Gebote der Zeit

Kälte und Regen
im Spätherbst der Seele
       sind schwer zu vermeiden.
Stehst vor dem Winter
und schaust in die Leere
         und suchst eine Bleibe,
wo deine Hoffnung nicht trügt,
      wo es noch Innigkeit gibt.

Düstere Ahnungen.
Wehmut ergreift dich
         und nagt dir am Herzen.
Lastende Nebel
und Mißklänge lindern
    wohl kaum deine Schmerzen…
Ist es die Angst vor dir selbst,
die unter Druck dich nun hält?..

Danke den Liedern
des blühenden Flieders
         im zeitfernen Frühling.
Danke den Freuden
der Sommernachtsträume
            mit Rosen der Liebe.
Und dein Verlangen vernimmt
Klänge, die sanft sind und lind.

Weißt ja, es gab
auf dem leidvollen Wege
       auch Stunden des Schönen.
Und die Erinnerung
trocknet der Wehmut
          behutsam die Tränen…
Und die Gebote der Zeit
       trösten die Seele erneut.

15. September 1990

Echo der Liebe

Allein und verlassen.
Für immer vergessen…
Zum wievielten Male
bekümmert die Herzen
gescheiterter Paare
die traurige Frage:
Warum muß die Sehnsucht
die flüchtigen Augenblicke
der verhallende Schritte
der Gnade so teuer bezahlen?

       * * *
Die Jahre, die Jahre…
Wo wallfahrt das Damals
der freudetrunkenen Paare,
die einstens sich trafen
und glückselig waren?
Auf kosmischen Straßen
der endlosen Ewigkeit?
Auf Liebesinseln im All,
von Erbarmen besonnt?
Als Herzensbeichte
der keuschen Verlegenheit?
Als Wetterleuchten
am fernen Horizont?
Als heller Widerhall
der sonnigen Tage
in himmlischen Weiten?
Als leiser Blätterfall
vergangener Zeiten?..

        * * *
Es haben die beiden
so selten, zu selten
zusammengesessen
im gründen Tale
der Frühlingsgefühle,
der Wonne und Freude –
und schüchtern geschwiegen,
von Hoffnung beflügelt.

        * * *
Oder irrten sie sich?
War es vielleicht
nur ein Traumgesicht?
Überhaupt kein Zusammen?
Nur ein Nebeneinander?
In verschiedenen Welten,
die fern voneinander,
so unendlich fern,
wo jeder auf seinem Wege,
mit seinen Träumen
im stillen gewartet
auf seinen Stern…
Doch glücklich waren
die beiden bestimmt…

        * * *
Dann erhörte der Himmel
tausende klagende Stimmen:
Denn es hatte auf einmal –
betört und erzürnt
und auf Rache gesinnt –
der Satan das Feuer
in der Hölle geschürt.
Und es tobte die große,
alles vernichtende,
schreckliche Katastrophe,
von bösen Geistern
listig erdacht-inspiriert
und gefühllos vollführt.
Und in wenigen Stunden
waren die heimischen Zelte
in den sinnvollen Welten
der liebenden Seelen
für immer zertrümmert…

        * * *
So wandern und wandern,
getrennt voneinander,
die Krüppel der Kriege,
in die Enge getrieben,
mit brennenden Wunden
durch das harte Jahrhundert,
durch die Trümmer der Träume
der fernen Jugendzeit,
auf dornigen Wegen
ihrem Ende entgegen
und stolpern und taumeln
in düsteren Räumen
da über die Steine
der Hoffnungslosigkeit…

        * * *
Doch manchmal erstrahlen –
wie im Traum – gegen Abend,
vor Sonnenuntergang
im herbstlichen Garten
der bangen Erwartung
die goldgelben Dahlien –
als leiser Harfenklang
der schmerzlichen Trennung,
als Echo der Liebe
gescheiterter Paare…

        * * *
Die harmonischen Klänge
und leuchtenden Farben
sind erhaltengeblieben
in den Gründen der Seele
als Symbole des Lebens –
trotz Kummer und Leid,
trotz seelischer Qualen,
trotz bitterer Tränen
der drückenden Einsamkeit.
Und für die Gekränkten,
und für die Bedrängten
und für die Getrennten
erklingt das Finale
ersehnt und versöhnend.

