Gekreuzigt

Ein neues Jahr.
Sein erster Tag,
so hell und klar,
grüßt winterlich,
doch inniglich
die Erdenkinder…

Die Unschuld fragt:
Ein neuer Anfang?
Mit Zuversicht
und Mitempfinden?
Gewiß, gewiß…
Doch nicht für alle.

Für dich und mich
und unser Volk,
mein Freund
        und Landsmann,
ist’s ein Verhallen
der bangen Bitten.
Man hört uns nicht.

Erschütternd ist:
Man braucht uns nicht.
Ob hier, ob dort;
ob dort, ob hier.
Und an die Tür
der Waisen pocht
der blinde Haß:
So schert euch fort!..

Wohin, wohin
mit uns, die wir
als Rußlanddeutsche
so viel gelitten
und längst als Volk
gekreuzigt sind?!

1. Januar 1991

Verstummte Lieder

Verstimme ich dich nicht
mit meiner bangen Stimme,
die oftmals ängstlich klingt
und wehklagt wie entrückt
in meinen Liebesversen?
Die wunde Seele spricht –
so war es ja noch immer –
davon, was sie umringt,
davon, was sie bedrückt:
Sie kann sich nicht beherrschen.

Die Liebe hat versagt?
Die zauberhafte Liebe?
War sie auf Sand gebaut?
War’s nichts als Liebelei?
Ein Gast, uneingeladen?
So frage ich verzagt…
Ist alles nun vorüber?
Umsonst dem Drang vertraut?
Verwirrte Träumerei?
Und gibt es keine Gnade?..

Wenn die Erwartung schweigt,
verstummen auch die Lieder.
Die Blumen welken hin.
Die Sterne schimmern fahl. –
Symbole der Enttäuschung!..
Und wenn die Unruh steigt,
so drückt den Mut sie nieder.
Es lacht der Widersinn.
es weint die Seelenqual.
es jammert die Verzweiflung.

6. Januar 1991

Wütender Angriff

Die ersehnte Demokratie
wird wieder erschossen
           in unserem Land.
Die lautere Wahrheit
wird wieder erwürgt
           in unserer Zeit.
Und es schreitet voran
die berüchtigte Diktatur
mit MPis und mit Panzern.
Eine ganze Kette
        brutaler Verbrechen
gegen die Menschlichkeit:
1989 in Tbilissi…
1990 in Baku…
1991 in Vilnius
             und in Riga…

Müssen
   die freigelegten Quellen
der Menschenrechte
        wieder versiegeln?..

Und das Gewissen
der „Heerführer“ schweigt.
Und das friedliche Volk
       wird wieder betrogen
und frech hineingerissen
in den schrecklichen,
          blutigen Strudel,
wo der Bruder den Bruder –
wie ihm es befohlen! –
blindlings niederschießt…

O Gott, muß die Vernunft
   der Willkür unterliegen?

22. Januar 1991

Weicher Übergang

Ausgleich, Entschädigung
(Kompensation!):

Zehn Rubel zusätzlich
zur niedrigen Pension.
Wer arbeitet, der kriegt
einen höheren Lohn.
Das heißt Sozialfürsorge.
Das nennt man Garantie
für ein normales Leben…
Und parallel daneben:
Beschlagnahme
(Konfiskation!)
der Hundertrubelscheine
und Fünfzigrubelnoten.
Das heißt Enteignung
(Schlau ausgedacht!).
Und noch zwei Hobeleisen:
die Steuerexekution
und das Galoppieren
der rasend horrenden,
unverschämten Preise…
Gehört der Zwang
zum weichen Übergang
zur Marktwirschaft?

14. Februar 1991

Nobelpreis

Meiner sehr geehrten Leserin
aus Nowokusnezk gewidmet

Ich möchte behaupten:
                   Ganz logisch,
gerecht und verdient
          ist die kostbare Gabe:
Den berühmten Nobelpreis! –
                       Sie haben
ihn Artur Hörman verliehen
für seine ergreifende „Ordnung“.
Versteht sich von selbst:
                 nur symbolisch.
Denn Nowokusnezk, wo Sie leben,
befindet sich nicht
        im Königreich Schweden –
dort droben
    im europäischen Norden! -,
wo reichlich und üppig die Rosen
der Menschlichkeit blühen…
Und schriftlich
           verspreche ich Ihnen:
Ihre warmen Worte
            und herzlichen Grüße
werde ich gern
      meinem Freund überbringen.
Damit er es fühlt,
        wie tief sein Bekenntnis
vermag in die Tiefen
entmutigter Seelen
              da vorzudringen…

Und was meine Lieder
    und meine Gedichte betrifft:
Ich verschweige es nicht.
     Solange Appol mir es gönnt,
soll meine Stimme erklingen
              vor allem darüber,
was mir mein Herz so bedrängt –
über das tragische Los,
            über Kummer und Leid
und über die düsteren Wolken
             der Ausweglosigkeit
meines vielgeprüften Volkes.

