O REMINISZENZ

    Irma Ehrlich gewidmet

Deine Hand
ist so weiß
und so weich
und so warm!…

Und wenn sie
die Wange
mir streichelt,
dann meine ich
wieder und wieder,
ich wäre ein Kind,
das rückhaltslos
glaubt, es scheine
die Sonne für alle.

1989

Der Duft der Wiesen

Die Millionen Opfer
       ferner böser Jahre
mahnen uns und klopfen
    an die Tür der Seele.
Ob Mitleid jedes Herz
empfindet
    mit den Totgequälten?
Ob Mitleid es auch fühlt
mit jenen,
die da heut gestrauchelt?
Ob sein Erbarmen denkt
an jene, die da kommen
        nach uns und auch
den zarten Hauch
        der grünen Wiesen
noch genießen möchten?…

 1989

Ein Bündel warmer Morgenstrahlen

           Für meinen Vater (1885-1985)
                       in memoriam

Du klingst als Widerstreit der Winde,
als Widerhall der Ewigkeit,
geboren einst, um zu ergründen,
was Blühen-und-Verglühen heißt.

Du blinkst als Tröpfchen klares Wasser.
Verdunstet von der Sonnenglut,
willst du als Wölkchen glücklich machen
der Wanderer, der Schatten sucht.

Du gehst als Sonnenregen nieder –
ein Schlückchen für ein Hälmchen nur:
Das Gräschen badet in der Kühle
und dankt der gütigen Natur.

Du hoffst als Klümpchen Humuserde,
vom Lauf der Zeit sacht angehäuft,
daß hier dereinst ergrünen werde
die Saat des Glaubens gnadenreich.

Du glänzt als Sandkorn dort am Strande,
vom Strom des Lebens angeschwemmt.
Die Zeit hat dich in Sand verwandelt,
damit der Tod dich nie erkennt…

Als Bündel warmer Morgenstrahlen,
als Hoffnungskorn dort auf dem Feld
wird dich der Lebensdrang bewahren
im Zeitenwandel dieser Welt.

1986

Der Greis

Dort auf der grünen Halde
am Rand des Fährenwaldes
thront ein altersgrauer Stein –
ein Denkmal längst vergangner
Zeiten. Sie gruben ein
in diesen Stein verfangner
Schicksalswenden Wohl und Weh.

Ich steh und seh, wie zäh
der Felsblock überstanden
all die Zeiten, die da kamen,
weilten und verschwanden.
Wie einst sie Abschied nahmen
und – scheidend – auf des Heiden
Antlitz drückten ihr Ade.

Steinalt. Ein stummer Greis.
Kein Ruhmesglanz ihn schmückt.
Zerfurcht ist seine Stirn,
verfinstert oft sein Blick.
Doch alles, was er weiß,
kann selbst der kühne Geist
der Zeiten kaum verwirren.

Die Schrammen und die Narben,
die Furchen und die Falten
im Gesicht des grauen Alten
sind Spuren der Naturgewalten,
sind Schicksalsschläge
auf dem langen Wege,
durch Zeit und Raum
               verallgemeinert.

Sind Kampfesmut und Sorgenlast,
sind Liebesglut und Sonnenglas,
sind Leidenschaft und Rösselsprung
und sind Erinnerung.
Sind ferner Ahnen Siegesfahren
und sind, o Mensch,
auf deinen Weg Ermahnung,
im Zeitenlauf versteinert.

27.05.1983

Ohne Woher und Wohin?

Oh, die Sowjetdeutschen
wissen, was das bedeutet!
Sie wurden – als Fritzen,
Verräter und Feinde
gestempelt – Jahrzehnte
hindurch verleumdet
und diskriminiert.

Sie wurden wie Sand
im ganzen Lande zerstreut –
die zwei Millionen
schuldlosen Deutschen.
Damit sie sich auflösen
sollten – wie Salz im Wasser.
Damit sie ihr nationales
Gefühl
einbüßen sollten –
alle, für immer:
Gewaltsame Assimilation!
Ganz milde gesagt…

Und der Zwang dieser Jahre
hat das Seine getan:
Wer spricht jetzt
noch deutsch von den zwei
Millionen Deutschen?
Die Mütterchen-Väterchen,
die über sechzig schon sind.
Und die Handvoll Lehrer und
Dichter. Und Enthusiasten,
die oft man als Extremisten
und Nationalisten
lauthals gebrandmarkt…

Heut, da es tüchtige
Ansätze gibt,
die den Knebel,
der die Deutschen so lange
gewürgt und erstickt,
zu entfernen versuchen,
schnappen nach Luft wir
und fragen gedämpft:
Woher? Und: Wohin?..

