Zwei Funken

Mein Ich und dein Ich sind zwei Funken,
die zünden und langsam zersprühn
und sinken hinab dann ins Dunkel,
daß andere Funken erglühn…

Das Gestern, das Heute und Morgen
sind eine Legierung der Zeit,
wo Spuren verschmelzen mit Folgen,
wo alles vergeht und auch bleibt.

Wo Urwälder langsam verschwinden,
verschüttet vom Ansatz der Zeit,
als Kleinode tief in den Gründen
des Erdinnern reichlich zerstreut…

Mein Ich und dein Ich sind vergänglich.
So lautet der Schluß der Natur…
Ein zündendes Fünkchen, anfänglich,
erleuchtet dann unsere Spur.

1984

Junge Liebe

Wer oder was, o Mädchen,
hat dein Herz bezaubert?
Des holden Frühlings
neu erblühte Blumenpracht?
Der helle Strahlenblitz
der dunkelbraunen Augen?
Ein sehnsuchtsvoller Traum
der blauen Mondscheinnacht?..

Die erste, junge Liebe
ist ein Wetterleuchten,
das licht am Frühlingshimmel
tausendfarben flammt…
Du möchtest schon der Mutter
deinen Kummer beichten,
doch unterdrückst du streng
den heißen Liebesdrang.

Die Hände ringt bedrängt
das ewige Verlangen
nach inniglicher Wärme
und nach Zweisamkeit,
und deiner edlen Seele
Sehnen – noch befangen –
bekümmert bebt und zittert
vor Beklommenheit…

Und endlich kommt
die erste heißersehnte Stunde,
der erste sanfte Händedruck,
der dich berückt:
Zwei Herzen – liebesglühend -,
die einand´ gefunden,
um zweisam zu erringen
dann ihr Liebesglück.

                                  1985

Schöpfung des Schönen

Chrysanthemen.
Im Dezember.
Chrysanthemen und Schnee.
Nicht die Farbe allein,
die weiße,
vereint
die beiden.
Es ist Erfüllung
der Hoffnungsträume
und das ewige Sehnen
der Jahreszeiten –
der grünenden,
     blühnenden,
        reifenden
und der verschneiten.
Chrysanthemen
im Dezember,
die Wärme uns spenden
und das Leben
verschönern.

                         1984

Der Winter

Es kommt bald die Zeit, da der Winter
auf lange nach Norden verreist,
und mit auf die Reise wohl nimmt er
wie immer sein bläuliches Weiß.

Und väterlich lächelt der Winter:
„Wie warm heut die Sonne schon scheint!..“
Wenn er uns auch manchmal verstimmte,
so hat er es gut doch gemeint.

Es schenkt uns der schneereiche Winter
aus Liebe sein Hab und sein Gut.
Es freut ihn, den edelgesinnten,
wenn Gutes den Menschen er tut.

Es dichtet der scheidende Winter
sein letztes verschneites Gedicht.
Er schreibt es mit lilaner Tinte,
mit flockenverschnörkelter Schrift…

Es singt uns zum Abschied der Winter
ein neues, viel wärmeres Lied –
von Schneeglöckchen und Hyazinthen,
vom Frühling, der balde erblüht.

                                         1984

Sehnsucht und Schwanengesang

Es grüßen dich sonnige Tage,
es rufen dich lichtblaue Weiten,
es singt seine fröhlichen Lieder,
die Wangen dir kühlend, der Wind.
Und doch bist du niedergeschlagen.
Was stört deinen seelischen Frieden?
Was konnte dir Schmerzen bereiten?
Was hat dich so traurig gestimmt?..

Die fröhlichsten Lieder verklingen,
die sonnigsten Tage sind trübe,
die lichtesten Weiten verblassen,
der Wind wird zum Gaukler alsbald,
wenn Wolken bedecken den Himmel
der einstmals so glücklichen Liebe,
wenn völlig verlierst du die Fassung,
wenn Sturmwetter naht mit Gewalt…

Zur Liebe gehören auch Leiden.
Und längst schon verklungene Lieder.
Und Sinnen und Seufzen und Sehnen.
Erwartung und Sonnenaufgang.
Zur Liebe gehören auch Freuden.
Und lilablau blühender Flieder.
Und Abschied und bittere Tränen.
Erfüllung und Schwanengesang.

                                 1983

Der Glaube der Erle

In fröstelnder Einsamkeit
     schmiegt sich die Erle
vertraulich des Nachts
        an die rissige Wand
des Ufers, das selber
    entbehrt nun die Wärme,
mit der ihm
          der Sommertag
          reichte die Hand.
Umhüllt mit dem Dunkel
    der herbstlichen Nacht,
verwandeln
      sich ihre Gedanken
                 in Träume,
in denen aufs neue
       in herrlicher Pracht
die goldenen Sterne
  der Märchenwelt scheinen:
Ein Schillern und Funkeln
     am nächtlichen Himmel.
Ein Säuseln und Raunen
        am rieselnden Bach.
Und neue Gefühle
       verwirren die Sinne:
Die Sehnsucht
      nach Zweisamkeit
           hat sie gepackt.
Geschmückt ist ihr Kleid
    mit juwelgrünen Zapfen:
Erwartung empfunden
           ganz unangesagt.
Sie wird, bis ihr Glück kommt,
        hier ausharren tapfer:
Kein Sturmwind
    ihr Herz
     zu erschüttern vermag.
…Der Glaube der Erle
       manch Seele berührt:
An Tränen erinnern
     die fallenden Blätter.
Und einsam sie steht
   dort am Ufer und friert.
Doch hofft sie und wartet
       auf besseres Wetter.

