Krüppel

Wieviel rührende,
            bittere Tränen!..
Wie erniedrigt, entwürdigt
        ist stets jenes Kind,
dem dies Leid widerfährt!…
O wie traurig,
             wie schrecklich,
wie entsetzenerregend,
                erschütternd:
So viel Krüppel
            das Heute gebärt!
Und man möchte, o möchte
die betäubende Zahl
            nicht erwähnen…
Wer ist schuld an der Qual,
an dem schreienden Elend?
Wohl die Mütter? Die Väter?
Die Erziehung? Die Umwelt?
Der gelobte Progreß?
        Die gespaltenen Gene?
Die verfälschte Moral?..
Wo versteckt sich der
                     Ungeist,
der die menschlichen
                    Schwächen
in die dritte Potenz
                heute erhebt?
Ist´s ein Damoklesschwert,
das beständig da über
der Menschlichkeit schwebt?

1990

Erste Liebe

„Sascha + Lilli = Liebe“
      stand an den Wänden
der Häuser
und sogar auf den Litfaßsäulen
des kleinen Städtchens
    mit Kreide geschrieben.
Was für ein glücklicher Junge!
Was für ein glückliches
                      Mädchen!
Was für ein glückliches Paar!..
Dann fauchte der Schnauzer –
            das feige Gespenst,
das schrullig und kauzig
      in puncto Sündenlast war,
und zündete schnell und gekonnt
das Fegfeuer an –
           an Ort und Stelle! –
und trieb alle Deutschen
durch die Stufen der Hölle,
damit sie – das elende Pack,
das Gesindel,
          die Landesverräter! –
ihre Sünden abbüßen,
          um dann in den Himmel
der Gezüchtigten einzutreten –
als gehorsame Sklaven,
        als geduldige Schafe…
Und Sascha und Lilli –
sie wurden getrennt.
       Verständlich: Für immer!
Und sie haben einander
          nie wieder gesehen…
Doch sind sie am Leben,
          am Leben! geblieben –
trotz Verdammnis und Hölle…
Und Lilli hat dann
           ihren Sohn ALEXANDER
getauft. Na und Sascha
            seine Tochter LILLI
                      genannt –
zum Gedanken (o Reminiszenz!)
an ihre erste zärtliche Liebe.

1990

Nie wieder!

So manches vergißt man
zuweilen zu früh.
Die vierziger Jahre
vergessen wir nie.
Die Braunen – sie brachen
vom Zaune den Krieg.
Sie träumten vom blitzschnell
errungenen Sieg.

Das eigene Volk ward
betrogen vom Feind.
Mit Blitzkrieg war
Menschenvernichtung gemeint.
„Nach Osten!“ sie kreischen.
„Dort finden wir Raum!
Schnell legen den Russen
wir an schon den Zaum!“

Es lag ihnen gar nichts
an menschlichem Recht.
Allein nur das „Arische“
war für sie echt.
Sie steckten die Städte
und Dörfer in Brand
und setzten in Flammen
brutal unser Land.

Am Anfang sie schrien:
„Der Sieg ist schon nah!“
Am Ende dann war
von dem „Blitz“ nichts mehr da…
Wer Recht hat, der siegt.
Das Sowjetvolk stand fest,
zerschlug und begrub
das faschistische Nest…

Noch heute verfinstert
sich oft das Gesicht:
Die Tausenden Opfer
vergessen wir nicht!
Am Ewigen Feuer,
zu Hause, am Herd –
die Sojas und Karbyschews
jeder verehrt.

Die Urenkel sagen
euch, Helden, viel Dank.
Im heißesten Kampfe
ihr niemals gewankt.
Für sie ihr vergossen
das menschliche Blut.
Wie stolz wir auf
eueren heldischen Mut!..

Und niemand blieb damals
vom Kriege verschont;
Das Hinterland mühte sich
nur um die Front.
Die Frauen und Kinder,
stets opferbereit,
versorgten die Front
in der schrecklichen Zeit.

Im Sommer und Winter,
bei Tag und bei Nacht,
von endloser Arbeit
erschöpft und erschlafft,
hat jeder das Letzte
zu Opfer gebracht;
Allein für die Front,
für den Sieg ward geschafft…
Es werden
die mageren Äcker bestellt.
Es wird übernachtet
auf offenem Feld,
Getreide geerntet
mit eisernem Fleiß;
Die Front braucht Bekleidung
und Brot auch und Fleisch.

In Gruben, Fabriken
und Werken sie stehn.
Sie meistern da Arbeit,
die nie sie gesehn.
Das Schleifen und Gießen –
es fällt ihnen schwer.
Die Front aber Waffen
benötigt noch mehr.

Und Furchen durchziehen
das junge Gesicht;
Der Sohn ist verschollen,
der Vater schreibt nicht.
da rauft manche Frau
sich die Haare und weint;
Ihr Mann ist gefallen
Erschossen vom Feind.