Spät ist es zwar.
Viel zu spät.
Aber dennoch:
Ein Hoffnungsschimmer
des bangen, ersehnten
Woher-und-Wohins
ist, o Freunde, geblieben!

1989

Opfer der Willkür

Es grünten die Wiesen
     der Hoffnung und Freude.
Sebastian…
          war jung und verliebt.
Erst achtzehn.
Sie – siebzehn
             und völlig erblüht.
Er baute im stillen
               für sie einen Dom
der ewigen Liebe.
Amalia hieß sie, die Schöne.
Doch war es nicht jene
     Gestalt aus den „Räubern“ –
            Amalia von Edelreich.
Andere Zeiten –
                andere Bräuche.
Doch edelmütig war auch sie:
             fleißig, bescheiden
und klug und gewandt
        und der Heimat ergeben –
war ein deutsches Mädchen
aus einem deutschen Städtchen
           am großen Wolgastrom.
Und vielleicht, ja, vielleicht
                wären die beiden
auch glücklich geworden.
Doch das Land, ach, das Land
                      überfielen
       die Hitlerschen Horden…
Und es strömte das Blut
                 der Soldaten…
Aber die schmutzigen Wellen
der nackten Gewalt
       und des grausamen Zwangs,
die schon früher den Damm
der Menschlichkeit
                 niedergerissen,
überfluteten haltlos
       auch jetzt noch das Land.
Und der „Führer“ verlor
da das letzte Fünkchen Gewissen.
Und in Zorn und in Wut
                    nun geraten,
    knallte der „Vater
                     der Völker“
gekonnt und wie wild
      mit der blutigen Peitsche.
Und es schlich sich die Angst
nun allüberall
     in die menschlichen Körper,
und niemand vermochte zu helfen.
Und zwangsweise ausgesiedelt
    wurden vor allem
             die Wolgadeutschen:
Fort, fort! Nach Sibirien
           mit diesen Verrätern!
Und ohne Krawall und Gezeter!..
Doch das war erst der Anfang.
Und das dicke Ende –
wir ringen, ach ringen
         noch heute die Hände! –
es kam erst danach,
                 etwas später…
Und dann drangsalierten
            uns noch viele Jahre
die berüchtigten
              Stalinschen Lager.
Im Ural und bei Kotlas…
In Iwdel, Norilsk, Magadan…
im Norden und Süden und Osten…
Und vieltausende Opfer
   hat es die Heimat gekostet…
Auch Sebastian erlag
         dem barbarischen Zwang.
Er schläft an den Ufern der Kama
         seinen ewigen Schlaf…
Und Amalia hatte vier Jahre
         in entsetzlichen Lagern
geschuftet, gehungert, gefroren,
den Mut oft verloren
   und bittere Tränen vergossen;
und trotz aller Schikanen
     ist sie am Leben geblieben.
Und sie hat seinen Namen
         und den Dom ihrer Liebe
ins Herz tief geschlossen
und trauert Sebastian
            auch heute noch nach.

 1989

Tatjana und Peter

Der dritte September.
     Einundvierzig. In Balzer.
Sie tanzten. Im Stadtpark.
        Einen langsamen Tango.
Und dann einen Walzer.
Und noch einen langsamen,
              klagenden Tango.
Den letzten. Den letzten!..

Heiße Tränen… Sie rannen
           ihr über die Wangen.
Sie weinte und schluchzte.
Und rang dann verzweifelt
       und jammernd die Hände.
Es hämmerte mächtig.
           Im Kopfe. Bedrängt:
Das Ende. Das Ende! Das Ende!!

Sie schmiegte sich eng,
        voll Vertrauen an ihn.
Und küßte ihn ungestüm.
Und weinte und schluchzte
   und konnt‘ nicht begreifen:
Ihr Peter? Ein Ekel?
    Ein Spion? Ein Verräter?..

Und die NKWD-Leute hetzten
          im Park hin und her.
Ein Dutzend. Zwei Dutzend.
    Drei Dutzend vielleicht…

Dann knallte die Peitsche:
Fort, fort mit dem frechen,
         gemeinen Geschmeiß!..

