Mikropoem

Ich hab an der Wolga gewohnt.
Dann wurde ich zynisch verleumdet,
ich wäre – ja, ja! – ein Spion
und diene als Deutscher dem Feinde.
Drum wurde ich stur übersiedelt
ins ferne verfemte Sibirien.
Das war nun mein trauriges Los…
Es machte die Zeit mich zum Greis,
und heimatlos bin ich geblieben.
Doch wäre so gern ich daheim…
Die Hoffnung, die Hoffnung allein
ist heute mein einziger Trost.

                                 1988

Die Not eint die Völker

Die Welt ist alt. Die Welt ist jung.
Die Welt ist klug.
         Die Welt ist manchmal dumm.
Bald schreit sie laut.
            Bald schweigt sie stumm.
Bald weint sie mitleidsvoll,
       bald zischt sie voller Groll,
bald kennt sie kein Erbarmen…
Und – ach! – die Menschen
           auf dem kleinen Erdenrund
verwechseln oft die Grenzen
              zwischen Gut und Böse,
verlieren die Vernunft
und bauen stur Vernichtungswaffen,
um selbst mit ihrem Fluch
die letzten Hoffnungen
                      dahinzuraffen,
statt sich einander zu umarmen
       und wie vernunftbegabte Wesen
in Eintracht
         und in Freundschaft
                    hier zu leben…

Der Untergang Pompejis
   hat die Menschheit nicht belehrt.
Noch Tausende von Katastrophen –
und weithin nicht allein
       von der Natur hervorgerufen –
sind oft genug danach geschehen.
Doch hat der Bruderzwist
     und Völkermord nicht aufgehört.
Denn Gauner und politische Ganoven,
die jeher
     die Gerechtigkeit verfluchen, –
sie haben in so manchem Land regiert
und sich daran ergötzt
                    und triumphiert,
wenn sie das Volk
   zur Selbstvernichtung aufgehetzt,
was Millionen Opfer
                jedesmal gekostet…

Zu einem neuen, furchtbaren Pompeji
ist nach fast zwei Jahrtausenden
das kleine Land Armenien geworden.
Und seine Klagen steigen immer höher
und türmen auf sich
         wie die Häusertrümmerwehen,
worunter Tausende von Opfern
          ihren frühen Tod gefunden.
Und in den Herzen
               seines Volkes klaffen
    tiefe, unheilbare Wunden.
Und seine Schmerzen
                    breiten
    sich nun aus nach allen Seiten –
vom Süden bis zum Norden,
           vom Osten bis zum Westen.
Und unser ganzes großes Land
hat die Tragödie
        der Armenier tief empfunden:
Aus allen Ecken und aus allen Enden
des Riesenlandes eilen –
                   wie auf Flügeln –
so viele wahre Brüder
                  und die Schwestern
   der Barmherzigkeit herbei
                         und reichen
dem Brudervolk die Hand
         des Mitleids und der Hilfe,
der Herzensgüte und der Wärme,
um seinen Seelenschmerz zu mildern.
Die große Not –
                sie eint
        das Volk und macht es stark.
Und viele, die lebendig
      in den Trümmern dort begraben,
               werden noch gerettet.
Doch ach so viele, viele liegen
               unter den Ruinen tot.
Behutsam werden
         auf den Rasen sie gebettet.
Und Sarg um Sarg
nun tragen
      die Verwandten und die Freunde
        händeringend, bitter weinend
zur ew’gen Ruh die vielen Toten –
die Opfer
   der verhängnisvollen Katastrophe.

