Gefährlicher Reichtum

Der fette Hamster strich
zufrieden seinen Bauch:
„Du, Biber, siehst, dass ich
viel mehr hab, als ich brauch.

Ich klau mir Mais und Roggen
und Weizen, Hanf und Lein;
ich esse Mohnpiroggen
und trinke guten Wein.“

Darauf mit frechen Zwinkern:
„Wir können ja eins trinken…“
Da wendet sich der Biber:
„Ich trink zu Hause lieber.

Denn wenn du es so weitertreibst,
daß du dann schließlich stecken bleibst
in einer Hamsterfalle –
das wissen wahrlich alle.“

Der kleine Prahlhans

Hänsel liebt zu prahlen ständig:
„Ich bin stark wie ein Athlet,
Kann auch singen und auswendig
Verse von Barto und Fet.“

Dort im Hof, am Blumengarten
Spielen Kinder, Hand in Hand:
Singen Liedchen, malen Karten;
Bauen Häuser schön im Sand.

Hänsel nur will dort nicht spielen,
Meint, er könne alles schon:
„Bleibt allein mit eurem Wühlen!“
Nimmt sein Rad und läuft davon.

Müllers Fritzchen, etwas jünger,
Kam Klein-Hänsel ind die Quer`.
„Aus dem Weg du, kleiner Springer,
Stör beim Fahren mich nicht mehr!“

„…Hänsel, sag was ist geschehen?
Wer hat dir was angetan?“
Doch er will es nicht gestehen,
Fängt beinah` zu weinen an.

„Sag, wer hat dein Hemd zerrissen,
Dir das Auge blau gemacht?“
„Fritzchen hat mich hingeschmissen
Und dabei noch ausgelacht!“

Heute ist der Erste Mai

Lasset Friedenstauben schweben,
Friedenslieder aufwärts streben,
unbeirrbar, kraftvoll, frei –
heute ist der Erste Mai!

Hoch die Banner, laßt sie wehen,
wollen in Kolonnen gehen –
groß und klein, herbei, herbei,
heute ist der Erste Mai!

Wollen uns zum Sprechchor reihen,
dass die Worte hörbar seien:
Nimmer reißt das Band entzwei,
das geknüpft am Ersten Mai!

Wenn die Völker draußen sehen,
wie gestählt wir vorwärtsgehen,
bröckelt ihre Sklaverei,
siegt auch dort der Erste Mai…

Frühlingsstanze

Der junge Frühling dichtet grüne Stanzen,
wo jede Zeile ins Vertrauen mündet,
wo jeder Takt ein Zeichen guter Chansen,
wo jedes Wort den Sinn des Seins ergründet,
wo jede Silbe schon – als Teil des Ganzen –
Vollendung und Vollkommenheit verkündet:
Das Frühlingsgrün trägt Hoffnung in die Waben,
damit wir Glück im herben Herbst noch haben.

                                   23.März 1987

Schleierkraut

Ohne heimatliche Fluren,
ohne Ältervaterspuren,
ohne die vertrauten Lieder,
die die Mutter an der Wiege
dir vor Jahr und Tag gesungen,
ohne Volkskunst-Zeuberbrunnen,
ohne deinen Mutterlaut –
gleichst
            du wohl dem Schleierkraut,
das der Wind von Ort zu Ort
treibt,
wenn`s hoffnungslos verdorrt.
                                   1988

*** (Wenn auch scheinbar)

Wenn auch scheinbar
bildarm ein Gedicht,
aber aus dem Ganzen
sich ein Bild ergibt,
so verachte, Kritiker,
es bitte nicht.

                          13. Juli 1988

Doping

Gehorsam war Hans. Und devot.
Verdiente sich ehrlich sein Brot.
Da wurde ein Mittel erprobt:
Der Hans wurde tüchtig gedopt.
Drauf hat er geflucht und getobt.
Man hat ihn dafür noch gelobt.
So wurde er vorlaut und grob,
verstieß gegen jedes Verbot…
Ja, man hatte
            ein Doping verwendet,
um im Menschen
      das Menschsein zu schänden.

