Birken

Weißes Schweigen weit und breit.
Schneeverwehte Winterzeit.
Kalte Stille. Schnee und Eis.
Kahle Birken, schleierweiß.

Zweifel? Innrer Widerstreit?
Kummer, Schmerz und Einsamkeit?
Sehnsucht und Versunkenheit?
Träume, Wehmut? Herzeleid?

Mut trotz rauher Wirklichkeit!
Freude, wenn auch tief verschneit!
Glaube an Gerechtigkeit!
Zuversicht in schwerer Zeit!..

Kahle Birken, blendendweiß…
Oh, ihr Lebensdrang ist heiß!
Dann, im grünen Frühlingskleid,
stolze Hoffnung sie erfreut!

29.12.1985

Ewig jung

Der Zahn der Zeit zerreibt
zu Pulver manchen Stein,
und mancher Berg verschwindet
von der Bodenoberfläche,
und aus den großen Tiefen,
das dicke Panzer sprengend,
erheben – jung und stolz –
sich neue Bergesketten.
Ein ewiger Prozeß,
er fällt nie aus:
Entwicklung und Erneuerung…
Gelingt es, unser Haus –
die Erde – zu erhalten,
so bleibt die Menschheit
              ewig jung.

1984

Grolle nicht!

Blickst mit Sehnsucht in die Ferne.
Ob die Nähe dich beklemmt?
Schmachtest. Willst ihn kennenlernen…
Kommt er nicht dort angesprengt?..

Auch im Märzen gibt es Schmerzen,
denn die Welt ist kunterbunt.
Möchtest küssen ihn und herzen
gern aus tiefstem Herzensgrund.

Kannst ihn aber nirgends finden…
Ob dein Auge ihn erkennt?
Wenn er nebenan auch stünde,
schiene er vielleicht dir fremd…

Zürn und grolle nicht, Prinzessin!
Deine Wehmut geht vorbei.
Hoff und harre. Unterdessen
zieht auch ein der frohe Mai.

Duftberauscht und fliederfarben,
schürt er deine Liebesglut:
Und dein Prinz wird dich umarmen,
der dich lange schon gesucht!

1984

Größenwahn

Nicht selten meint so mancher Stümper,
er hätte wunder was vollbracht,
und zuckt dabei mit keiner Wimper,
wenn Ausschuß auf den Tisch er kracht.

Mitunter denkt ein Junggelehrter,
daß ohne ihn die Welt verfällt,
er sei der Wissenschaften Vater,
er sei der Nabel dieser Welt.

Ein langbemähnter Schürzenjäger,
auf neue Opfer stets erpicht,
sich wähnt so gern als Fackelträger,
recht stolz auf seine „Mannespflicht“.

Es sieht sich manche eitle Dame,
berauscht von lauter Größenwahn,
verewigt schon im goldnen Rahmen,
als Schönheitsgöttin kundgetan.

Und wenn Familienväter suchen,
allein nur Herr im Haus zu sein,
dann können Fehlarbeit wir buchen
und Eigendünkel obendrein.

„Woher nur stammen“, hört man fragen,
„der Dünkel und der Größenwahn?“
Ob wir nicht selber den begnaden,
der hier den ersten Schritt getan?

Die beste Heilung dieser Kranken
ist Prophylaxe jederzeit.
Mit Wort und Tat. Und ohn´ zu wanken.
Mit Vorbild. Mit Bescheidenheit.

                          Karaganda, den 13. Mai 1981

Der Kaktus blüht

Der Kaktus blüht,
Viktoria!
Also ist das Schöne
und das Gute
auf der Welt noch da!
Für alle Kinder.
Für alle Menschen.
Hier auf Erden.
Wenn sie zur Eintracht
finden werden.

Dein Kaktus blüht
nur 24 Stunden.
Das ist nicht lang.
Doch umgedeutet
in Sekunden,
in denen sich
seit eh und je
der Mensch erfreut
an der Natur
und ihrem Wunder,
ist´s vielmals mehr
als ein Jahrhundert,
als ein Jahrtausend,
als Millionen Jahre…

Es sollen die Kakteen
und alle Blumen
für alle Kinder
ewig blühn und strahlen!