Und Hilfe leistet
               nicht nur unser Land.
Es ist jetzt allbekannt:
                    Die Bruderlände und viele Staaten und
Verbände
                aus der ganzen Welt,
darunter solche, die vor kurzem
      wir noch angeblickt befremdet,
beweisen heut ihr Mitgefühl
              und ihre Nächstenliebe
und helfen in der großen Not
      dem Volk Armeniens und spenden
recht gern ihm ohne Gegenleistung
    Blut, und Mut, und Geld
        und Wärme, Licht und Brot…

Die Welt ist alt. Die Welt ist jung.
Die Welt ist wach und klug:
Gelitten
     hat die Menschheit schon genug.
Sie sehnt sich nach Versöhnung
                 und Versittlichung.
Die Totenglocken läuten:
                Umwertung der Werte!
Die Tausenden der Umgekommenen
                und der Versehrten –
sie mahnen uns:
             Verhindert alle Kriege!
Denn Sorgen und so manche andre Übel
           gibt es immer zur Genüge.
Drum mag die Völkerfreundschaft
                auf der Erde siegen:
Umarmt euch, Menschen, allzumal
und lebt wie einige und gute Brüder!

                                         1988

Gottesgabe

Kaum konnte er es fassen.
Und dann er anerkannte
allendlich seine Tante,
als er erfuhr, daß sie –
das dachte er sich nie! –
ihm, ihm! Zurückgelassen
ihr ganzes Sparguthaben –
ja, ja, fünftausend Rubel!
O stiller Jubel-Trubel:
So eine Gottesgabe!

                           1988

Lähmende Stille

Klein und allein
           und verlassen
von Gott und der Welt,
steht da am Ufer
    der nagenden Zweifel
die traurige Weide
und grämt sich,
    und plagt sich…
              und träumt
von dem einstigen
   Frühling der Liebe…
Wie schwer ihr es fällt,
einen Ausweg zu finden.
Soll sie nun weinen?
    Soll sie nun lachen?
Soll sie nun heimlich
    beten… und hassen?
Soll sie verfluchen
       den sonnigen Tag,
als sie jung
            und verliebt
in den Armen
     des Sturmwindes lag
und sich glücklich
      und selig gefühlt?
Wo soll sie ihn suchen –
den Traum aller Träume?
Wird er selbst
       ihr erscheinen?..
Stille. Ja, ängstliche,
lähmende Stille ringsum.
Nur das Herz
            tut ihr weh.
Und es klopft,
           und es pocht,
und es schmerzt,
          und es stockt,
und will sich
           und kann sich
nicht fangen und fassen.

                          1989

Höchste Zeit

Raub und Meuchelmord?
              in unserer Zeit?
In unserem Land?
        Das wäre ja allerhand.
Das kann doch nicht sein.
Prostitution
          und Rauschgiftsucht?
Das wäre gemein!
     Das kann doch nicht sein.
A-i-d-s? Bei uns daheim?
     Das kann doch nicht sein!
Gibt es denn so eine Kluft
zwischen Schein
           und Wirklichkeit?..
Jetzt stellt es sich heraus,
daß es das alles gab und gibt
         auch in unserem Haus.
Und den Sittenprediger
in Perücke und Priestertracht
haben wir lang genug gespielt.
Also wird Schluß gemacht
mit der Heuchelei
     und der Scheinheiligkeit?
Es ist ja auch höchste Zeit!

                                  1988

Spätherbst der Erle

Steht eine Erle
gedankenversunken
im herbstlichen Wetter
und schaut in die Ferne…
Und vor dem inneren Auge
der ehrwürdigen Greisin
ziehen die Jahre vorüber –
all jene Frühlinge,
all jene Sommer
mit all ihrem Zauber:
mit innigen Liedern,
mit flimmernden Sternen
am nächtlichen Himmel,
mit sonnenbeschienenen
Gärten und Wiesen,
mit Regen und Wind…

Warum ist die Erle
so nachdenklich heute gestimmt?
Sind es die Sorgen des Alters?
Sind es die eisigen Stürme
der Spätherbstergüsse,
die sich gewiß vergewissern
wollen (das sind sie gewohnt!),
ob alle Blätter verweht,
ob alle Zapfen gezählt?..
Beklommenes Schweigen.
Zäh ist ihr Wille!
Kahl sind die Zweige.
Und lähmende Stille
bis tief in die Wurzeln…
Ob sie der Winter verschont,
damit sie den Frühling erlebt?