2. Februar 1988

Dort auf dem Lande

Klein ist das Dorf,
aber groß sind die Fluren,
         die grünen und blühen:
Sorge und Mühe und Fleiß –
Taten, vom Landmann vollbracht.
Wieder erklingen
ergreifend die Stimmen
         des reifenden Sommers:
Lieder, vom Mai komponiert;
Bilder, vom Juni geprägt.
Saftig und grün
sind die Gräser und duften
         und rascheln im Winde:
Heu wird geerntet genug –
Kindern verlangt es nach Milch!
Hoffnungsvoll träumen
im Juli die Felder
          der trockenen Steppe,
Regen ersehnen sie heut:
„Oh, du erfrischendes Naß!“
Kündigt sich an
ein Gewitter und geht es
         dann nieder mit Regen,
lächelt der Bauer verschmitzt:
Mühsal, mit Hoffnung bezahlt!..
Tage und Nächte hindurch
wird geerntet –
         gemäht und gedroschen:
Weizen vermacht der August –
Sommerkorn, golden und schwer.
Reich sind die Gaben
der gütigen Sommerzeit
          dort auf dem Lande…
Darum besingt jedes Lied
Sommer und Landmann zugleich.

6. Mai 1987

Deine Jugendzeit

Vieles verspricht
deinem Frohsinn das Leben,
          solange der Frühling
Lieder und Flieder vergibt,
Blumen und Bläue verteilt.
Zärtlich-zerbrechlich
und dennoch allmächtig
           sind deine Gefühle;
Sonne strahlt aus dein Gemüt:
Freude, die himmelwärts eilt;
Bilder, die später
die Wolken durchbrechen,
           Erinnerung werden –
leuchtende Farben im Herbst,
Nelken, die niemand dir nimmt.
Segen der Sonnenball
sendet und Strahlen,
        die aufnimmt die Erde,
daß deine Wiese erblüht,
dort deine Stimme erklingt.
Schön ist die Jugend,
und schön ist die Liebe
     und schön ist das Leben –
schön,
    weil dein Ackerfeld grünt,
schön,
    weil dein Garten beblümt.
Anmut und Aufwand
umarmen einander,
    die Weiten durchwandern –
Mühe und Mut kostet’s viel:
Weit ist der Weg bis zum Ziel.
Stolpert und strauchelt
auch manchmal der Glaube,
        ergibt er sich nimmer,
stets denn zu ringen bereit,
wie es verlangt seine Zeit…
Kündigt sich an
dann ein Sommer mit Sorgen
         und Wolken am Himmel,
weißt du,
     was schwarz und was weiß,
weißt du, was Willenskraft heißt.

                                     24. Mai 1987

Allein und verlassen

Ballade

Dumpfe Hoffnungen schwellen
in der Seele der Mütter,
die, allein, sich zerquälen,
vom Verhängnis erschüttert…

           ***
Sie erwacht aus dem Schlaf:
Ach, wie schön war der Traum!
Wird der heutige Tag
sie erfreuen? Wohl kaum…

Die Gefühle entflammen!
So ein Traum, solche Bilder:
Sie war wieder zusammen –
mit dem Mann und den Kindern…

Hat sich niemals geschont,
sie gepflegt und geherzt…
O wo bleibst du, mein Sohn,
du mein Stolz und mein Schmerz?..

Warum schweigst du, o Tochter?
Ist dir Leid widerfahren?..
Hab das Haar dir geflochten
heut im Traum wie vor Jahren…

Wie vereinsamt, allein
und verlassen ich bin!..
Habt ihr Herzen von Stein,
wo mein Blut drin gerinnt?!

O so laßt mich nur leiden
und lebt wohl, meine Kinder!
Denn ich weiß, ich muß scheiden
und vergeb euch die Sünden…

            ***
Ein Gemüt ist erstarrt,
ist vor Kälte verkohlt…
Hat gehofft und geharrt,
bis der Tod es geholt.

24. Dezember 1987