Absurd

…Es regnet von unten nach oben
und noch heißer von oben nach unten
verpestete Graupeln und Schlossen;
und der prasselnde, stinkende Hagel –
die Sinne betäubend, wild tobend –
wird in kurzen, verkohlten Minuten
die Saaten der Zukunft zerschlagen.
Und du fliegst wie ein Staubkorn hinunter.
in den SCHWARZEN, zerstückelten HIMMEL,
wo die Wolken und der Hoffnungsbogen
in kramenden Schmerzen verbluten.
Und es gibt kein Erbarmen,
          und es gibt keine Rettung
                 für dich und die Deinen.
Nur die Sterne im Weltraum, die Sterne
ihre Schwester, die ERDE, beweinen…
Absurd? Ja, gewiß! Und noch wie!
So helft, meine Versstrophen, die Politik
der Sternenkriegsführer
                   ab absurdum zu führen,
zu erretten auf Erden das LEBEN!
O dann würde ich gerne
               solche Verse ad acta legen
und den HIMMEL, den BLAUEN, besingen.

                                             1986

Benachteiligte Kinder

Nach Hause eilen alle Kinder
                 wieder nach dem Spiele:
Dort wartet Mutti, ihre gute, liebe,
         wo unter den so weichen Flügeln
der mütterlichen Herzenswärme
die Kinder sich geborgen,
         umsorgt und glücklich fühlen…
Auch Jette biegt in ihre Gasse ein.
Sie wartet sehnlich,
               hört nicht auf zu hoffen:
‚Vielleicht ist Mutti da schon…‘
                          Doch betroffen
kehrt Jette um und geht ins Kinderheim.
‚Wie schön es wäre‘,
                träumt die kleine Jette,
‚wenn alle Kinder gute Eltern hätten!..‘
Sie selber kam
           kaum sechs, ins Kinderheim…
In ihren kurzen sieben Lebensjahren
hat sie so manches Unheil schon erfahren
und oft im stillen bitterlich geweint…
Wer könnte, sagt mir,
                  Jettes Tränen stillen?
Wer könnte diesen ihren Traum erfüllen?
So sagt mir, welches Herz?
                    In welcher Brust?
Im zarten Alter
          ist das Kind allein geblieben,
hat Eltern zwar,
doch weiß es nichts von Elternliebe…
Ein schwerer, unersetzlicher Verlust!
Die Eltern, sittlich eben ganz verkommen
durch jenes Gift,
        das ihnen den Verstand genommen,
sind willenlos,
     was kraß verrät ihr stumpfer Blick:
Sie haben jahrelang
      blauvioletten Fuselwein getrunken,
Und aus dem Sumpf
          gibt’s kaum noch ein Zurück…
Das Leben wird –
          wer träumt da nicht
                   von Wohl und Glück! –
                vom neuen Tag verändert,
doch vieles ist bis jetzt
                        noch unvollendet
im Wandel unserer bewegten Zeit.
Erzwungen werden muß auch eine Wende
im Willen und Gewissen,
           im Geist so mancher Menschen,
daß vollends siegt
               die wahre Menschlichkeit.

1985

*** (Vorbei ist schon lange der Frühling)

Vorbei ist schon lange der Frühling.
Der Sommer hat auch seine Schranken.
Wo ist dein Versprechen geblieben,
o launisches irdisches Glück?..
Verworrenes Wanken und Schwanken:
Es können die bangen Gedanken
bis jetzt keinen Zufluchtsort finden,
um heimlich sich niederzulassen
in einem verborgenen Winkel,
sich endlich zusammenzuraffen,
aus der Illusion zu erwachen –
es gäbe vielleicht ein Zurück
zu ihr, zur verlorenen Liebe…

Besiegt die Vernunft die Gefühle?

1986

Altweibersommer

Seht, Altweibersommer fliegt
früh am Morgen durch die Gassen.
Fragt sich, wer die Spitzen kriegt,
die sich langsam niederlassen:

Heut ist der Altweibersommer
über Nacht zu uns gekommen,
wirkt aus weißen Sonnenfädchen
Spitzen für die jungen Mädchen.

Rings Altweibersommer zieht
durch die Luft. Das warme Wetter,
schön erholt im Süden, spielt
wieder Sommeroperetten:

Die Altweibersommertage
sind des Herbstes Wundergaben,
daß wir uns noch freuen sollen,
bis er dann beginnt zu grollen.

Hört ihr, Mädchen, kommt und eilt:
Näht euch schicke Spitzenkleider!
Der Altweibersommer weilt
hier nur ein paar Wochen leider!

Schnell ans Werk und klöppelt fleißig
(seid ja keine alten Weiber!),
daß die letzten Sommerfreuden
auch im Winter strahlend bleiben.

1986

Des Landmanns guter Wille

Die Saaten meiner Heimat grünen wieder.
Und jedes Feld träumt seinen Traum und hofft,
daß sich das Grün in Ährengold verwandelt,
damit sich wiederholt im Herbst der Frühling
und daß der Winter dann trotz Schnee und Frost
mit Herzenswärme Stadt und Land behandelt.