28. August 1990

Dornengestrüpp

Im finsteren Dickicht
der Widersprüche
des hektischen Lebens
verirrt sich (verhallend,
entkräftet, erschöpft)
dein lahmer Protest.

Die Spitzen und Stacheln
und Dornen zerkratzen
dein blasses Gesicht:
Die schleichenden Gifte
der Lügen und Listen
verschonen dich nicht.

Und hinter den Sträuchern
versteckt sich der Teufel
in Menschengestalt,
um deine Erwartung
im Nu zu zerpeitschen –
mit roher Gewalt…

Und dennoch versuche,
beklommenes Herz,-
wenn auch niedergedrückt,
wenn auch trenenerstickt –
einen Ausweg zu finden
aus dem Dornengestrüpp.

                              11.09.1990

Sumpf

Woher kommt der Neid?
Woher kommt der Haß?
Woher kommt der Streit?
Woher kommt
           die Unmenschlichkeit?

Woher kommt die Zwietracht?
Woher kommt der Krieg?
Woher kommt die Willkür?
Woher kommt – das Genozid?

Woher kommt ein Hitler?
Woher kommt ein Stalin?
Die immer bereit sind,
die halbe Welt zu vernichten…

Aber tragen allein
diese „Führer“ die Schuld
am Zwang und am Krieg,
an allen Verbrechen
und Weltkatastrophen,
die es gab
       und auch heute noch gibt?

Die Despoten umringt
ja beständig ein Heer
von Satrapen und Schergen,
die toll darauf sind,
die menschliche Würde
und den menschlichen Geist
und die Menschlichkeit
noch im Keim zu ersticken.

Ihnen folgt eine Schar
von Heuchlern und Schmeichlern,
von Betrügern und Lügnern,
von Duckmäusern-Denunzianten,
die kriechen und strampeln –
wie ihr Herr es verlangt:
Sie ziehen am gleichen Strang:
Die Obrigkeit rühmen und loben!
Und je mehr sie
           allstündlich gelogen,
desto schneller dann
            geht es nach oben…

Parasiten,
       Schmarotzer und Kasten…
Das sind
       die abscheulichen Laster.
Das ist der moralische Sumpf,
der trockengelegt werden muß…
Und würde sie siegen
             die klare Vernunft,
so machten wir sicherlich Schluß
mit Haß und mit Neid
                  und mit Streit
und mit – der Ungerechtigkeit…

24. September 1990

Allabendlich

Die vielen Briefe,
die in Gedanken
mein stilles Leid
so oft geschrieben
in langen Nächten
tiefer Einsamkeit,
sind unbeantwortet
bis heut geblieben,
woraus ich schließe:
Du fandest keine Zeit.

So möchte ich
dein Schweigen deuten.
Und kein Problem
ist zu erläutern.
Und keine Schuld
ist zu beweisen…
Doch mich beschleichen
manchmal bange Zweifel.
Und mein bedrängtes Herz
ist voller Ungeduld…

Ich hätte dich
vielleicht beleidigt.
Mit einer Zeile.
Mit einem Satz.
Mit einem Wort…
So hat mein Liebesgott
dein langes Schweigen
immerfort verteidigt
in meinen Träumen –
meinem Zufluchtsort.

Und wieviel Bilder
vergangener Zeiten,
die mich berauschen
und mich begeistern!..
Und mir erscheint –
o Zuversicht! –
aus blauen Weiten
vertraut wie einst
dein jugendliches
teures Angesicht…

Drum bete ich
allabendlich
und warte sehnsuchtsvoll
im Traum auf dich.

                        1. September 1990

Weinende Tannen

Dünkel und Herzlosigkeit…
Sie bedrohen die Träume der Bäume,
Schatten zu spenden im Sommer
und waldgrüne Lieder zu dichten
für die Bedrängten ein Trost,
wenn ihre Qualen zu groß…

Weinende Tannen mit rostigen Nadeln
im lastenden Nebel
ringen die Hände und bitten
um Hilfe, die dringend sie brauchen:
Menschen, erfüllt eure Pflicht!
Wittert das Unheil ihr nicht?!.

Oh, ihre Zweige ersticken
im giftigen Dunst leerer Phrasen,
denen egal ist das Schicksal
der Felder und Wiesen und Wälder:
Taub ist die Gleichgültigkeit,
zuckt mit den Achseln und schweigt…

Werden die Tannen erhört
im Getöse der schäumenden Wogen,
die an die Ufer des Meeres
der herben Enttäuschungen schlagen?
Ob einen Ausweg es gibt?
Ob die Vernunft endlich siegt?

