Zweikampf

Atemnot:
Ein Herzanfall.
Ob schon das Ende droht?
Als letzter Widerhall,
als letzter Hauch
in meinem Lebenslauf…
Allmählich lockert sich
jedoch
die eiserne Umklammerung:
Der krampfende Schmerz, –
er läßt ein bißchen nach.
Mir ist, als ob
ich da erwache
aus einem schweren
Dämmerschlaf.
Und wie ein Alp
noch immer liegt
die lähmende Beklemmung
auf meiner Seele.
Doch endlich atme
tief ich auf:
Herz, mein Herz,
du hast gesiegt –
wir leben!

1.11.1984

Retro

Auch an Gedanken
kann das Herz sich wärmen.
Wie an der Glut
im offenen Kamin.
Sie dämmern auf
wie bläulichgelbe Flämmchen,
wie Wetterleuchten
fern am Horizont.
Sie strahlen Wärme aus,
die dich erinnert
an manchen unvergeßlich
schönen Tag
mit Sonnenglast
und wolkenlosem Himmel.
An manche gute Tat,
die du vollbracht,
um dem Gestrauchelten
die Hand zu reichen,
damit er fand
den rechten Weg.
Sogar die schwersten Stunden
deines Lebens
erhellen sich
allmählich mit der Zeit.
Weil du den Kummer
standhaft überwunden…
Und in der Glut
flammt auf ein Tulpenmeer
dort auf dem grünen Hang
der stolzen Hoffnung.
Die Lerche schmettert
froh ein Frühlingslied.
Es fühlt dein Herz:
Du lebtest nicht vergebens –
das Flammenrot der Tulpen
nie verglüht!

                               1984

Uns fesselt das Schöne

Bewahrst du noch auch im Gedächtnis,
mein Herz, jene loderne Glut?
Sie war uns Gebot und Vermächtnis,
gab wieder und wieder uns Mut.

Wir haben so vieles erworben
im Leben, was noch uns erfreut.
Und drückten uns Kummer und Sorgen –
wir waren zum Aufruhr bereit.

Doch haben wir viel auch verloren
und trauern um jeden Verlust.
Es heißt jetzt so oft in memoriam,
was früher wir selten gewußt.

Beweine, mein Herz, was gegangen.
Doch faß dich, wie weh es auch tut.
Solang wir um Gutes uns bangen,
glimmt weiter die einstige Glut:

Wir stehen gedankenversunken.
Uns fesselt das Löwenzahngelb.
Sein inniges Leuchten und Funkeln
verschönert noch immer die Welt.

                                    1984

Wehklagen

Ich muss in Liebe vergehn,
in Liebe vergehn,
vergehn.
Du hattest mir, Liebster, versprochen,
mir heiß versprochen,
versprochen.
du kämst zurück in zwei-drei Wochen.
in zwei-drei Wochen,
nur Wochen.
Nun lässt du dich, Liebster, nicht sehn,
ein Jahr schon nicht sehn,
nicht sehn.
Soll ich in Liebe vergehn,
in Liebe vergehn,
vergehn?!

20. August 1982

Verdenkt es mir nicht

In meinem nicht leichten Leben
hat es so manches gegeben,
wonach ich mich lange gesehnt.
Ich wurde das Warten nicht müde.
Und kam es, das Glück, ging´s vorüber.
Wie ein flüchtiger Sonnenstrahl,
der hell durch die Wolken mal bricht.
Oft ging es als Regenguß nieder.
Oft war es ein Warnungssignal:
Auf Wiedersehn! Vergiß mein nicht!..
Ich bin an Enttäuschung gewöhnt.
Und harre und hoffe stets wieder.

1984

Boten des Schönen

Das deutsche Theater:
Besteht ein paar Jahre,
Beheimatet in Temirtau.
Doch leider nur selten zu
                    Haus.
Man könnte wohl sagen –
ein Wandertheater.
Mit der Bahn, mit dem Bus
in die Steppe hinaus
und quer durch das Land.
Stets herzlich willkommen
und weit schon bekannt.
Ein junges Theater.
Die Schauspieler – jung.
Doch gut schon beraten:
Mit Feuer und Schwung,
mit lauterer Stimme
sie die Herzen entflammen,
das Gute besingen,
das Böse verdammen,
helfen Laster bezwingen!..
O Boten des Schönen,
o Künstler der Bühne!
Es ist eine hohe Mission,
den Weg zu den Herzen
der Menschen zu finden
und Beifall zu ernten als Lohn;
die tiefsten Tiefen
der menschlichen Seele
durch Kunst zu ergründen;
die Welt der Helden zu
                    prägen,
die Gedanken, Gefühle
und Taten der Menschen
von gestern und heute
stark mitzuempfinden;
die menschliche Haltung,
den Standpunkt im Leben
wahrheitsgetreu zu gestalten.
Die Mission, zu vermögen,
dem Theaterbesucher
sich anzuvertrauen,
ihm die Wahrheit zu sagen –
zündend, beherzt und
                  beseelt –
jedes Mal, immerfort,
daß das Gute denn Wurzeln
              auch schlägt,
daß das Böse im Keime
                verdorrt…
Die Mission, den Menschen
                 zu dienen,
o Boten des Schönen,
o Künstler der Bühne!

