreiben,
aus dem aktiven Wortgebrauch vertreiben.

            * * *
Umschlingt euch, Menschen,
     statt sinnlos blind zu wüten,
         und werdet endlich Erdenbrüder!
Denn die Vernunft,
                die menschliche Vernunft
muß auf dem Erdenrund
                 zum Wohl der Wunderwelt
des  S e i n s  allendlich  s i e g e n!

1987

Dort, wo du Wärme gesät

Steil in die schmelzblauen Lüfte
des Frühlingsgefühls
              steigt die Lerche,
trillert bezaubernd ihr Lied,
lobpreist den sonnigen Tag:
Oh, wie erhaben
sind Holder und Haselbusch,
             Heide und Nimmel!..
Aber allendlich verstummt
dennoch der Lerchengesang.

Tragen die Dornen die Schuld,
daß die harrenden
                Rosen verwelken?
Haben sie denn nicht beschützt
täglich ihr dürstendes Rot?
Waren sie denn keine Hirten
im Garten
      der strahlenden Schönheit,
die da die Hand der Natur
wieder und wieder verschenkt?..

Oh, wieviel Sagen,
Legenden und Loblieder
            reimt uns die Liebe!
Gibt es ein zweites Gefühl,
welches so brodelt und wallt?!
All deine Träume
und all deine Sehnsüchte
             gipfeln darinnen…
Aber der Sommer verglüht.
Rauh ist das Wetter im Herbst…

Soll denn die schmachtende Seele
im Schnee der Enttäuschung
                      versinken?
Hat sie die Kälte verdient?
Ist denn so trostlos ihr Weg?..
Ewig erklingen
die Lieder der Lerche
           und blühen die Rosen:
Auf geht ja immer die Saat.
Dort, wo du Wärme gesät.

1987

Und kostet´s auch viel Müh

Wieviel glatte Schriften
wurden jahrelang geschrieben.
Wieviel Freveltaten
wurden glatt verschwiegen –
kichernd, wohlberaten,
die Gerechtigkeit vernichtend.
Und so manches Menschenschicksal
wurde raffiniert zerkrümelt
und im Unheilstiegel
wie verfluchtes Ungeziefer
rabiat zerrieben.

Nun schlucken wir die Pillen
der erwürgten Wahrheit
jener schweren Jahre.
Es sind das keine Grillen
und keine Fluchtgedanken.
Es sind die zehn Gebote
der Überlebenschancen.

Drum heißt es jetzt die Laster
der Stagnation entgiften,
um damit die neuen Wege,
die wir gehen, gut zu pflastern.
Es ist richtig und wichtig,
wenn wir in Container verladen
all den seelischen Müll
und den giftigen Staub,
der noch drin im Gehirn,
und die Krankheitserreger
ganz tief in der Erde
für immer vergraben,
 damit wir nicht wieder
kurzsichtig, schwerhörig
und großmannssüchtig
wie damals werden…

Ist es nicht zu spät?
Ist es nicht zu früh?
Ist´s nicht besser, abzuwarten
ganz ruhig im Schatten
der erfrischenden Publizität,
auf der weichen Liege
der gefälligen Demokratie,
wie, was, wo und wann
sich wieder ändern kann?..
Ja, auch solche Tagediebe
wird es leider geben.

Wir aber haben unser Ziel.
Und kostet´s auch viel Müh –
aufrecht schreite,
              Mensch, voran:
Wir wollen endlich
            menschlich
                       leben!

1987

Geduld, nur Geduld!

Verschneit sind die Wege und Stege.
Noch toben und wüten die Stürme
und klingen die Fröste verwegen.
Und Schneewehen, meterhoch, türmen
sich unserem Fahrweg entgegen…
Wir müssen´s dem Winter vergeben.
Er will seinen Schaden beheben.

Noch schlummern dort unter der Decke,
der weißen, die Wiesen und Äcker.
Und Schneefall und wildes Gestöber
vermummen die offene Steppe,
als sei´s ein Gebirgspanorama,
als sei´s eine Fata Morgana
in modischer Tüllsilhouette.

In wollene Schale gehüllt,
stehn niedrig die Bäume und träumen:
Wann wird, o, wann wird nun das Wetter
denn endlich mal freundlich und mild?
Wann kommen die fröhlichen Winde,
die andere Zeiten verkünden?..
Verständlich: Den Frühling sie meinen.

Der Frühling? Gewiß kommt er wieder!
Geduld, nur Geduld, meine Lieben!
Und seid mir darob nicht betrübt!
Und bald geht der Winter vorüber:
Der Kälteverein muß verspielen,
solang es Frau Sonne noch gibt.
Die Felder und Wälder und Wiesen
und unsere Hoffnung ergrünen
aufs neue im sonnigen Frühling!

1987

Daß der Mensch nur Gutes tut

Rauschgiftsüchtig,
                 krallt das Böse
sich an morschen Stümpfen fest:
So kommod ist es gewesen
in dem alten warmen Nest!
Und es murrt und knurrt
                      und wütet,
heckt sich neue Tücken aus.
Doch indes es Rache brütet,
wirft man´s aus dem Nest hinaus.
Zuversichtlich sind gestimmt
überall die Massen heute:
Die Gerechtigkeit gewinnt
schnell an Tiefe und an Breite –
also auch an Kraft und Mut,
so das Leben zu gestalten,
daß der Mensch nur Gutes tut
und Vernunft
           und Eintracht walten.

1987

Sei bereit

Losgelassen von der Kette,
bellt der Geist
               der Schlechtigkeit
mit der Lüge um die Wette,
daß er treu und ehrlich sei.

Und er dringt in manche Hirne –
findig, rücksichtslos und dreist,
um die Sinne zu verwirren,
wie´s gebührt dem bösen Geist.

Wenn sein Opfer Skrupel plagen,
ändert er die Taktik schnell,
und der Hochmut darf sich laben
an banalem Lobgebell.

Und er kriecht auf allen vieren,
wie´s der Speichellecker tut.
Menschenwürdige Motive
bellt er an mit Zorn und Wut.

Ichsucht, Raffgier,
                   Roheit, Tücke
pflanzt er seiner Beute ein,
um sie seelisch zu zerrütten
unverfroren und gemein…

Quälen dich Gewissensbisse,
sei zum Widerstreit bereit,
hüte dich mit allen Mitteln
vor dem Geist
              der Schlechtigkeit.

1987

Wann?

So mancherlei muß man
im Leben verschmerzen…
Mein Heimatdorf trage
ich ewig im Herzen.
Es liegt – noch wie einst –
an der mächtigen Wolga.
Dort ist meine Kindheit
für immer geblieben.
Jetzt bin ich ein alter Mann.
Und wenn ich nun heute
dort nicht mehr daheim,
so sind es für mich
wohl die bitteren Folgen
des längst schon verflossenen
schrecklichen Krieges
und der Stalinschen Willkür,
die uns aus der Heimat
gewaltsam vertrieben…
Wann wird die Gerechtigkeit,
frag ich mich, siegen?
Wann frag ich, wann?
O wann?

                                 1987