Farben der Kindheit

Die lebhaften, leuchtenden Farben
der Kindheit verlassen uns nie.
Wie oft sie im Traum uns umarmen,
von kindlicher Freude durchglüht!..

Die Kindheit ist heut mir erschienen!
Im löwenzahngelben Gewand.
Mit kornblumenfarbenen Liedern.
Und barfuß. Und sonnenverbrannt.

Pastellblaue Wolken am Himmel.
Und Weiten vergißmeinnichtblau.
Wir reiten auf Steckenpferdschimmeln
ins Märchenland fröhlich hinaus.

Die Kindheit ist wild wie der Frühling.
Sie rankt, und sie prangt, und sie lacht.
Wie farbenfroh sind die Gefühle,
die heute sie wieder entfacht!

Aus Träumen geflochtene Kränze –
violblau, karminrot und weiß.
Wir hüten wie damals die Gänse
am binsengrün glitzernden Teich.

Wir streifen durch sattgrüne Täler.
Der Mittag glüht teerosengelb.
Mit wogenden goldenen Ähren
empfängt uns das reifende Feld…

Die Farben der Kindheit bezwingen
im Alter das düstere Grau.
Sie leuchten und strahlen und klingen
so hell wie das himmlische Blau.

                                   1985

Der Eilpostbrief

Kommt da unverhofft
ein Eilpostbrief
       aus ferner Ferne.
Aus dem Reich
       der blauen Träume
und der blauen Sterne
       und der Zuversicht.
Nicht an mich
       und nicht an dich
ist er gerichtet.
Er wendet sich…
an meine und an deine
zukünftigen Kinder…
Wenn wir, o Lieb,
        ein Mittel finden,
das uns zusammenführt.

                                   1988

Die Brücke

Wir wissen es nicht,
was die Zukunft verspricht.
Und dennoch! So schaut –
hier links, nebenan,
wird eine Brücke
der Hoffnung gebaut,
eine Fähre der Zuversicht:
eine Kinderkrippe!
Sie soll (Ob sie’s wird?)
das zweite Jahrtausend
mit dem nahenden dritten
verläßlich verbinden.
Damit noch Kindeskinder
ihr Tageszuhause
in Ruhe dort finden…

Es wird also noch –
so sehnlich wie immer! –
geträumt und gehofft,
dass dann, ja auch dann,
im dritten Jahrtausend-
der friedliche Himmel
wie heute noch blaut.

1987

Blut

Blut. Und Blut. Und Blut.
Es strömt
       im Persischen Golf.
Verwüstung. Zerstörung…
    Wilde Vernichtungswut?
Und wessen Eroberungsgier
führte zur Katastrophe?..

Doch fließt auch Blut
         in unserem Lande.
Bald dort, bald hier.
     Empörung. Verheerung.
Und Armut und Not…
    Ein gordischer Knoten?

Landestruppensoldaten –
    wie finstere Schemen –
auf Plätzen und Straßen.
Gegen schutzlose Menschen:
Befehl ist Befehl…
Und die Seelen der Toten
     weinen und stöhnen…

Wieder Diktat? Und Ketten?
Ob wirklich Panzer
               nötig sind,
um das Prestige
    der Macht zu retten?..
Die rohe Gewalt
       ist taub und blind.
Sie erwürgte noch immer,
            zu jeder Zeit,
die wahre Menschlichkeit.

20.01.1991

Sie betet im Stillen

Der Mutter gefallen am
                  besten
die eigenen Kinder.
Sie hegt sie und pflegt sie,
und liebt sie und trägt sie
im Herzen, solange sie lebt.
Sie läßt sich so manches
                  gefallen
von ihnen im Alltag,
bemüht sich und fügt sich,
und wuchtet und schuftet,
von Liebe und Unruh bewegt..
Ob Freude die Mutter
                  empfindet,
wenn glücklich die Kinder?
Es duftet der Flieder
und singt seine Lieder,
solange die Maisonne scheint!
Enttäuschen die Kinder die
                  Mutter,
verschluckt sie die Tränen
und betet im stillen,
damit sich erfüllen
die Träume, die einst sie
                  geträumt.                              

22. Mai 1990

Die Bescheinigung

Ja, Staubsauger gibt es.
                        Und Müllschlucker auch.
Warum aber liegt denn oft
                        so dick der Staub
der Gleichgültigkeit
                    und der Hartherzigkeit,
der Abgebrühtheit
                    und der Unverschämtheit
auf der niedrigen Seele
                        der Spießer und Streber?..

Ein Mütterchen läuft
                    von Pontium bis zu Pilatus,
um dort zu beweisen,
                    daß die Warmwasserheizung
kaputt ist im Haus.
Doch alles vergebens:
Der ritterlich nette
                    Kujon-Bürokratus
verlangt da noch eine
                    Be-be-bescheinigung –
versteht-sich-verständlich:
                           mit Siegel und Stempel -,
daß das Mütterchen wirklich
                           auch immer noch lebe…

Die Staubsauger saugen,
die Müllschlucker schlucken…
Und man möcht‘ es
                    nicht glauben,
doch haben bis heute
                    die Buchstabenreiter
die alteingeführten
                    verkrusteten Mucken.

