Der falsche Weg

Wenn deine Wehwehchen
dir gefallen mögen,
so hat in diesem Sinne
wohl niemand was dagegen.
Doch immerfort zu wimmern,
um den Parnaß
auf diese Weise
zu erklimmen,
ist noch immer
der rechte Weg gewesen.

1985

Cyclamen

Alpenveilchen blühen
nicht nur im Gebirge,
wo die Lüfte kühler wehen
als in deinem Zimmer.
Purpurrot erglühend,
Alpenveilchen wirken,
auch aus deinem Fenster sehend,
freudestrahlend immer.

1985

Mein Enkel fragt…

Mein Enkel fragt
(er meint es gut!):
„Du bist schon alt?
Sind dir die Füße
denn nicht kalt?
Ich hol dir gleich
die warmen Socken!“
Er kommt und sagt:
„Und auch dein Haar
ist winterweiß
wie Schnee und Eis.
Ich hol dir deinen
Federhut –
den mit den feinen
schwarzen Locken!..“

Es eilt die Zeit,
wird oft geklagt
mit Bitterkeit,
wird oft gesagt
auch hocherfreut,
mit Dankbarkeit…
Es eilt die Zeit,
es zigmal heißt.
Vielleicht auch nicht?
Das Sonnenlicht
ja der Behauptung
widerspricht!
Vielleicht sind’s wir
auf Erden hier,
die ewig eilen?!.
Des Alltags Hast,
die Sorgenlast,
die Ungeduld,
die Dankesschuld,
der Widerstreit,
und Freud und Leid,
das Mitgefühl,
das Lebensziel,
Gebot und Pflicht
und Zuversicht
voran, voran
und ewig treiben
und auch den Gram
der schwersten Stunden,
und auch den Schmerz
der tiefsten Wunden
und alle Leiden
trotz alledem
allmählich heilen.
Drum laßt die Zeit
und ihren kühnen
Schöpfergeist
zum Wohl der Menschen
rastlos weitereilen!

1985

Die Blütenknospen sprießen

An den noch kahlen Zweigen
erglänzen Regentropfen.
Und hier und da sich zeigen
auch schon die ersten Knospen.

In jedem kleinen Tropfen
erstrahlt allmählich wieder
die farbenfrohe Hoffnung
die du geschöpft im Frühling.

Und all die zarten Knospen
verbergen so viel Freude:
Um voll sie auszukosten,
hat’s sich gelohnt zu leben!..

Die Zweige wieder grünen.
Die Blütenknospen sprießen.
Daß du in vollen Zügen
das Leben sollst genießen!

1985

Die richtige Seite

Er hätte ein Buch,
dort stünde geschrieben,
es gäbe noch Liebe,
die nimmer vergeht?..
So blättre im Buch
seiner Liebe und such.
Vielleicht hat es Sinn,
und du findest darin
die richtige Seite.

1985

Grünen soll die Steppe

Friedlich in der Nacht geschlummert,
schlägt in aller Früh der Himmel
die besternten Lider auf.
Und die himmelblauen Augen –
lebensfroh und voll Erwartung –
auf die Steppe, wo der Frühling
seinen grünen Teppich webt.
Und die ersten Morgenstrahlen –
rein und gelblichrot wie Gold –
sich auf ihrem Weg verschmelzen
mit dem blauen Blick des Himmels.
Lilarötlich-zart umfächeln
sie das Grün des Steppenlands:
Lebensfreude, neues Sein
sät der Morgensonnenschein..
Sollen wohl US-amerikanisch
ausgebrütete Vernichtungswaffen –
Laserstrahl und Napalm, Gas und Gift –
diese Flur in Schutt und Asche legen?
Sollen wohl Neutronenbomben
niederrasseln auf die Steppe
und die farbenfrohe, reiche Welt –
alles Lebende – in Dampf verwandeln?
Nein, die Steppe und die Felder
und die Menschen, die hier wirken,
wollen – hört ihr – keinen Krieg!
Nur der Frieden ist Garant,
daß der Himmel immer blaut,
daß für sie die Sonne strahlt,
daß für alle Erdenkinder
auf den Feldern reift die Saat.

