Solang ich nur kann

Ich geh in den Garten
und nehme den Spaten
und grabe die Erde
zum Winterschlaf um…
Worauf ich noch warte,
und wer mir´s geraten,
und was daraus werde?..
Ich schweige wie stumm.

Was soll ich ihm sagen?
Da grabe ich lieber.
Die Zeit wird’s beweisen
dem zweifelnden Mann.
Doch all meine Tage,
die mir noch geblieben,
die Arbeit ich preise,
solang ich nur kann.

1983

Ihr Daseinsrecht

Frenetischer Tumult…
Die wilde Fieberhast –
sie will kein Ende nehmen:
Die innere Ungeduld –
sie läßt sich nicht bezähmen.
Und wenn da die Gedanken –
verkrampft und lendenlahm –
sich kaum noch weiterschleppen
und unter ihrer Last
zur Tür der Ruhe wanken
und dort zusammenbrechen
vor lauter Müdigkeit,
dann ist’s wohl unratsam,
zu stampfen und zu trampeln,
zu wüten und zu wettern,
die armen Sünder hätten
mal wieder ihre Zeit,
die teure Zeit vertan…

Drum will ich Nachsicht üben,
wenn sie – entnervt und müde,
entkräftet und erschöpft –
in einem stillen Winkel
der Hoffnung niedersinken,
sich stumm zusammenkauern
auf eine kurze Dauer
und wieder frischen Mut
und wieder neue Kraft
im Born des Glaubens schöpfen,
um dann ihr Daseinsrecht
mit Eifer und mit Glut,
mit echter Leidenschaft
aufs neue zu verfechten.

10. Januar 1988

*** (Wie es im Leben so geht:)

Wie es im Leben so geht:
Ich habe ein Veilchen,
ein munteres, blaues,
frühmorgens am Pfade
im Stadtpark ein Weilchen
bestaunt und bewundert…
O hätt´ ich vor Jahren –
mit gleichem Vertrauen! –
dieselben Gefühle
im Herzen empfunden!..
Heute ist´s leider zu spät,
seinen Scharm zu berühren.

        Barnaul, den 21. Juni 1988

Der Knoten

Die Weinberge weinen:
Hier wurden gerodet –
die Weinstöcke stur.
Jetzt gibt es nur Steine:
Sie symbolisieren
die tote Natur…
Es wurde verboten
der Weinbrandverschnitt.
Man könnte die Trauben
auch lesen zum Essen –
das wurde vergessen…
Das ist die Verwicklung,
der gordische Knoten,
verzwickt und verstrickt:
Der Unüberlegtheit
beschleunigter Schritt.

10. Juli 1988

Im Winter

Ihr kennt ja den strengen Dezember:
Er ist ein erfahrener Mann,
steht wachsam und brav an der Grenze
des Jahres, solang er nur kann.
Und wenn auch die Schneestürme wüten,
bedeutet das keine Gefahr:
Vor verheerender Dürre behütet
er sorgsam das kommende Jahr.

Der Januar macht es noch besser:
Er schüttelt den Schnee unablässig
aus jedwedem Wölkchen heraus
und baut seine Märchenschlösser
geschäftigt und selbstvergessen
im Windschatten tagelang auf.
Er lächelt und schnalzt mit der Zunge,
wenn die Kinder vor Freude sich tummeln
im lockeren, flaumigen Schnee.
Es macht sie der gütige Winter
noch rotbäckiger und gesünder…
So weht, liebe Schneeflöckchen, weht!
Der Februar meint es schon wärmer.
Und bald sagt der Winter ade.
Die Spatzen beginnen zu lärmen
und plustern sich lustig im Schnee…
Und siehe, es summen ganz leise –
wo alles noch knietief verschneit…
die Felder und Wälder schon Weisen
vom Frühling, der gar nicht mehr weit.

