Gelahrt

„Es ist am besten…“
Auf den Ruinen
     des Schicksalsweges
eines leidgeprüften
    Volkes baut er seine
fragwürdig-tendenziösen
Theorien auf und spielt
  sie als humane Gesten,
als höchste Trümpfe
des Entgegenkommens aus.
Und heißt Gelehrter…
Gewiß, gewiß,
         er ist gelahrt,
hat seinen Wissensdurst
      gelöscht-gestillt,
sich einen satten Tisch
wohl bis zum Lebensende
erfinderisch
            gesichert…
Jedoch das Schicksal
dieses Volkes ist
     ihm völlig Wurscht.
Und jedem ist es klar,
daß dies gelehrte Haus
          so manches Mal
im trüben nur gefischt
und heute heimlich
und zufrieden kichert.

27. März 1989

Der Gartenzwerg

Kling-klang,
kling-klang:
Es weckt
der Sonnenuntergang
den Gartenzwerg
aus seinem Tagesschlaf.
Das abendliche Dunkel
tut ihm wohl:
Zufrieden streckt
er die Keramikglieder
und geht ans Werk.
Und fleißig jätet
er dann nach und nach
die Rübenbeeten…
Am frühen Morgen
steht er wieder
an seinem Platz
als Gartenzierde.

12. Juli 1989

Neues? Alltäglich!

Meetings…
Erlaubt oder nicht.
Sie setzen sich durch.
Mit allerhand
Komplikationen.
Streiks…
Es gibt sie nun auch
(Wir dachten, bei uns
Sei´s nicht möglich).
Jetzt heißt´s:
Sie sind schädlich.
Für die Wirtschaft.
Das mag ja auch stimmen.

Doch warum kommt´s
zu Demonstrationen,
zu Meetings und Streiks?
Da stimmt etwas nicht.

Oder irre ich mich?                        

17. Juli 1989

Achttausendfuffzig

Als Hauswart bewährt sich
die schmächtige Frau.
Im Wohnviertel fuffzig.
Es reicht ihr die Rente
Für´s Leben nicht aus –
sie kriegt ja nur fuffzig.

So kommen denn noch
fünfundsiebzig hinzu
zu den fuffzig.
Sie hat schon von klein auf
viele Jahre geschuftet –
so gegen die fuffzig.

Ihr Mann – ach, er könnte
noch leben, doch ist er
gestorben mit fuffzig.
Sie hat einen Sohn,
der sich abgöttisch schont:
Er wird ja bald fuffzig!

Ihr Gottliebchen wohnt
in einer anderen Stadt.
Seine Sorgen er hat.
So schickt sie ihm
allmonatlich fuffzig.

Er braucht einen Wagen,
so hört sie ihn klagen.
Und der kostet –
achttausendfuffzig.

1987

Der Sinn des Lebens

Ein Eichenbäumchen fragt
die mächt´ge Eiche,
die – ihre Zweige
galamäßig ausgebreitet –
am Waldrand steht,
worin… worin der Sinn
des Lebens denn bestände.

„Wir sind ja Eichen,
               Eichen nur,
jedoch ein Teilchen
                 der Natur
und hinterlassen
eine grüne Spur –
               als Zeugen,
daß wir nicht vergebens
einstens hier gelebt.

Wir sind ja Eichen,
sind ja nicht von Stein.
Vielleicht erreichen
wir fünfhundert Jahre:
Wer lebt, der hofft.
So denke dir nun, Kleine,
Wieviel Trost und Schatten,
wieviel Sauerstoff
allein zwei Eichenbäume
der Umwelt spenden!
Vielleicht hat das allein
schon seinen tiefen Sinn,
mein liebes Kind?

Und wir? Wir legen
jeden neuen Frühling
uns einen eichengrünen
Blätterschleier um
und gleichen Bräuten drum
und freuen, freuen uns,
weil die Welt ringsum
so hoffnungsvoll gestimmt.“

22. Juli 1987

In Eintracht und Freundschaft

Die Welt ist so groß, und so bunt ist das Leben,
Daß niemand den Augenblick aufhalten kann.
Drum gehe ich gern meine eigene Wege
und wähle zur Heimstatt Zentralkasachstan.

