Dahlien

Amalia, die Dahlien
     (Symbole deiner Träume,
die für den Wohlklang
      heut noch schwärmen!),
die du in deinem Mai
im Garten deines Mitgefühls
für die Verstoßenen
     so liebevoll gezüchtet,
damit dann ihre Sonnen
mit ihren hellen Strahlen,
     die immer voller Wonne,
im Sommer und im Herbst
die Innenwelt
     der längst Vereinsamten
erleuchten würden
              und erwärmen –
sie waren der Verachtung
   und Willkür preisgegeben:
Es rangen die Bedrängten
   umsonst ums nackte Leben.

Und deine Lieblingsblumen
sind stumm und schüchtern,
       verlegen und befangen
und heiße Tränen weinend
     vor Kummer eingegangen,
von scharfen Repressalien
verstümmelt und zertrampelt
  und skurpellos vernichtet:
Die Blumen wären schädlich
für die verdammten Sklaven.

          * * *
Das war vor vielen Jahren.
Doch offen sind die Wunden:
    Es stöhnen jene Dahlien,
die ihren frühen Tod
im Sumpf und Schnee und Eis
der Grausamkeit
   der unmenschlichen Zeit –
du, böser Geist! – gefunden.

                             15. November 1990

Verdammung

Zu Geiseln verdammt
       sind wir Deutschen.
Wem sollen die Schuld
            wir nun geben?
Uns selbst,
     liebe Schwestern
             und Brüder?..
Ein Grund,
    uns zu assimilieren?..
Vielleicht Katharina
              der Zweiten,
die unsere Ahnen
              nach Rußland
verlockt,
  wo so süß sei das Leben?

Vielleicht den dann
          folgenden Zaren,
die alle verschwägert
                  da waren
mit Schweden und Preußen
            und Deutschen,
die gern
nach französischen Sitten
sich stritten
       und küßten
         und schneuzten?..

Vor allem
   dem blutgierigen Stalin
und seinen Satrapen
              und Henkern,
die Tausende Opfer
                zermahlten
in höllischen
         Massenmordmühlen!
Den Lenkern!
        Des Staates!
            Den Führern!..

Chrustschow,
      der manch‘ Märchen
                  ersonnen
und wenig erzielt
             und gewonnen?
Er hätte uns Deutschen
               noch retten
gekonnt wohl
    im taufeuchten Wetter.
Doch wurde er selber
               verdroschen
von seinen
     Parteimacht-Genossen.

Wohl Breshnew,
    dem Helden der Helden?
Da gab’s keinen Grund,
           noch zu hoffen.
Er liebte vor allem
              sich selber.
Drum hat er
  mit Schurken und Gaunern
den Sozialismus –
              versoffen…

Was bringt nun das Heute
            uns Deutschen?
Wir hoffen. Und schweigen.
                Vergebens?
Vergessen
      von der Perestroika,
erblassen
     die sehnlichen Träume
im Dunst
   und im frostigen Nebel:
Ein Volk
  ohne Zukunft und Heimat?

16. November 1990

Lichte Zukunft

Wie oft beschleichen
        dich die Zweifel
in dieser
     ausweglosen Welt…
Es stammt das Übel
     nicht vom Teufel.
Das Böse steckt
     im Menschen selbst.

Obwohl sie heute
          anders heißen,
doch Sklavenhalter
           gibt es noch:
Ein Jammerbild,
    das herzzerreißend –
die Sklaven tragen
         stumm ihr Joch.

Es wird spektakelt
          und gepredigt,
das Wohl des Menschen
           sei ihr Ziel.
Und jeder würde
      einst entschädigt,
wenn er gelitten
            allzuviel…

Das lichte Morgen
          sei gesichert.
Trotz Kümmernis
        und Mißerfolg…
Die Schurken
   und Halunken kichern:
Für ihre Zukunft
            ist gesorgt.