                               31. Oktober 1988

Beruf und Berufung

Neue Gedichte…
Ob wirklich sie neu?
Ist es nicht bloß
ein Gebräu aus
Geschwafel und
sinnarmen Phrasen?..

Taten und Untaten
gibt es ja immer genug.
Sie zu besingen
und kraß zu beleuchten
oder, wo´ not tut,
auch plastisch und schroff
mit Verachtung zu strafen
ist deine heilige Pflicht,
ist Beruf und Berufung,
o Sänger und Dichter!..

Oh, ich bestaune
die Frau, die allein
ihre Kinder ernährt
und zu Menschen erzieht:
Wieviel Mut und Geduld
bringt alltäglich sie auf,
daß ein winziges Bäumchen
im Sturmwind des Lebens
erstarkt und erblüht!..

Oh, ich verachte
die Mütter und Väter,
die roh und brutal
ihre Kinder verstoßen!
Stellt man sich vor,
wieviel Waisen es gibt,
die da Eltern und nahe
Verwandten noch haben,
verliert man die Sprache!

Oh, wieviel Greise
und Mütterchen müssen –
vereinsamt, allein und
sich selbst uberlassen –
im Altenheim ihre
gebliebene Strecke
bewaltigen ohne
ein Fünkchen Erwartung,
obwohl ihre Sprößlinge
sorglos in Wohlstand
und Überfluß leben!..

Liebe, o Liebe!
O Freude und Leid!
O du Menschengeschlecht!
So sagt mir, o sagt mir,
wo bleiben so oft
denn Erbarmen und Mitleid
und menschliches Rühren?02.07.1988

Ännchen und Wennchen

Es renomiert der Winter.
Mit Schnee und Eis und Frost.
Die Silberflocken blinken.
Es weht ein Ostnordost…

Der Schnee ist weiß und locker.
Es schneit und schneit und schneit.
Der Winter webt aus Flocken
ein weiches, warmes Kleid.

Das Kleid umhüllt mein Ännchen,
das auf die Straße eilt.
Dort wartet schon das Wennchen,
das gern die Freude teilt.

Umschlungen, gleiten beide
dort übers glatte Eis.
Und auch die helle Freude
ist mit in ihrem Kreis.

Es glühen ihre Wangen.
Die Lippen lachen breit.
Die blauen Augen flammen:
O schöne Winterzeit!..

Auf einmal wird es kälter.
Das Wennchen schüttelt sich:
„Der Frost beginnt zu schelten!
Hörst, Ännchen, du es nicht?“

Dann räuspert sich das Wennchen.
Mit finsterem Gesicht:
„Ich friere an den Händen.
Fühlst, Ännchen, du es nicht?“

Und Ännchen hüllt das Wennchen
in sein Gewandt aus Schnee,
um Wärme ihm zu spenden –
wie eine gütige Fee.

Es wärmt sich an der Güte
das Wennchen wonniglich…
Wie schön, wenn wir behüten
vor Frost die Dankespflicht…

Wenn Ännchen dann als Anna
das Wennchen nicht vergißt,
so zieht der Frost von dannen,
auch wenn es Winter ist.

                        05.01.1991

Weine nicht

Weine nicht, o Liebste, weine nicht,
wenn der letzte Schluck auch schon getrunken.
Wisch die Tränen dir vom Angesicht,
wenn erloschen auch die letzten Funken.

Ach, wie schlank erschienst du mir und blond.
Weizenblond dein junges Haar sich wellte.
Frühlingsbunt erblühend und besonnt,
Wald und Wiese sich zu uns gesellten.

Herrlich ist der Frühlings Pfänderspiel.
Was sich liebt, bemüht sich zu verbinden.
Göttlich ist das menschliche Gefühl,
wenn zwei Herzen zueinanderfinden.

Als ich deine Hand in meine nahm,
glomm in deinen Augen Sonnenbläue.
Später, als die erste Prüfung kam,
wusste ich: Es war der Schwur der Treue.

Wir verstanden, Liebste, damals kaum,
dass es trübe Stunden gibt im Leben.
Jener ferne frohe Frühlingstraum
hat uns immer wieder Mut gegeben.

Alles ist vergänglich in der Welt.
Und der Frühling kann nicht ewig währen.
Über uns die Zeit ihr Urteil fällt.
Sollen wir uns denn vor Gram verzehren.

Wisch die Tränen dir vom Angesicht.
Von der einst so inig-heißen Liebe
ist uns die Erinnerung geblieben.
Weine nicht, o Liebste, weine nicht.

Allein

Wenn rings die Welt sich freut an ihrem Frühling,
so ziehe nicht den Schluss, dass alles schön.
Es gibt auch unbehagliche Gefühle –
O frag die Frauen, die alleine stehn.

Vereinsamt fließt ein Fluß da in der Wüste,
und seine Ufer schimmern spärlich grün.
Es scheint, als ob er opferwillig büßte,
dass ferner Flüsse Ufer üppig blühn.

O, wie viel bittere Gefühle quälen
die schuldlos Schuldigen in ihrem Leid.
Darüber könnten Bände sie erzählen.
Doch sie bezähmen ihren Schmerz und Neid,
um tief in ihrer Seele zu verhehlen
die Sehnsucht und die Angst der Einsamkeit.