1985

Im Dorf

Im Dorf ich gestern gewesen.
Ich machte im Felde gleich halt.
Die Bauern Probleme hier lösen,
die Tausende Jahre schon alt.

Die Heumahd hat längst schon begonnen.
Das Gras auf dem Felde ist reif.
Gut meint es die goldene Sonne –
sie wendet und trocknet das Heu.

Es klingen und singen die Sensen.
Von früh und bis spät wird gemäht…
(Da gibt es gewiß nichts zu hänseln –
das Sensenproblem ist gelöst).

Es gleiten die stählernen Mäher
wie Schiffe ganz weich übers Land.
Der Schober wird höher und höher.
Gepreßt, fährt er eilig zum Stand…

Der Heumonat geht schon zu Ende.
Der Weizen wogt reifend im Wind.
Mit rührigen, fleißigen Händen
der Landmann die Ernte beginnt.

                                     1983

Die blühende Erle

Wenn aufzieht ein schweres Gewitter,
die Erle da drunten am Bach
bis heute noch leise erzittert –
es ist die Erinnrung noch wach.

Gekuppt und zerknickt und zersplittert
vom Sturmwind mit rasendem Groll,
griff fest sich am Boden verbittert
die Erle, die leben gewollt.

Es stiegen die drängenden Säfte
in Stamm und in Zweig und in Blatt.
Und langsam sie sammelte Kräfte,
bis daß sie es endlich geschafft…

Vernarbt sind die klaffenden Wunden
am kräftigen Leib mit der Zeit:
Zurück hat zum Leben gefunden
die Erle trotz Kummer und Leid.

Nun zweigt sie und grünt sie noch schöner.
Und zapfengeschmückt ist ihr Kleid.
Und Freude und Wonne durchströmen
die Seele der Schwarzerlenmaid.

                                            1983

Herbstmotive

   ***
Lieber Herbst,
ich weiß, du lärmst
und prahlst nicht gern.
Der Größenwahn –
er bleibt fern.

Lieber Herbst,
ich weiß, du färbst
zu früher Stund
den Wiesengrund
schon herbstlich-bunt.

Lieber Herbst,
ich weiß, du schwärmst
für wahre Kunst
und nicht für Rauch
und Nebeldunst.

Lieber Herbst,
ich weiß, du erbst
vom Sommer viel.
Verschenkst es gern.
Ein hohes Ziel.

Lieber Herbst,
ich weiß, du stärkst
im Winter dann
mit Speis´ und Trank
den Ackersmann.

    ***
Abschied nimmt
der schöne Herbst
nun von Wald
und Feld und Wiese.
Um sie noch einmal
zu grüßen,
schenkt er ihnen –
fahrbereit –
vor dem Scheiden
recht viel Sonne,
daß die letzte
Götterwonne,
lange-lange
golden prangend,
im Gedächtnis
aller bleibt.

    ***
Der letzte Song
der müden Blätter
der Spätherbstzeit
erreicht mein Ohr.
Befangen erst,
ganz leise-leise –
melodisch und sonor.

Dann setzen ein
die weichen Stimmen
der warmen Farben –
ein langsames Empor,
und aus dem Ringen
wird allmählich
ein gemischter Chor…

Sein bestes Tonwerk
trägt der Herbst
uns heute vor.

      ***
Noch ein Gläschen
herben Weines
schenkt der Herbst
der Wiese ein
und verrät ihr
ein Geheimnis…
Mögen beide
glücklich sein!

     ***
Der Herbstwind weht
und weht erregt
und tiefbewegt
und wird nicht müd…
Dein Lied vergeht,
wenn nicht zu spät
dein Herz versteht
das Herbstwindlied.

      ***
Heute singt
der späte Herbst
den letzten Blättern
seine schlichte
Abschiedsweise –
sein Ade.

Und ein graues
Regenwetter
weint ihm leise
Tränen nach,
die niederfallen
als weißer Schnee.

                        1983

Aus warmen Farben

Zum Abschied laß, o lieber Herbst,
dich noch einmal umarmen.
Ich danke dir für das Bukett
aus lauter warmen Farben.

Aus Steppengelb und Ährendgold,
aus Blätterfallaroma;
aus herbstlich weichem Rötlichgelb
der Gaben der Pomona.

Aus Buchen- und Kastanienbraun,
aus träumendem Wacholder;
aus Apricot und Zimmetduft,
aus Hasel und aus Holder.

Aus herbstzeitrotem Espenlaub,
aus rosa Apfelwangen;
aus Hagenbuttenpurpurglut,
aus Ebereschenflammen.

Aus hoffnungsfrohem Morgenrot,
aus Festtagsfeuergarben,
aus Sehnsucht und aus Zuversicht –
aus lauter warmen Farben…

Im Winter, wenn es wieder kalt,
wenn Frost und Stürme wüten,
wird mich der warme Farbenstrauß
vor Herzeleid behüten.

                                   1983