Ticktack

„Ticktack, ticktack…“
Es geht die Uhr,
doch kommt und kommt
sie nicht vom Platz
und tickt im Takt:
„Ticktack, ticktack…“

Der Peter meint,
die Uhr sei nur
zum Zeitvertreib.
Sie geht… und steht
auf einem Platz:
„Ticktack, ticktack…“

Da schaut er hin:
Die Uhr zeigt acht!
Und Peter eilt,
daß er´s noch schafft
zur rechten Zeit –
„Ticktack, ticktack…“

Ein bißchen kommt
er doch zu spät:
Die Uhr – sie geht,
auch wenn sie steht
und tickt im Takt –
„Ticktack, ticktack…“

13. Juli 1988

Modern

Auf leisen Sohlen kommt die Dämmerung
und breitet ihre weichen Flügel aus:
Es dunkelt langsam, und der Lärm verstummt,
und tiefe Stille herrscht in meinem Haus…

„Wie kitschig und wie abgeschmackt!..“

„Tja… die Tradition, die Überlieferung,
was die Kultur hervorgebracht…
Ich weiß, daß dieses Bild
veraltet ist. Gewiß!
Und auch das Vermaß und der Reim
sind tausend Jahre alt und abgegriffen…
Erst wenn man alles – Form und Sinn! –
ganz zeitgemäß schön durcheinanderbringt,
gewinnt das Bild Gestalt…
Wozu den Kopf sich noch zerbrechen?
Wozu in Bildern denken?
Zum Henker mit dem Firlefanz!
Und das Gedicht ist schickmodern!
Ach nein doch, nicht von „Moder“;
von „Mode“ stammt das Modewort.
Und alles klingt – was überwichtig ist –
avantgardistisch (Sprich: awang-)!..

Und Sinn und Form; Empfindung und Gefühl
und Klang mit allem Drum und Dran?..
Wozu? Der Leser hat sein Recht auf Ruh!
Und damit basta! Wenn deutsch, dann Schluß!“

Und dennoch lähmt mir die Beschuldigung
den Willen wie ein Hexenschuß…

22. Mai 1989

Versippt

Obwohl aus verschiedenen
        Gegenden beide wir stammen,
so sind wir von nun an Verwandte:
Ihr Mädchenname – er ist Alexander,
      und ich heiße auch Alexander.
So führte das Schicksal
             uns endlich zusammen –
weil unsere leiblichen Ahnen
vor Tausenden Jahren
           mal stammverwandt waren.

24. Juni 1989

Rezept

Sechsundsechzig bist du alt?
Sechs mal sechs
        ist sechsunddreißig!
Wenn du willst –
              auch sechzehn!
Mache doch ein bißchen halt!
Sei im Rückwärts
           nicht so fleißig!
Höre auf zu ächzen!

Alles liegt unendlich weit?
Nein, dein Herz
         ist jung geblieben!
Denk zurück an Balzer!
Denk an deine Jugendzeit
und an deine erste Liebe! –
       Du vergißt das Alter!                               

26. Dezember 1989

Fast neue Schuhe

Vom Schander-Dörfchen
          bis nach Gnadenflur
war´s gar nicht weit –
   vielleicht drei Kilometer.
Ich machte diese Tour
      dorthin und auch retour
alltäglich. Barfuß.
      Ohne jegliches Gezeter.

Das ist schon lange her.
            Doch jenes Bild –
es war noch im September
             vierunddreißig –
vergeß ich nie.
Die Mutter lächelte so mild:
„Fast neue Schuh´, mein Kind.
        Jetzt lerne fleißig!“

Die Schwester hatte sie
       in Sichelberg gekauft.
Die Schuhe hatten
            rote Gummisohlen!
Jetzt störte mich
   kein Regen und kein Staub:
Ich könnt´ die Sterne nun
          vom Himmel holen!..

Und große Augen sollte
     machen – Gertrud Schmidt
(das hübsche Kind
war immer hübsch gekleidet!).
Und auf den roten
          Gummisohlen schritt
ich stolz voran,
   um meinen Blick
            an ihr zu weiden.

                                  14. April 1990

Es kommt ein neuer Mai

Liebe, Liebschaft, Liebelei…
Besser, wenn es umgekehrt:
Wenn aus einem kleinen Flirt
eine große Liebe wird.

Alles, heißt es, geht vorbei.
Alles. Von der Zeit zerstört.
Auch die Liebe, die verwirrt
durch das Reich der Träume irrt.