                     17. November 1990

Schnee im Dezember

             Katharina Berger gewidmet

Ach, diese schneeweißen Farben
         dort auf der Wiese, im Walde
und in den Tälern der Seele
         könnten so manches erzählen,
wenn wir den müden Dezember
         und seine Sorgen verständen.

Aber wir müßten uns selber
       heimlich verwandeln in Felder,
die ihre Farben verschenken,
              ohne darüber zu denken,
was sie erwärmt dann im Winter,
     wenn sie in Schweigen versinken.

Oder in blühenden Wiesen,
        die, voller Lust, jubilieren,
grüßend mit sinnlichen Dolden
      perlblau und glutrot und golden,
ohne sich Sorgen zu machen,
      was sie im Spätherbst erwartet.

Oder in Erlen und Espen,
    die aus dem vollen gern schöpfen,
grünen im Sommer und singen
        unter dem lichtblauen Himmel,
aber den Mut oft verlieren
   wenn sie im Winter dann frieren…

Sagt mir, ihr frostweißen Farben:
         Findet die Seele Erbarmen?..
Oh, diese eisigen Stürme!..
      Wer soll die Träume beschirmen,
Daß sie den Frühling erreichen
trotz ihrer Angst und Enttäuschung?..

            * * *
Schnee im Dezember… Ein Zeichen,
        daß die Beklemmungen weichen?

20. November 1990

Leb wohl, leb wohl!

                Amalia Mehlhaff gewidmet

Als leichtes Federwölkchen
            am Horizont der Liebe
ist sie im Traum erschienen.
    Kristallen. Und zerbrechlich.
Und hat ihm zugelächelt.
Und ein paar feine Splitter,
        mit Schwung herabgeworfen
aus Übermut, zerschmolzen
       auf seinen spröden Lippen.
Sie gleichen Wermuttröpfchen.
     Und Wermutwein, zwar bitter,
schmeckt immer wieder köstlich!..

Kein Wunder: manchmal träumen –
   am hellen Tag! – die Steine…
Der Felsen, alt und rissig
     und von der Zeit verwittert,
erwachte aus dem Schlummer
      und stöhnte laut vor Kummer
und konnte sich nicht fassen:
        Sie hatte ihn verlassen –
die zartgliedrige Stolze,
            die graziöse Wolke…
Und wieder Abschiedstränen:
   Leb wohl, leb wohl, du Schöne!

21. November 1990

Wohin soll sie schwimmen?

Kein Erbarmen. Kein Mitgefühl
         mit all den Bedrängten.
Nur Argwohn. Und Lug und Betrug.
Eliten, Eliten, Eliten
   (Fanatiker, rechte und linke;
Zeloten, Verbrecher und Lumpen –
aller Spielarten
              Farben und Kasten)
mit der Sorge ums eigene Wohl:
   Regieren, regieren, regieren!
Um fette Profite einzukassieren.

Und da nimmt es nicht wunder,
  wenn ein Super-Staatspräsident
bereit ist, sein eigenes Volk
bis zum letzten Mann zu opfern,
      um ein kleines Nachbarland
um jeden Preis zu verknechten…

Wäre es nicht an der Zeit,
             eine Art Arche Noah
auszudenken und auszubauen,
   um vor der drohenden Sintflut
der schleichenden
               Menschenentartung
Zuflucht und Obdach zu finden?..

Aber wohin soll sie schwimmen,
wenn dahin ist
             der innere Frieden,
wenn der schmelzblaue Weltozean
      der heiligen Nächstenliebe
und die Fluren der Zuversicht
auf der kleinen schuldlosen Erde
     bis hinauf zum hohen Ararat
weithin befleckt
             und verpestet sind?

28. November 1990

Wer entwirrt das Chaos?

Ein Uzvogel uzt dich so gern.
Was ist schon Böses daran?
Eine harmlose Neckerei.
Du gehst nicht zugrunde.
Du lächelst, spielst mit
und bist nicht erniedrigt.