1984

Brücken

Wir machen uns hemdsärmelig
und gehen ans Werk: Es wird
                  geschafft
und manchmal ein Werk auch
               geschaffen –
heut eine Stimmungsnovelle,
morgen ein gutes Gedicht,
später vielleicht ein Roman.
Die Zeit ist somit nicht
                    vertan.
Doch wir schmoren im
            eigenen Saft…
Wir sehen uns ziemlich oft,
nicht in natura jedoch.
Wir grüßen einander „Hallo!“
und freuen uns sehr und
                  sind froh,
daß der und der und die,
                     daß wir
noch da sind (laut Papier).
Die Brücken sind die
                  Litseiten,
die die Treffs uns bereiten.

Warum denn nicht Brücken
                      bauen,
Dichterfreundschaftsbrücken,
die uns zusammenführen
                    würden –
leibhaftig, in eigner Person?
Und Beispiele gab es ja
                       schon.
Um einander in die Augen
                  zu schauen,
um einander die Wahrheit
               anzuvertrauen,
ohne zu fackeln – beliebt,
               nicht beliebt;
mag es auch stacheln –
           Kritik ist Kritik!
Um darüber zu diskutieren,
was zwischen den Zeilen oft
                       steht,
was unseren Werken oft
                       fehlt,
was wir wohl besser machen
                     könnten,
sollten und müßten. Und
                      müssen!
Um Nützliches zu vollführen.
Daß rein ist des Dichters
                    Gewissen.

1984

Der alte Baum

Die Last der Jahre wurde immer schwerer.
Doch sie zu tragen, war er noch bereit:
Es war sein Wunsch, noch lang sich zu bewähren,

um zu erleben jene frohe Zeit,
da seiner Enkelbäumchen Jugendlieder
erklingen auf der Heide weit und breit

als Lobgesang vom schönen Lebensfrühling,
in diesen Wipfel spielt der Sonnenschein, –
den Drang zu großen Taten in sich fühlend…

In seinem Schatten haben oft geträumt
Verliebte ihre schönsten Hoffnungsträume
und manchen Vers der Zuversicht gereimt.

Er war seit je bestrebt – wie alle Bäume -,
daß diese Welt geschmückt mit Hoffnungsgrün,
daß niemand hier im Umkreis es versäume,

an einem lichten Morgen aufzublühn
zur Freude aller und zu seiner Freude –
als gütige Belohnung aller Mühn…

Der hochbetagte Baum – er mußte scheiden,
von einem Wirbelsturm dahingerafft.
Jedoch der grüne Kiefernwald wird bleiben:

Ein Heidenwerk, von der Natur vollbracht!

5. August 1985

Der Windbeutel

Wir kennen den Wind:
Auf den Beinen recht flink –
ohne Stock, ohne Beutel -,
weht, wirbelt und pfeift er,
singt, säuselt und eilt er
allüberallhin…

Den Beutel kennt jeder.
Ob leinen, ob ledern,
der Beutel ist saumselig-faul
und verzieht nur das Maul,
und will liegen und schlafen
und nichts dafür zahlen…

Doch Beutel und Wind,
aufeinandergestezt
so schön wie zwei Schalen,
mit Sahne gefüllt,
gibt ein anderes Bild –
ein so duftend´ Gebäck,
daß alle zehn Finger
danach man sich leckt!..

Doch läßt sich ein Junge
                 verleiten.
so liegen ganz anders
                 die Dinge:
Verschmelzen der Wind
            und der Beutel,
dann ist es ein
       schrecklicher Graus:
Ein unzuverlässiger
                 Schlingel,
ein Luftikus schlüpft da
                    heraus.

***
Wir lieben den Wind,
der uns Lieder gern singt,
und wir lieben bestimmt
auch das leckre Gebäck…
Den Windbeutelfimmel –
den schieben wir weg!

1985

Finde zurück zu dir selbst

Du stehst am Kreuzweg
und weißt nicht, wohin.
Ist deine innere
Stimme verstummt,
die Wegweiser war
für dich in den Stunden,
wenn quälender Kummer
am Herzen dir nagte?

Ist Schnee in den Gründen
deiner Seele gefallen?
Soll die grünende Saat
deiner Träume verkümmern?
Soll mitten im Sommer
der Winter beginnen?
Hat bitterer Frost
in der Not je geholfen?

Ist die Enttäuschung
so herb und so schwer?
Läßt sich der Abgrund
der dumpfen Verzweiflung
nun nicht überbrücken?
Vermagst du die Steilwand
der Trostlosigkeit
denn nicht zu bezwingen?!

Das Lied deiner Hoffnung
wird wieder erklingen.
Seine Weise wird zünden.
Der Schnee wird vergehen.
Die Sonne wird dann
deine Sehnsüchte reifen…
Doch mußt du zunächst
zu dir selbst
             wiederfinden!

                           1985