Gefallenenmeldungen –
übergenug.
Und Tränen und Jammer –
im endlosen Zug.
Doch schließlich, nach Jahren
der schrecklichsten Pein,
zog siegreich der Frühling
des Friedens dann ein…

Und Freude und Jubel,
Getriebe, Empfang,
Umarmungen, Trubel,
Musik und Gesang.
Der Mann ist gekommen,
die Sorgen sind aus.
Der Sohn und der Vater
sind wieder zu Haus.

Die Braut hat gelitten –
vier Jahre sind lang -,
in Wehmut und Bitten
um ihn sich gebangt.
Umarmt beide stehen –
ihr Frühling zieht ein:
Nun werden für immer
zusammen sie sein.

Nicht lang wird beraten,
sie fahren noch heut
hinaus in das Freie –
nun haben sie Zeit.
Rings Frühling und Sonne,
rings blühender Mai.
Der Sieg ist errungen,
das Elend vorbei.

Die Heimat bleibt Heimat,
im Kampf und im Streit.
Sie ist dein Zuhause
in Freud und in Leid.
O, Heimat, o, Heimat,
wie bist du so schön!
Die Liebe zur Heimat
kann nimmer vergehn!

Das Vaterland haben
die Väter befreit.
Und wir sind zum Schutz
unsrer Heimat bereit.
Dem Frieden allein wird
bei uns nur vertraut.
Es wird an der glücklichen
Zukunft gebaut.

          ***
Wir bauen nun friedlich
an unserem Haus
und statten es selber
für´s Leben uns aus.
Nie wieder! Dem Kriege –
ein weltweites Nein!
Auf Erden soll Frieden,
muß Frieden nur sein!

1981

Parallelen

Ob es eine Parallele gibt
zwischen Arzt und Eiskunstläufer?
Ob denn nicht zu groß der Unterschied?
Ist es nicht mein blinder Eifer?

Der Gedanken Flug ist mächtig,
endlos wie die Kosmosweiten.
Irdisches allein doch möchte´ ich
hier in diesen Zeilen deuten.

Welcher Aufwand, welcher Langmut,
opferwillig-wohldurchdacht!
Welcher Scharm und welche Anmut,
auf dem glatten Eis vollbracht!

Flug des Schönen, Ewig-Schönen…
Deines Schöpfergeistes Widerstreit
wird dein Tun und Treiben krönen
mit Vollendung und Vollkommenheit!..

Leider gibt es auch der Leiden viel.
Wer besänftigt deine Leiden?
Ist es kein erhaben-hohes Ziel,
deine Leiden zu vermeiden!

Oder sie auch zu vermindern,
deine Schmerzen dir zu lindern,
deine Wunden dir zu heilen,
Freud und Leid mit dir zu teilen?…

Krank, todkrank. Im Einzelzimmer…
Dann – die weiche, edle Hand.
Und ein matter Hoffnungsschimmer,
stumm der Ärztin zugewandt.

Flug des Schönen, Ewig-Schönen:
Wenn den Menschen Gutes du getan,
deine Tat wohltätig und human,
wird dein Werk dein Leben krönen.

              ***
Das wäre nun die Parallele:
Zum Schönen und zum Menschsein –
immer sprungbereit.
Wenn Geist und Hingabe beseelen,
erreicht der Mensch –
Vollendung und Vollkommenheit.

1981

Am schönsten ist mein Heimatland

Ein jedes Land ist schön.
Auf seine Art.
Ein jedes Volk ist groß.
Wenn sein Geschick
es selbst gestaltet
und seine Freiheit
sich bewahrt…

Am schönsten ist
mein Heimatland.
Wo meine Wiege stand.
Wo jeder Grashalm
nah mir und verwandt.
Wo jeder hilfreich reicht
dem anderen die Hand.

Das Grün der Wälder
und der Ackerfelder;
das Lied der Lerche
in der blauen Luft;
der Wiesengräser
wonniglicher Duft;
das graue Federgras,
das längst im Roten Buch
als „selten“ steht
und grauweißsilbern
in meiner Steppe weht –
Gefilde um Gefilde
begrüßen mich
mit Zuversicht.

Dein rosa Blütenschmuck,
dein grünes Sommerkleid,
dein Ährengold im Herbst,
dein blendendweißer Schnee,
dein heller Sonnenschein,
dein Kummer und dein Weh,
o Heimat, sind auch mein!

1983

*** (o innerer widerstreit)

o innerer widerstreit
               der wirren gefühle!..
 „die transformationen
                  deiner emotionen –
sind wirklich wunderlich:
sie können so schön
                viele fragen umgehn,
die akut für das leben,
              statt antwort zu geben
auf jene probleme,
         die seufzen und stöhnen…“
       soweit mein entlarvendes ich.