                                    17. April 1991

Zusatz

In unserem Küchenschrank
wird Ordnung geschaffen.
Da gibt es so allerhand
Dosen, Büchsen und Kapseln,
und Gläser und Schachteln.
Doch gähnen sie vor Leere.
Wir suchen da nicht
nach solchen Delikatessen
wie Honig und Bonbons.
Denn diese Leckerbissen
sind längst schon vergessen.
Wir suchen nach Vorrat.
Und da und dort ist noch
ein Rest zurückgeblieben:
ein bißchen Hirse,
ein bißchen Grieß,
ein bißchen Gerstengrütze,
ein bißchen Weizenmehl…
Und siehe – wir lächeln:
Wir ziehen‘s in die Länge –
ein Zusatz immerhin
zu den mageren Talons…
Dann wird vielleicht
das Leben wieder besser.

9. April 1991

Zuweilen

Ganz leise stöhnt
im herbstlichen Wald
   der frostige Wind…
Entblätterte Birke,
   bist wieder besorgt,
was der Winter,
der kalte, dir bringt:
Nichts sei so nah
           wie der Tod,
der von Geburt an
  uns ständig verfolgt.
Alltäglich.
        Allstündlich…

Dein Herz ist noch jung
und manchmal schon
       überempfindlich.
Siehst es ja selber:
   Wir reißen ihm aus –
dem Tode, solang es
das Leben ermöglicht…

Zuweilen jedoch
       bitten und beten
wir leidenschaftlich,
    er soll uns erlösen
vom irdischen Leid
      und aufnehmen uns
ins selige Reich
        der Ewigkeit…

Aber erst dann,
mein liebes Birkenkind,
wenn wir grau und alt
  und gebrechlich sind.

5. November 1990

Bis heute

Ja, stürmischer Beifall
wurde von unten gezollt –
der Umgestaltung-Perestroika!
Auch von den Rußlanddeutschen.
Auch von mir persönlich.
Das ist uns ja ähnlich:
Wir schöpften wieder Mut,
wie so oft man das tut.
Es hieß: Genug gegrollt!
Wir hatten uns gedacht…
Wir hofften nämlich,
es würde endlich siegen
im Lande die Gerechtigkeit…
Jetzt müssen wir summieren:
Sie lahmt auf allen Vieren.
Sie hat uns nichts gebracht.
Wir Deutschen sind bis heut
geächtet und vertrieben…

20. April 1991

Das Geleit

Gelb verglüht die Zeit
auf den flachen Hügeln
ängstlicher Erwartung,
zappelnd flatternd
mit gestutzten Flügeln…

Fahl und alterskrank,
tanzen in den Flammen
der Erinnerung
ihren letzten Tanz
halbverwelkte Gräser,
trotz der Todesangst,
seelisch schon bereit,
sich in Staub und Asche
zu verwandeln –
in Vergangenheit…

Schickt der Herbst
da einen leisen Regen,
den welken Gräsern
das Geleit zu geben –
hin zur Ewigkeit.

1987

Terzinen Deiner Seele

In Deinen Augen leuchtet jene Ferne,
die ich durchwandert, um zu Dir zu finden.
Auch heute sind’s dieselben blauen Sterne,

als ob sie noch an jenem Himmel stünden,
der unser Glück gewollt in jenen Stunden
und gern ein Höhenfeuer angezündet.

Zwei Herzen hat Dein blauer Blick verbunden,
der milde Blick, der damals mich durchglühte,
der Blick, der tiefste Tiefen überwunden.

Denn Deine Augen strahlen aus – die Güte
der Seele Dein, wo Hoffnungsfelder grünen,
die mich vor eigner Kälte stets behüten, –
der S e e l e, die ich rühme in Terzinen.

1987