                                  1987

Hoffnungsstrahl

Vom Herzen ist dem Berg
der Widersprüchlichkeit
ein schwerer Stein gefallen.
Die Zuversicht ihn stärkt.
Und die Entschlossenheit.
Sein Blut beginnt zu wallen.

Er schaut zum grünen Tal
der Wohlgewogenheit
erwartungsvoll hinunter:
Ein warmer Hoffnungsstrahl
der Lebensfreudigkeit
hat ihn vollauf ermuntert.

1988

Im Juni und Juli

Elegant und beschwingt
ist deine Bewegung im Winde,
            o du, meine Linde.
Und wer da behauptet,
es wäre zu weich und zu linde
dein Herz, ist wohl selber
        gefühlsarm und lieblos
und leidet an Hartherzigkeit.
Denn das Lied
     deiner Blätter und Zweige
ist Ausdruck
           der Liebe und Güte,
die dein Herz froh vergibt,
stets bereit
             und bemüht,
jedem Leidenden
  Linderung wieder zu bringen.
Deine gelblichen Blüten –
   sie atmen bezaubernde Düfte
im Juni und Juli
           der Glückseligkeit.
Und es sammeln
          die fleißigen Bienen
den Nektar der Unsterblichkeit
(und ich sammle Runen
      für meine Gedichte!)…
So grüne und blühe und singe
               zur Sommerszeit
deine Lieder,
            o du, meine Linde,
damit deine Sanftmut die Härte
versteinerter Herzen erweicht.

1988

Wenn edel wir handeln…

So sind wir – die Menschen:
Wir dengeln die Sensen
und tun es beizeiten
und glauben daran,
es würden die Fluren
uns wieder beschenken
mit Heu und mit Weizen
zur nötigen Zeit –
als Lohn und als Dank
für unseren Fleiß…

So sind wir – die Menschen:
Wir schwimmen und schwimmen
auf unserem Erdball
im endlosen Weltall –
auf unserer Bahn
und meinen und denken,
es würde wohl nimmer
hier unter dem Himmel
ganz unverhofft kentern
der schaukelnde Kahn…

Wir lassen und lenken
vor klaren Gedanken…
Wie schön, daß wir denken!
Wie gut, wenn wir edel
und umsichtig handeln!

1988

Ewige Träume

Kahl steht die Birke.
Im reißenden Wind.
       Und beweint ihre Blätter,
die blaß und erstarrt
       auf dem Totenbett liegen.
Schaut in ihr Gestern zurück…
Oh, dieser flehende Blick!..
Rauh ist das Wetter.
Und trübe Gedanken
          durchbohren die Seele:
Ob sie nun völlig verwaist?
Ob sie von Wehmut vergreist?

Klirrende Fröste
bedecken mit Eis
           ihre Zweige und Äste:
Grausame Kaltblütigkeit herzlos
die Birke umschleicht…
Weiß nicht, die Weiße,
          warum es nicht schneit
und der Sturmwind
sie rüttelt und schüttelt
                   und peitscht.
Wütend. Vor geilgelbem Neid
    und vor Roheit vielleicht?..
Stöhnt nur, die Arme,
            vor Kummer und Leid.

Hüllt sich in Schweigen.
Und hofft noch und wartet.
   Auf Schnee, der sie einhüllt,
Wärme ihr spendet, zumal
dastehn und frieren sie muß –
ohne Hänger und Schal
      und vor Kälte ganz fahl…
Ewige Reime
      der Sehnsucht und Liebe…
Und ewige Träume…
Birke, o zartes Gemüt,
                möge im Frühling
aufs Neue erklingen
           dein wildgrünes Lied!

1988