1991

Elf Monate später

Es blubbert und plappert
der laute April
und weiß nicht, was heute
und morgen er will,
und guckt in den Mai
mit Vergnügen hinüber:
‚Noch sind ein paar Tage
am Schnürchen geblieben!‘
Er nuschelt. Er zappelt.
Er tschilpt wie ein Spatz
und klatscht in die Hände,
und lächelt und schmatzt:
„Ich tobe mich aus,
meine lieben Gebrüder.
Elf Monate später –
regiere ich wieder!“

1991

Jung und gesund

September, Oktober, November –
drei Brüder im Abreißkalender
der eilenden, fliehenden Zeit;
drei Brüder, die brüderlich handeln
und schlicht
         durch die Jahreszeit wandeln,
die Herbst im Kalenderjahr heißt.
Es freut sich der milde September,
der oft noch im leinenen Hemde
die Gärten und Felder durchstreift:
Wie schnell ist die Ernte zu Ende,
wo fleißige Hände behende
wetteifern… sogar mit der Zeit.
Wir eilen nun wieder zur Schule
und schenken den Lehrern die Blumen,
die gern wir im Sommer gepflegt,
die Lieder, die stolz wir gesungen,
den Frohsinn, in Arbeit errungen,
die Träume, die tief uns bewegt.
Dann kommt auch der bunte Oktober,
färbt alles mit Gold und Zinnober
und wünscht uns im Lernen viel Glück.
Und, altweibersommerumwoben
wir unsere Kräfte erproben:
Nur vorwärts! Wer bleibt da zurück?
Nun grüßt uns verschmitzt der November,
der nie seine Tage verschwendet,
beschenkt uns mit flaumigem Weiß.
Wir wärmen am Frost uns die Hände:
Es zieht uns hinaus aufs Gelände –
Auf Schiern! -, wo alles verschneit…
Erfolg ist nicht leicht zu erzielen:
Das Üben wird auch manchmal müde.
Doch sind wir ja jung und gesund!
Drum klingen erneut jene Lieder
von Sonne und Freundschaft und Frieden:
Zum Schwarzsehen gibt’s keinen Grund!

1991

Das Schwalbenlied

„Von welcher Farbe
sind die Schwalben?
Sind schwarz sie? Stahlblau? Oder grau?“
fragt Onkel Lutz den kleinen Hans.
Der denkt erst nach mal vorsichtshalber,
erwähnt sogar den Gabelschwanz
und sagt dann schlau:
„Na, schwalbenblau!“

Nun fragt klein Hänschen Onkel Lutz:
„Und, sage mir, wie ist ihr Schnabel?
Recht lang? Gebogen?
Oder kurz?“
Da kratzt sich Onkel Ludwig aber
(Er weiß es nicht? Er zweifelt? Stutzt?):
„Wahrschein…
wahrscheinlich nicht gegabelt!“

Sie lachen beide und umarmen
                einander froh: „Du hast gewonnen!
Hast nicht verloren, nicht verspielt!“
Und die grazilen dunklen Schwalben,
fast rötlich
in der Abendsonne,-
sie zwitschern fröhlich
auf den Drähten
ihr Schwalbenlied
vom schönen Sommer …

1991

Er faßt den Aal beim Schwanze

Der Hans ist ja eifrig und fleißig,
nur eines ihn immerfort stört:
„Das kann ich, das kenn ich,
das weiß ich!“ –
doch macht er es ständig verkehrt.

Er legt sich am Morgen
gern schlafen,
steht munter am Abend dann auf,
nimmt eilig den Rechen und Spaten
und scheuert die Dielen im Haus.

Im Winter – da sammelt er Pilze,
im Sommer – da läuft er schön Schi.
Die Obstsuppe liebt er zu filtern
und ißt mit der Gabel die Brüh.

Wenn`s kalt ist,
dann trägt er Sandalen,
wenn`s heiß ist,
sind Stiefel ihm lieb.
Als Köder verwendet er … Aale,
bringt Wasser nach Hause im Sieb.

Er lobt seinen neuen Computer,
womit er Diktate gern schreibt.
In Mathe kommt Hans mit dem Duden.
womit er die Brüche nun teilt …

Man könnte noch manches beschreiben,
was Hänschen beginnt und vollbringt.
Doch Hans muß ja selber entscheiden,
damit alles stimmt … und gelingt.

1991

Der Sonnenstrahl

Glitzert, glänzt und schillert,
wo er weiß und kann,
singt und klingt und trillert
und – verschluckt sich dann.

Treibt mit ernster Miene
seinen Schabernack,
schmettert seine Lieder
im Viervierteltakt.

Guckt herein ins Zimmer,
lächelt froh dir zu,
gleich darauf verschwindet
er in einem Nu…

Ärgert’s dich ein bißchen,
daß er oft zu keck,
pack ihn beim Schlafittchen,
laß ihn nicht mehr weg.

1991