Verschenkt sind die letzten Gemälde

Der Sommer zieht froh durch die Felder
der Heimat, die unendlich groß,
und malt seine Landschaftgemälde
bedächtig und vorurteilslos.

Ein Liebhaber der Perspektive,
veranschaulicht so er die Welt,
daß heut schon den Frühling wir fühlen,
der morgen den Acker bestellt.

Er zeichnet geschickt seine Skizzen,
dann malt er in Öl und Pastell.
Und lange braucht niemand zu sitzen –
er kennt im voraus das Modell.

Er schildert in lebhaften Tönen,
wie rings das Getreide gedeiht,
wie Bauer und Feld sich versöhnen,
wenn einem getan ward ein Leid.

Das Ährenfeld, sonnendurchflutet,
nun wogt da in goldgelber Pracht.
Die Ernte – der Landmann sich sputet! –
ihm Freude und Sorgen jetzt macht.

… Verschenkt sind die letzten Gemälde.
Es lächelt der Sommer gerührt,
denn Altmeister Herbst zieht zu Felde
und emsig den Pinsel schon führt.

1982

Laß dich umarmen!

Blaue Nacht mit blauen Sternen,
blauem Himmelszelt.
Anemonenblaue Fernen,
wenn der Tag sich hellt.

Sacht die Nebel blau zerfließen.
Sonnenheller Tag.
Fliederblau die Wege grüßen,
froh und unverzagt.

Ach, wie deine Augen blinken
blau zu dieser Stund!
Laß den blauen Blick mich trinken –
und ich werd‘ gesund!

Blauer Himmel, blaue Räume,
licht und ungetrübt.
Blaue Sehnsucht, blaue Träume…
Du, mein blaues Lied!

Augenspiel in blauen Farben,
blau bis an den Rand!
Komm und laß dich heiß umarmen,
blaues Märchenland!

1986(?)

Erkenntnis

Was Salzlake ist,
weiß Peter noch nicht.
Er leckt und er probt,
er stockt und er schnalzt:
„Das schmeckt ja wie Salz.“
Der Kamm wird ihm rot:
Die Zunge – sie tobt…
Die Mutter ihn lobt:
„Na, los nur, drauflos,
nur immer geprobt…“
Jetzt weiß er gewiß,
was Salzlake ist.

8. November 1988

Metamorphose

Saueramfer aß
ich oft im Sommer
in der Kindheit
auf der Wiese
an der Wolga –
bald vor Übermut
und bald vor Hunger.
Säuerlich und scharf
war sein Geschmack…
Heute kaufen wir
ein Bündelchen davon
für einen Rubel
auf dem Markt.
Doch schmeckt er fad.

13. Juni 1989

Rock and Roll

Sie toben und schreien,
krakeelen und grölen
und peitschen sich auf,
die Vernunft unterhölend,
im rasenden Feuer
der Emotionen –
im Tanz Rock ’n‘ Roll,
im Jubel und Trubel,
der ohrenbetäubend,
im wüsten Gejohl…

Wozu denn ein Gestern?
Wozu denn ein Morgen?
Das Heute allein –
das Sofort! – sei am besten.
Wozu auch noch Sorgen?
Wozu auch noch Worte?
Im Tanz Rock ’n‘ Roll,
in geistiger Leere –
da fühlen die Rocker
sich pudelsauwohl.

                            21. Dezember 1987

Spuren der Gefühle

Wenn unter Tage
       sie den ganzen Tag
und in der Nacht darauf
   nicht schlafen können,
dann sind die Hochgefühle
der Freude und der Liebe
       ganz matt und müde
und sinken in den Abgrund
     der Vergangenheit…
Noch gut,
      wenn sie im stillen
   Spuren hinterlassen –
am Ufer
      der Barmherzigkeit.

23. Mai 1989

Wischtuchgrau

Schieferfarbene Gedanken.
Muffig, dumpf
             und schwindsüchtig.
Ohne Spitzen, ohne Kanten.
Ohne Leidenschaft und Licht…

Dösen vor sich hin und zittern,
wenn ein Blitz am Himmel flammt.
Geht dann nieder ein Gewitter,
sind sie ganz
           und gar verkrampft…

Sich entscheiden, einzugreifen,
wo das Blau vom Grau zerfranst?
Schleunigst
          um die Ecke schleichen
Zweifel und die feige Angst…

Wo die Grenzen sich verwischen
zwischen Gelb und Grün und Blau,
wo sich Schwarz
            und Weiß vermischen,
wirkt die Umwelt wischtuchgrau.

30. November 1988

Der Wanderer

„Schön guten Abend!“
      grüßt ein Wanderer.
„Man will das eine
   und macht das andere.“
Und streckt sich aus
im großen wändelosen Haus
auf einer weichen
 schneebedeckten Pritsche
und schläft sich aus –
wohl eine runde
    Schlummerstunde
          breit und lang.
Dann steht er auf
     und gähnt und fragt,
ob es schon tagt,
        und zieht sich an
und eilt hinaus
      und setzt sich dann
auf seinen Segelschlitten
   und schnalzt und lacht
und winkt
      mit seiner
    neuschneeweißen Mütze
und streckt die Arme aus:
„Die Welt – sie ist
       so groß und schön!
Drum eile ich,
     weil mir das Wandern
Freude macht.
       Auf Wiedersehn!..“

Und es beginnt,
wie’s ja noch immer war,
    in meinem Heimatlande
ein  n e u e s  J a h r .

                                 19. September 1988

Wir selbst

Ach, wie sehnlich
              wird gewartet
auf den Tag
           der Auferstehung
der Gerechtigkeit!
Ach so lange, lange
war sie an das Kreuz
               genagelt!…
Herunternehmen aber
müssen wir sie selbst.
Und ihre Wunden

           wieder heilen.
Und sie betreuen.
                 Liebevoll.
Um ihr, der hehren
neues Leben einzuhauchen.
         ***
Die goldene Mitte
    bleibt immer umstritten.
Es hat sie wohl nirgends
       und nimmer gegeben…
Jedoch Kompromisse
        sind nötig im Leben.

                        1989

Ein Kilo Zucker

Er war ja noch immer
ein Träumer und Spinner.
Es ließ ihm das Blau
                  keine Ruh.
das droben am Himmel
verheißungsvoll schimmert.
und schwang sich hinauf
                 denn im Nu.

Und holte sich Sterne
aus endloser Ferne
und tat es so ganz
               ohne Angst…
So war nun der Werner:
Er hielt ja so gerne
den strahlenden Glanz
                in der Hand.

Die Zeit ist der Richter…
Und Werner wird nüchtern.
Man lernt mit der Zeit –
                noch hinzu.
Nun fragt er sich schüchtern,
was er sich erdichtet
so lang… überzeugt…
                  ohne Ruh…

Jetzt spielt er den Gucker,
den Zweifel durchzucken…
War alles denn Rauch
               nur und Dunst?
Und sagt, sich verschluckend:
„Ein Kilochen Zucker…
zu holen… ist auch…
                 eine Kunst!“

1989