1984

Mimose und Wind

„Noli me tangere!
Rühr mich nicht an!..“

„Gibt es noch Bangere?“
weht er sie an.
„Wenn’s dein Verlangen ist,
gern ich dir schwör.
Das, was vergangen ist,
stört uns nicht mehr…“

„Worte… Ergründe sie!..
Oft sind sie leer.
Gern ich verstünde sie,
fällt’s mir auch schwer.
schön klingt
      das Nimm-die-Welt-
so-wie-sie-ist.
Aber ein Spring-ins-Feld
vieles vergißt.“

                             1984

Kehr in die Wirklichkeit zurück!

Ob die graue Einsamkeit
wohl eine Wüste ist,
wohin deiner Bürde
du geraten bist,
weil du auf Sand begaut?

Oder ist es die Oase
in der öden Wüste –
ein Stückchen Welt,
dem dein enttäuschtes Herz
trotz alledem vertraut -,
wohin du flüchtest,
um den Feuerbrand
der Schwermut auszulöschen,
deinen Schmerz zu stillen
und im kühlen Schatten
hoffnungsgrüner Bäume
noch einen Traum zu träumen,
der dich fortan befreit
von der Beklommenheit?..

Wenn einsam du dich fühlst,
verlassen und allein,
wenn du, bekümmert, frierst
bei warmem Sonnenschein,
dann lohnt es sich,
mein lieber Freund,
sich aufzurütteln
aus den Träumereien,
die Wahnideen
endlich abzuschütteln
und die Zusammenhänge
des Alleinseins zu ergründen
und den Weg zu finden
in die bunte Wirklichkeit.

1984

Die Mutter

Du standst an meiner Wiege
besorgt tagaus, tagein.
Und deine warme Liebe
war heller Sonnenschein.
Du standst an meiner Wiege
mit Tränen im Gesicht.
Die Kraft – sie kann versiegen,
die Mutterliebe nicht.
Ward krank wer von den „Kleenen“,
hast du es überwacht,
mit deinen heißen Tränen
gesalbt, gesundgemacht.
Und jeden neuen Tag
ertrugst du all die Sorgen
beherzt und unverzagt.
Und kamen trübe Wolken,
läßt du uns nie allein.
Und kamen dann Erfolge,
warst stolz du ungemein.
Wir wuchsen auf allmählich
und dachten, groß zu sein.
Das Mutterherz war selig:
Wir blieben ewig „klein“…

1981

Das neue Buch

Der Chef ist aufgebracht und donnert:
„Wie träg dein Geist ist! Unerhört!
Du wärmst dich nur in meiner Sonne!
Worin besteht des Buches Wert?!
Gerede bloß! Fisimatenten!..“

Der Assistent sitzt… in der Wanne
und könnt´ ein Archimedes sein.
Den Geist versucht er anzuspannen,
doch fällt ihm absolut nichts ein,
was er zur Not entdecken könnte…

Wie groß ist doch die Nächstenliebe,
die wahrlich keine Grenzen hat:
Das Buch hat er allein geschrieben.
Zwei Namen trägt das Titelblatt –
des Chefs und seines Assistenten.

1984

Der Rabenvater

Warum ist sein Gesicht zerknittert,
die bleiche Stirn so tief zerfurcht,
sein ganzes Äußeres verwittert-
wie von den Winden, durch und durch.
Noch trüber als das trübste Wetter
ist aber seine Innenwelt:
Der Sturm reißt ab die letzten Blätter
des frühen Herbstes – welk und gelb.
Verzweifelte Gedanken quälen
sein viel zu früh ergrautes Haupt:
Es liegt ihm schwer auf seiner Seele,
daß er sich selber einst beraubt,
als Frau und Kinder er verlassen,
um sorglos durch die Welt zu gehn,
um Wunderblumen zu erhaschen
und Freude im Vorübergehn.
Jetzt fühlt er rings sich überflüssig,
vergessen und – wie nie – allein.
Des Wanderlebens überdrüssig,
begäbe er sich gern nun heim:
Ob denn die Seinigen verstünden,
daß nunmehr alles er bereut?
Ob sie vergäßen – Frau und Kinder –
das ihnen zugefügte Leid?..
Vielleicht…
Vielleicht auch all die Tränen,
die deine Frau so oft geweint?
Und auch die Träume deiner Söhne,
die von dem Vater sie geträumt?
Den großen Kummer deiner Tochter,
der heute noch ihr Herz bedrückt?
Die Sträuße, die sie dir geflochten
als Kind, solange sie noch hoffte,
ihr Vater käme bald zurück?..

1984