„wenn so oft in unserer zeit
       an den winkenden rosenstöcken
der warmherzigkeit und der güte
              die knospen verwelken,
bevor sie voll wonne erblühen,
weil die gleichgültigkeit
     das schöne und gute nicht sieht
und nichts ahnt und nichts fühlt
            der sehnsucht nach liebe
und eintracht und frieden
in ihrer schielenden scheelsucht
statt freude nur unmut erwecken;

wenn die lerche verstummt
        in den schmelzblauen lüften,
weil die fluren der tugend
            und sittlichkeit weithin
verrußt und versumpft,
            verseucht und vergiftet,
so wird das gefühl
             der inneren anteilnahme
so manchmal in keime erstickt,
       wenn das herz auch vor kummer
und leid und vor sorgen
und wehmut zerbricht“,
       erwidert mein trostloses ich.

1990

Limonade

Die Gäste unterhalten sich.
Bald fällt das Stichwort
Indien und bald Brasilien.
Und ich kapiere schließlich:
Die Gäste haben Durst –
sie möchten Kaffee trinken.
Na, Tassen haben wir gewiß.
Auch eine Kaffeekanne.
Doch Indien ist weit,
Brasilien noch weiter.
„Tja…, Freunde“, sage ich.
„das waren gute Zeiten…“
Und sie verstehen mich…
Wir trinken Limonade.
Auch dieser Luxus ist
nicht jeden Tag zu haben.

1990

Die Tanne

Und wer hat das Garn
von der Spule gehaspelt?
Und wer hat der Tanne
genäht dies Gewand?
Ja, wer hat’´ ertüftelt,
wohl ohne zu rasten?

Nicht jedwede Näherin –
glaube ich – kann´s.
Ein Kleid mit Volants
aus gemusterten Spitzen
umhüllt nun die Tanne:
Ein Schneewetterkleid!
Die Rüschen und Paspeln –
sie blinken und glitzern
bald bläulich, bald gräulich,
bald grünlich, bald weiß.
Das Bäumchen, von Ewald
gesetzt vor fünf Jahren,
hat heute an Höhe
ihn weit überholt…
Und bis in den Himmel
wird später sie ragen –
die Tanne, vom Schimmer
der Zukunft umloht…
Und wenn auch sein Name
damit nichts zu tun hat,
schwärmt Ewald schon ewig
für Wiese und Wald.
Drum sammelt er Samen,
drum züchtet er Blumen,
setzt Sträucher und Bäume
für seinen und deinen –
für unseren Park…
Und kommen mal eilends
die Winde und blasen
den Schnee von den Zweigen
der Blautanne weg –
erhaben dann prangen
die bläulichen Nadeln
der heimischen Tanne
von Ewald gesetzt.

1990

Laß das Naschen!

Oh, mein Lieber, druckst ja wieder.
Sind die Hühner denn nicht auf der Stang´?
Fehlt´s an Futter für die Glucken?..
Wo, zum Kuckuck, warst du denn so lang?
      Ist dir wirklich alles schnuppe?
      Bin ich denn nur eine Puppe,
      ein Maskottchen, nur zum Spielen?
      Oh, ich habe auch Gefühle!..

Hühnersuppe, Gänsebraten,
gut geraten, – labe dich daran!
Speck und Butter, Eierfladen,
Schokolade… Iá, mein lieber Mann!
      Ist dir wirklich alles schnuppe?
      Bin ich denn nur eine Puppe,
      ein Maskottchen, nur zum Spielen?
      Oh, ich habe auch Gefühle!..

Arme Hühner!.. Warst wohl wieder
bei Frau Liese? Gott, vergib dem Weib!
Laß das Naschen, Männe, laß es,
sonst verkrachen wir uns mit der Zeit!
      Ist dir wirklich alles schnuppe?
      Bin ich denn nur eine Puppe,
      ein Maskottchen, nur zum Spielen?
      Oh, ich habe auch Gefühle!

19. Januar 1988

Das Wiedersehn

O, wollte denn das Schicksal
                es so haben,
das einstens als Verhängnis
               uns getrennt?
Ein Wiedersehn mit Dir!
Nach dreißig Jahren.
Ein Traum.
Den mir das Leben noch
                  geschenkt.

Wie oft, wie oft
hat mir das Herz geblutet,
denn an der Trennung
      war ich selber schuld.
Ich hab´ auf diese kurzen
               Schlußminuten
so lang gehofft
mit innrer Ungeduld.

Des Wiedersehens
kurze zehn Minuten –
sie währten wahrlich dreißig
                  Jahre lang
und haben jene Stunden
                wachgerufen,
da uns der Frühling
        zarte Lieder sang…

Dein Antlitz wahrt
bis heut die edlen Züge.
Dein Blick mich wieder
wie dereinst betört.

Dein Herz,
dein gutes Herz ist jung
                  geblieben.
Nur daß es einem anderen
                   gehört…

Sei glücklich immerfort,
             verlorne Liebe,
und träum den Traum
der trauten Zweisamkeit.
Der Sehnsucht klarer Quell
         wird nie versiegen,
den einst entdeckt
die ferne Frühlingszeit.

Leb wohl, leb wohl!
Ich wünsche Dir nur Gutes!
Du weißt, Du weißt,
    ich mußte wieder gehn…
Und wenn mein Herz
vor Wehmut wieder blutet –
ich stille es…
      mit diesem Wiedersehn.

                                  1985