Doch gibt es auch andere,
verantwortungslose Spiele
mit schrecklichen Folgen,
die schwer im Voraus
zu bewerten und später
wiedergutzumachen sind…

Wer wagt es normalerweise,
va banque zu spielen,
wenn er weiß, daß alles
schon längst verspielt ist?
Der wahnsinnig Dumme?
Der zynische Kluge?..

Aber utopische Pläne
werden so gern und so oft
tonnenweise ausgeklügelt
und dann Versuche gemacht,
sie auch zu realisieren –
um jeden (jeden!) Preis…

Wer soll das Chaos entwirren,
wenn hereinbricht dann über
die armen Versuchskaninchen –
wie ein Schreckgespenst –
das furchtbare Unheil
der Öde und Ausweglosigkeit?

                               22. Dezember 1990

Wärmender Schnee

Schnee. Flockiger Schnee.
Auf der Straße. Im Garten.
Auf dem Felde. Im Walde.
Und Schnee in den Räumen
der einsamen Seele…

Und verzehrende Sehnsucht.
Und angstvolle Träume.
Und zerschlagene Hoffnung.
Und vergangene Freude…
Und leise rieselt der Schnee.

Bitteres, brennendes Weh…
Ob im Schnee es erlischt?
Ob die Wehmut vergeht?
Ob der flaumige Schnee
deine Seele erfrischt?..

Schnee, o wärmender Schnee,
verschwinden die Schatten
der düsteren Farben
der Einsamkeit balde?..
O wie lange noch warten?

                          19. Dezember 1990

Mein Landsmann Bauer

Er schuftet und ackert
und rackert sich ab
          sein Leben lang.
Doch alles vergebens:
    Er hat nichts erzielt.
Auch heute ist er arm.
Und schafft. Und schweigt.
Bald ist das Pflugeisen
zu scharf, bald zu stumpf,
bald in lauter Scharten.
   Bald pflügt er zu tief,
bald nur mit halber Schar.

Er ist nicht Herr
           in seinem Haus.
Er ist nicht Herr
          auf seinem Feld.
Er muß tun und lassen,
was man von oben
         gerade befiehlt:
Mein Landsmann Bauer
ist nun mal ein Landmann –
     ohne Recht auf Boden,
ohne Recht auf Eigentum
  und auf Selbständigkeit.

20. Dezember 1990

Gewalt

Leidgeprüfte Rußlanddeutsche,
die verlästert sind bis heute…
Was erwartet sie im Lande,
wo sie einstmals Zuflucht fanden?..

Alexander und Christine,
die verlobt sind,
                 hat die Willkür
jäh getrennt
            und ‚rausgeschmissen
in die Sümpfe der Zerrüttung,
in die Mühlen der Vernichtung…
Doch die beiden überstanden
all die Qualen. Und sie waren
von der Fügung tief ergriffen,
als die Gnade und die Güte
endlich sie zusammenführten…

Oh, Berührung! Es entflammen
die Gefühle. Und, umschlungen,
triumphieren sie und fliegen
hin zum Tempel ihrer Träume
auf der grünen Wunderwiese
der Berückung und Entzückung…

Ihren Himmel teilt man wieder.
Und sie leiden. Und sie frieren
in der Hitze jener Wüste,
wo versandet sind die Brunnen
der Vernunft und Nächstenliebe;
wo die Lügen und Intrigen
immer neue Ränke schmieden;
wo die Quellen der Verheißung
immer mehr und mehr versiegen
und dem Sandsturm unterliegen…

Alexander und Christine
sind getrennt,
              getrennt geblieben
bis zu ihrem Lebensende.
Und begraben beide liegen –
er im Norden, sie im Süden…
Wie es die Gewalt entschieden…

Schwergeprüfte Rußlanddeutsche,
die geknebelt sind bis heute…
Oh, mein Volk hat bis zur Neige
längs geleert
          den Kelch der Leiden.

30. September 1990