Ob in Erfüllung gehen nun die Träume?
Das Korn der Wärme und der Seelengüte
wird auf dem Feld vom Landmann ausgesät:
Und gute Tat
              sproßt üppig aus den Keimen.
Doch kommt die Saat
                    nur dann zu voller Blüte,
wenn sommers man und winters Hand anlegt…

Die grüne Flur vermacht uns ihre Freude.
Und auch der Bauer schont sich nicht, er weiß:
Die Menschen müssen essen, um zu leben!
Und kostet auch das Feld viel Fleiß und Schweiß,
so wird im Herbst geborgen das Getreide –
des guten Willens reicher Erntesegen.

1986

Mitgefühl

Angst hat jeder mal erlitten…
Jeder sieht
            und fühlt
                      und weiß:
Oh, so mancher Mensch –
                   er schweigt,
zügelt sich und trägt sein Leid
oft allein, für sich,
                    im stillen:
Wie ein drohendes Gewitter…
Will das liebe Ich beweisen
öfters seinen guten Willen
   und sein MITGEFÜHL bezeigen,
gibt’s dafür zu allen Zeiten
   abertausend Möglichkeiten…
Wenn im einen kleinen Winkel
       einer Seele niedersinken
fremde Schmerzen auf die Knie
und sie um Verständnis bitten –
ach, wie schön,
           wenn sie nicht taub,
   wenn sie an das Gute glaubt,
in der Not sich selbst vertraut
und auch dieses Mal sich müht,
jenes Flehen zu erhören
und dem fremden Herzenskummer
fraglos Zuflucht zu gewähren…
Und es wird die stille Seele
          ein ermunterndes Asyl
für des Leidenden verhehltes
    wirres Einsamkeitsgefühl…
MITLEID ist ein gutes Zeichen
dessen, ob wir auch erreichen,
immer und in jeder Lage
        Homo sapiens zu heißen.

1986

Inspirationen?

Ein Rühre-mich-nicht-an!-Gewächs
hat er mit Müh und Not gezüchtet.
Von neuen Sphären träumt er jetzt:
Zum Dichten fühlt er sich verpflichtet.
Drum liegt er nun die ganze Nacht
und phantasiert und spinnt und dichtet.
Und wenn am Morgen er erwacht,
hat jeder Einfall sich verflüchtigt.
Ein Lies-mich-bitte-nicht!-Gedicht
ist neuerdings ihm doch gelungen.
Na und? Zur Tonkunst fühlt er sich
jetzt hingezogen! Ungezwungen.
Und bald wird auch sein liebes Ich
in einem Schlager gar besungen.
Wenn nicht der Nächte Flimmerlicht
das Nebeltraumgesicht vernichtet.

1986

Herzlose Mütter

Naturgemäß ist ja das Kleinstkind
noch immer gewesen ein Säugling:
Es saugt aus der Mutter nun eben
die Säfte, die Kräfte – das Leben.
Wer hielte den Akt für vampirisch?
Wer, sagt mir, wer würde es wagen,
die Humanitätsideale
des Menschengeschlechts zu verraten?
Die stillende Mutter? Der Vater?
Allein schon die peinliche Frage
klingt sonderbar, gallig und zynisch.
Und ist das Bekenntnis auch bitter,
die Tatsache gräßlich, erschütternd,
so gibt es auch herzlose Mütter,
die fühllos das Kind gleich verstoßen,
das selber sie trugen im Schoße:
Das Pflichtgefühl war schon verloren,
noch ehe das Kind sie geboren…
Verwaist,
         muß das Würmchen dann tragen die
Last der verstoßenen Jahre…

Wer meint, sie handelten tierisch?
Das kann ja nicht stimmen: Die Tiere –
auch sie haben ihre Gefühle!
Selbst Tiere verletzen sie nicht –
diese hohe und heilige Pflicht.

1986

Zeitbezogen

O schnelle Zeit!
O Ewigkeit!
Gewiß, ich weiß:
Du eilst und eilst,
hast keine Zeit –
dein Weg ist weit,
dein Endziel heißt
Unendlichkeit.

Verzeihe mir,
verzeihe, Zeit!
Ich bin ein Mensch.
Ich bleibe hier.
Und meine Kraft
und meine Zeit
sind streng begrenzt
von Sterblichkeit.

Verzeihe mir,
o neue Zeit!
Wenn was von mir
erhalten bleibt
(Ein Hälmchen Gras
wird’s sein vielleicht),
ist’s auch bereits
Vergangenheit.

Verzeihe mir,
bewegte Zeit!
Trotz alledem!
Wenn auch der Tod
mich einst ereilt.
Denn Freud und Leid
hab ich geteilt
mit MEINER Zeit.

1986

*** (Worüber erzählen)

Worüber erzählen
die Tage am Abend,
nachdem sie in Ehren
ihr Tagwerk vollbracht?
Wenn Kraft sie und Zeit
zum Erzählen noch haben,
umarmen sie zärtlich
die wartende Nacht…

Und sie schmiegt sich eng
an die Seite des Tages…
Bewegt von den Weiten
der Unendlichkeit,
Poeme sie dichten,
Legenden und Sagen
vom Kommen und Gehen
der eilenden Zeit…

Entflammend, verschmelzen
sie dann miteinander –
der Tag und die Nacht,
die ins Leben verliebt.
Am Himmel der Zweisamkeit
träumend sie wandeln
als Stern, der im Dunkel
der Ewigkeit glüht.

1986