Ob ihr Himmel wolkenfrei,
ob der Kummer sie verzehrt,
glimmt ihr Feuer, schwirrt und sirrt,
bis sie in den Abgrund stürzt…

Doch es kommt ein neuer Mai,
schenkt dir, was dein Herz begehrt.
Und der Gott der Liebe wird
dein Behüter und dein Hirt.                               

10. April 1990

Angst

Steht eine Linde,
       halb niedergepeitscht
von den Stürmen der Angst,
      die die edle Gesinnung
bedrohn und verwirren,
       und kann jenen Ausweg
nicht finden, der sie
von dem Alpdruck befreit…

Wartest auf Linderung,
armes Geschöpf? Überlegst,
was dann würde, wenn wohl
und gesund durch die Straßen
der Lust und der Freude
        du hineilen könntest
ins Märchenreich
           GLÜCKSELIGKEIT?..

Werden vom Sturmwind
     die Zweige der Hoffnung
zerbrochen; die Wurzeln,
    die Säfte der Zuversicht
treiben, zerstückelt,
     so ist es nicht leicht,
zu gesunden im Wirrwarr
          der Übergangszeit.

                                  26. Februar 1990

Ich suche und hoffe

O endlose Wege!
O endlose Stunden!
Ich warte und warte.
Ist alles vergebens?..

Du hast mich verlassen,
bevor wir im Wirrsal
der bangen Gefühle
einander gefunden…

Es raunen die Götter:
„Ein trauriger Fall,
ein bitteres Übel.
Da gibt´s keinen Rat
und kaum eine Rettung…“

Ich suche nach dir überall.
Doch kann ich den Pfad
ins Märchenland LIEBE
bis jetzt nicht entdecken.

Nur Irrwege gähnen
mir achtlos entgegen.
Und Sackgassen klaffen…
Ich hoffe. Und stöhne.
Und suche. Und warte…

Ich vergesse es nimmer:
Ich höre dein Lächeln,
voller Anmut und Reiz.
Ich höre das Echo
der zärtlichen Stimme,
die einst mich betört…

Ich suche. Und hoffe:
Die Welt ist noch offen!
Ich weiß, o ich weiß,
daß dein Herz mich erhört.

1990

Brot über Nacht

Reich wollte er werden – der arme Mann.
Wenn nicht reich, dann eben wohlhabend.
Wenn nicht wohlhabend, so wollte er Brot
über Nacht für Frau und Kinder haben.

Ist das Untugend? Ist es ein Laster?
Ist´s eine kühne Freveltat?
Wird es als Wahnsinn bestraft?
Kommt man dafür in die Hölle?..

Doch er spannte sich ein – der Armbauer
Heinrich Neubauer und wurzelte
Tag und Nacht im Schweiße
                      seines Angesichts:
„Vater unser im Himmel.
              Geheiligt wurde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
            wie im Himmel, so auf Erden.
unser tägliches Brot gib uns heute…“

Reich wurde Heinrich Neubauer nicht.
Wohlhabend wurde er auch nicht.
Aber Brot über Nacht für Frau und Kinder
hatte er jetzt. Sogar auf den Winter…

Dann wütete die Entkulakisierung.
Nein, Kulak war er nicht geworden.
Soweit hatte er es nicht gebracht.
Aber kurz danach, als die Kulaken
im Dorfe nicht ausreichen wollten
(Planauflagen gab es dafür:
Soundso viel Kulaken müsse es geben!),
wurde Heinrichs heißes Bemühn
als Kulakenanbeterei denn qualifiziert:
Fort, fort mit dem bissigen Hund!

Und Heinrich Neubauer –
der Widersacher-Volksfeind-Taugenichts –
landete schnurstracks im Hafen der Hölle,
im fernen hyperberüchtigten Magadan.

                                       11. November 1989

Vom Teig zum Brot

Verschleiert sind die Verse,
   die Renno Remmo schreibt?
In einem Küchenmörser
  er Wort für Wort zerreibt.

Dann nimmt er dieses Pulver,
    vermischt mit Lebertran,
und rührt nun freudetrunken
       den Teig mit Hefe an.

Der Teig muß lange gehen.
  Der Bäcker weiß, wie lang.
Verpaßt er´s aus Versehen,
        so ist er übel dran.

Dann fließt die ganze Masse
           ins Uferlose hin;
dann sitzt er im Schlamassel
und sucht nach seinem Sinn.

Verschläft er´s nicht,
                 dann knetet
er nächtelang den Teig.
Und klebt und prägt
                (und betet!)
und formt das Brot:
              Er schreibt!..

Und scheint ein Vers
               verschleiert,
erkenne seinen Wert!..
Wozu herunterleiern,
    was jeder schon gehört?!                                   

24. April 1990