Um ihr Leid zu verstehen:
Tatjana war sechzehn.
       Und Peter war sechzehn.
Tatjana war Russin.
    Und Peter war Deutscher…

O Unheil! O sittliches Übel!
Verunglimpfung! Schande!
         Erbärmliche Furien!..

Tatjana und Peter:
            Romeo und Julia…
Der Abschied war schwer.
Und die Folgen noch schwerer:
Sie haben einander
           nie wieder gesehen.

 1989

* * * (Im Schonrevier seiner Muttersprache)

Im Schonrevier seiner Muttersprache
wählt schonend und stets überlegend
der Dichter die nötigen Setzlinge
aus: für das Bild und den Ausdruck
des innren Gehalts
               der künftigen Verse.
Wie im Forstgarten immer es tut –
bei der Auswahl der Stecklinge –
der ins Leben verliebte Förster.

Und: Aus den Schößlingen-Wörtern
erwachsen (auf fruchtbarem Boden!)
dann die richtigen Worte –
                   Zeile um Zeile –
wie Schutzwaldstreifen.
Damit sie die grünende Saat
         und die Sommernachtsträume
der rechtschaffnen Menschen,
           ihr Tun und ihr Treiben,
ihr Wirken und Weben
vor Sturmwind und Dürre behüten.

Damit sie mit jeder Silbe –
singend und klingend und ringend –
die menschliche Seele beschirmen
vor Frostgefahr
             im blühenden Frühling;
vor satter Selbstzufriedenheit
               im fleißigen Sommer;
vor sträflicher
               Pflichtvergessenheit
im freigebigen Herbst;
vor schläfriger Gleichgültigkeit
          im schneereichen Winter –
vor der Erosion der Gefühle.

1985

Nachruf

Friedrich Bolger

                  in memoriam

Lichter und lichter
werden allmählich die Reihen.
Friedrich Bolger..
Einer der feinstbesaiteten
    sowjetdeutschen Dichter…
Er ist nun nicht mehr…
Er, der immer bemüht war,
all seine Kraft
               und sein Können
der Wahrheit zu weihen…
Verstummt ist sein Herz…
Doch sein sprühender Geist –
      o er bleibt, o er bleibt
in unserer Mitte,
        unter unserem Volke…

Tief ist der Abschiedsschmerz.
Schwer, ach wie schwer.
           Bohrend und bitter.
Und die Abschiedstränen –
                sie brennen…

Friedrich Bolger…
Er hatte so gern, ach so gern
                zurückgewollt.
An die heimische Wolga…
Zu dornig und steinig
          war leider sein Weg:
Er hat es nicht mehr erlebt…
Nun liegt er so fern,
                    ach so fern
von den Ufern
         der Wolga begraben…

Aber:
Das sowjetdeutsche Volk
        wird ihn und sein Werk
im Gedächtnis
           für immer bewahren.
Und: Des verstorbenen Dichters
           Erwartung und Wille
und letztes Vermächtnis
werden dereinst sich erfüllen.

1988

Deine Muttersprache

Pünktlichkeit und Fleiß,
                         Ausgewogenheit
sind Charakterzüge meines Volkes.
Nicht umsonst es heißt:
                  deutsche Pünktlichkeit.
Was gesagt sei nicht aus falschem Stolze.

Ob nun mitgereist,
                   hier danach gepflegt,
ist für unser Heute nicht mehr wichtig.
Ausgewählt vielleicht
                    auf dem schweren Weg.
Gute Sitten sind ja immer sittlich.

Und vor Arbeit schrickt
                       niemand da zurück:
Gute Taten sind die beste Wahrheit.
Jeder baut am Glück
                    seiner Heimat mit…
Aber nicht in allen Fragen
                  gibt es volle Klarheit.

Fragt man mich: Womit
                steht’s denn kümmerlich?
Halbvergessen ist die Muttersprache!
Weil die Sohnespflicht
                      oft vergessen wird:
Jahrelang liegt die Sprache
                         schon als Brache.

Wer die Sünder sind, du unser Sorgenkind?
Antwort ist darauf nicht leicht zu geben.
Doch der frische Wind,
                  der jetzt Anlauf nimmt,
wird auch diesen Mißstand
         mit der Zeit vielleicht beheben.

Denn es gibt kein Volk,
                 dem man Achtung zollt, –
ohne Muttersprache, Bräuche, Sitten…
Ohne Kultur
            wären wir ja nur
   Meilensteine, von der Zeit verwirrt.

1987