Hier wehen die Banner des Großen Oktober
schon sieben Jahrzehnte. Und dieses Symbol
ist Ausdruck der Freiheit, die einst wir erobert:
Ein Volk, das sich müht um das Allgemeinwohl.

Euch grüßen die Sendboten der Metropole,
die Kumpel, die stolzen, die, sonnengebräunt,
zutage dort zaubern die lackschwarze Kohle,
daß wohl ihre Glut es in Frostnächten meint.

Erneut und verjüngt ist die uralte Steppe,
vom Frührot des morgigen Tages umlohnt:
Hier züchtet der Landmann bei Wind und bei Wetter
Getreide für alle – das tägliche Brot…

O nein, kein Schlaraffenland sucht auf der Karte:
Probleme und Sorgen gibt’s reichlich genug.
Und fleißige Arbeit jeden erwartet –
Die Umstellung kommt ja erst richtig in Zug.

In Eintracht und Freundschaft da wirken und leben
die Menschen und bauen zusammen ihr Heim
und gehen voll Hoffnung der Zukunft entgegen.
wo friedlich die Sonne für jedermann scheint.

1987

Es nützt auch dir!

Die selbstgebacknen Kuchen
       schmecken meistens gut.
Doch mit dem Selbst
                sei immer
                  auf der Hut.
Da gibt´s das Selbstlob,
          dessen Schimmer
              von jeher trügt.
Es packt dich heimlich
           selbst beim Kragen.
Na und der Schaden,
              den es zugefügt?
Den müssen leider alle tragen,
du selbst und deine Kameraden.
Beobachte dich selbst,
            das schadet nicht,
nur nicht im Sinne
     einer Selbsbespiegelung,
im Sinne der Verherrlichung
                        des eigenen Ich.
Und ist es auch nicht leicht
            und scheinbar gegen dich,
so fasse Mut und denke um
                        vom Ich zum Wir.
Das nützt uns allen
            und vor allem dir.

                        04.11.1985

Das eigene Ich überwindend

Ich weiß, ich muß gehen für immer.
Das wissen wir alle auf Erden.
Nur denken wir selten daran:
Es scheint ja so blau noch der Himmel!..
Wenn älter allmählich wir werden,
dann fängt erst das Nachgrübeln an.

Warum müssen alle einst gehen?..
Banal und naiv ist die Frage.
Bemessen ist unsere Zeit.
Die Tage und Jahre verwehen,
daß andere Bäume ausschlagen
als Triebe der Unendlichkeit…

Viel besser ist’s, wenn wir uns fragen,
die Schwäche des Ich überwindend,
ob alles wir heute getan,
daß Dank uns die Nachkommen sagen
und Freude am Leben empfinden
viel tiefer, als wir es geahnt.

1985

Der Brief

Du kennst deinen Großvater nicht.
Du kennst nur das einzige Foto
und den einzigen trostvollen Brief,
den heute schon ziemlich vergilbten,
den oft deine Oma im Stillen
und tränenlos weinend noch liest
zu jeder gelegenen Stunde,
in trübe Gedanken vertieft.
Der Brief – er ist Zeuge und Bote
der Schmerzen vergangener Zeiten,
der heute noch offenen Wunden,
die nimmer vernarben und heilen…

Im Jahre einundvierzig noch war es,
als brutal unser Land überfielen
die faschistischen Raubmörderscharen…
Eure Großväter wurden Soldaten.
Und sie zogen, ganz jung, in den Krieg,
denn vom Feind war die Heimat bedroht.
Und sie kämpften auf Leben und Tod…
Doch so viele Soldaten, so viele,
sind für immer im Felde geblieben:
Daß die Kinder heut sorgenfrei leben.

1985

Was gut daran ist

Als ich noch klein war,
war ich eben klein.
Als ich dann größer wurde,
blieb ich wieder klein.
Solang ich groß nun bin,
ist alles so geblieben.
Fatal und bitter?
Das bleibe, wie man sagt,
dahingestellt.
Doch eins ist sicher
gut daran: An Größenwahn
hab‘ nimmer ich gelitten.

1985