                                  1983

* * * (Die roten Rosen)

Die roten Rosen,
die rosaroten
und die weißen –
alle Rosen müssen
einst verwelken.
Und es lößt sich auf
der Rosenduft
im Zeitenlauf.
Ein Augenblick,
ein leichter Hauch –
und die Rosenzeit
ist schon verschwunden.

Sollen die Rosen
aus diesem Grunde
nicht mehr knospen
und erblühen?
Sollen die Rosen
uns nicht erfreuen
zu jeder Stund
und Ansporn sein,
damit die Menschen
auf dem Erdenrund
einander lieben
und die Welt erneuen?

                          1983

Krankes Hähnchen

Wir haben einen Wasserhahn
mit heißem Wasser.
Das ist, ihr lieben Leut,
doch eine gute Sache.
Man dreht nur auf,
schon perlt’s heraus
im vollen Lauf –
das klitsch-klatsch-nasse
heißgeliebte Wasser…
So ist das theoretisch,
o kleiner Wasserfetisch,
mit dem heißen Wasser.

Wir haben einen Wasserhahn
für heißes Wasser.
Doch dreht man auf,
kommt’s nicht heraus –
das pitsch-patsch-nasse
heißgeliebte Wasser.
Das arme Hähnchen leidet oft
am blauen Husten:
Es ächzt, und krächzt, und prustet,
und schnaubt, und faucht und hustet…
So ist das praktisch-faktisch
mit dem heißen Wasser.
…Es sagt der Hausverwalter,
zu hoch sei unser Haus,
drum käme aus dem Hähnchen
oft gar kein Wasser raus.
Es sei noch höllisch gut
wir hätten schließlich kaltes.

1983

Im Foyer

Im Foyer
ich sinnend steh.
Bewundere
die jungen Menschen.
Und rings ich seh –
wie eh und je
der jungen Leute
Augen glänzen:
‚Ob er mich liebt?‘
‚Ob sie vergibt?‘
Und jeder sieht –
die Jugend blüht!

Ein Pärchen flitzt
im Eil vorüber
und bleibt dann stehn
mir gegenüber.
Das Röckchen sitzt,
die Hose nicht –
sie ward gewiß
noch nie gebügelt.
Doch macht es nichts,
denn in den Augen
flammt und blitzt
die junge Liebe.

Ein hübsches, fixes
Dingelchen.
Am Fingerchen
ein Ringelchen…
Was sie schon kann:
Sie weiß die Lippen
stolz zu schürzen.
Am Leben kaum genippt,
versteht sie es geschickt,
mit ihren Blicken
zu bestricken
den jungen Mann.

Das junge Blut
versteht sich gut:
Und sie vergibt.
Und er sie liebt.
Und beide gehen
so jung und schön,
so froh und frei
an mir vorbei…
Der Herzen Harmonie!
Der Liebe Poesie!
O bleibt! Verschwindet nie
vom Erdenrund!

1982

Wiegenlied

Komm, mein Kind, laß dich umschlingen.
Komm auf meinen weichen Schoß.
Laß ein Wiegenlied dir singen.
Schlafe ein, schlaf sorgenlos.

Schließ die Äugelein, die blauen.
Schmiege dich an meine Brust.
Schenke mir auch dann Vertrauen
wenn von mir du scheiden mußt.

Einstmals mußt du mich verlassen:
Wenn du groß, kommt jene Zeit,
Aber Blut wird nicht zu Wasser:
Mutter deine Mutter bleibt.

Komm, mein Kind, in deine Wiege.
Mach die blauen Äuglein zu.
Alle Kinder längst schon liegen,
schlafen schon in stiller Ruh.

Nichts soll deinen Schlaf dir stören.
Friede soll auf Erden sein.
Sollst nur Gutes singen hören.
Schlaf, mein Kindchen, schlafe ein.

Schlafe sanft. Und alle Sorgen
deine Mutter übernimmt.
Schlafe friedlich bis zum Morgen.
Schlafe wohl, mein liebes Kind!

1981