31. Juli 1990

Parias

Das Recht der Rußlanddeutschen
ist schon fünfzig Jahre lang
erbarmungslos gekreuzigt…
O Golgatha! O Parias!..

Und unser Leidensweg
begann mit Josef Stalins
Ausrottungsprogramm
der unschuldigen Völker
O Parias! O Golgatha!..

Auch in der Breshnew-Zeit
hing sterbend noch am Kreuz
das Recht der Rußlanddeutschen.
Und in der Zeit der Perestroika
ist’s nicht vom Kreuz genommen.
O Golgatha! O Parias!

Verkümmert und verkommen,
wird unser Volk umgangen,
als ob es uns nicht gäbe.
Wir können nichts verlangen:
Verrostet sind die Nägel…
So hängt das Recht am Kreuz
und muß es bleiben offenbar.
O Parias! O Golgatha!..

Die Macht-Elite schweigt.
Und kein Verständnis,
kein Entgegenkommen:
So wären heute die Realien…
O Golgatha! O Parias!

29. September 1990

Gefährden

In den Schichten der Geschichte
gibt es Zeichen, die berichten,
     was erlebt in fernen Zeiten
die Bewohner aller Breiten
      auf der wundervollen Erde,
die, von Menschenhand gefährdet,
leicht sich
         in ein Grab verwandelt,
wenn wir heillos sie mißhandeln.

Dunst und Rauch und Ruß erfüllen
oft die Luft. Und sie verhüllen
   dann allmählich alle Sphären,
wenn wir nicht den Ruf erhören,
        wenn auf unseren Planeten
prasseln die Atomraketen…

Wenn wir jene Satanswaffen,
die der böse Geist geschaffen,
nicht zersägen und vernichten,
   bleibt von unserer Geschichte
weiter nichts
        als Schutt und Trümmer –
eine Erde ohne Himmel,
    ohne Sonnenschein und Regen,
ohne Luft und … ohne Leben.

9. Oktober 1990 

Entmenschung

Er war kein Dichter.
Er war ein bewährter Funktionär.
Aber schwungvolle Dithyramben
        hat er oftmals gedichtet
und in flammenden Reden
         die „Feinde des Volkes“
gegeißelt und angeprangert
      und jenes System besungen,
dass Millionen Menschen
            grausam verfolgt hat
und bestialisch vernichtet.
Wozu auch die Sklaven schonen?!.

Doch er ist – o Machtgelüste! –
   in die Annalen der Geschichte
weder als Funktionär
                noch als Dichter
eingegangen: Er wurde selbst
       von der entmenschten Zeit
als Schlachtschaf gezeichnet
      und tierisch hingerichtet.
Das war die verdiente Belohnung.

Drum ist auch heute zu vernehmen
   so mancher störender Mißklang
im Choral der klagenden Stimmen
             der Millionen Opfer
der blutbedeckten Stalinisten…
Und der Gerechtigkeitssinn,
der so viel unter ihnen gelitten
       in unserem kranken Lande,
wartet auf ihre endgültige,
      unumstößliche Entthronung.

16. Oktober 1990

Trotz alledem

Schnee?
     Er soll nirgendswo fehlen.
Schnee –
     für die Felder und Wiesen.
Schnee –
    in den Gründen der Seele…
Möge er rieseln und rieseln!
Soll die Natur denn verarmen
dort, wo der Winterfrost wütet?
Dort, wo es fehlt an Erbarmen,
     mag er die Fluren behüten.

Und in den Klüften der Seele
wird er die Schmerzen betäuben:
Soll sich die Seele zerquälen?
   Soll unter Kälte sie leiden?
Schau auf den dünnen Kalender:
Günstige, schneereiche Zeichen!
Neuschnee im kalten Dezember
wärmt dir dein Herz
           trotz der Zweifel…

Und es umarmt dich die Gnade,
     dir ihre Liebe enthüllend,
um deine Sorgen zu bannen,
um dich versöhnlich zu stimmen,
um deine Sehnsucht zu stillen:
Sollst dich
         trotz Stürme ermannen,
sollst in den schneeigen Tagen
trotz des Verdachts
                 nicht verzagen
und deine Fassung trotz Qualen
    dankerfüllt wiedergewinnen.

14. November 1990