Wanderleben

Weißt nicht, was die Wolken wollen?
Ob sie lächeln oder grollen?
Ob sie nur ein bißchen tollen
und sich in die Ferne trollen?

Ob sie ihren Zug versäumen?
Ob sie dann vor Ärger weinen?
Ob sie ihre Träume träumen
und ein Wolkenlied schon reimen?..

Laß die weißen Wolken segeln,
laß die schwarzen Wolken schweben:
Freude macht das Wanderleben –
ob als Neuschnee oder Regen.

7. November 1988

Einvernehmen

„Du liegst und döst
und pennst. Da schlägt
es aber dreizehn.
Ich steh um fünf
schon auf, mein Kind“,
muß Opa seufzen.

„Ist´s denn zu spät,
wenn´s dreizehn schlägt?“
fragt Ännchen  diebisch.
„Die Morgenstund
hat Schlaf im Mund
und gähnt so lieblich…“

Und Ännchen hüpft
vom Bett geschickt
und haucht: „Da bin ich.“
Und Opa nickt
beglückt und küßt
sein Ännchen innig.

8. November 1988

Der Nachwuchs

Für Waldemar Weber

Na ja… Die Gedichte,
die die sowjetdeutsche Poeten
           zu schreiben pflegen –
sie muteten an
               wie ANACHRONISMEN.
Das behauptet nun Waldemar Weber.
Und vielleicht hat er recht,
             der zweifelnde Mann.

Und er wendet sich nachdrücklich
ja an den Nachwuchs,
    an die blühende Generation…
Dabei sind die jüngsten
                        davon –
zwei-drei an der Zahl –
    zwischen vierzig und fünfzig.

Aber das macht nichts:
Die Traditionalisten –
                       sie sind
alle fast siebzig
                  und achtzig…
Und die Avantgardisten –
sie wachsen,
        wenn auch verspätet,
              allmählich heran…

Nur befürchte ich sehr,
                es wird bis dahin
der knospige Waldemar Weber
        allem Anschein nach
  wohl selber ein ältlicher Mann.

7. Juli 1988

Des Frühlings Wiederholung / Es hat noch Zeit

Der Herbst der Frau, figürlich gesagt,
verhaspelt die Sinne, verschränkt die Gedanken,
verwickelt die innere Welt der Frau:
Ob wirklich nun alles vorbei?

Das Baby, das heute gebohren,
den Teenager mit und die Frau –
sie alle (so will es das Schicksal)
erwartet der launische Herbst.

Doch hab keine Angst,
mein Baby, und du, mein Mädchen,
und du, herzliebste Frau!
Der Herbst – er sei dir fern!
Und sollt‘ er einstmals kommen –
auch diese Jahreszeit
hat ihre lichten Farben!

Siehst du:
Draußen jubelt der Winter
in seinem Silberflockengewand –
auch er hat seine Leidenschaft
und tut sein weißes Wunder.

Doch väterlich warm wird sein Lächeln,
wenn ihn der stattliche Frühling grüßt,
der Einzug hält mit seinem grünen Wunder,
da alles wirkt und webt und Sinfonien komponiert,
von Dank erfüllt für das Erwachen der Gefühle.

Und dann im Rosenmonat, zieht
triumphgekrönt der Sommer ein:
kornblumenblau und sonnenblumengelb.
All seine Seeligkeit und Wonne –
sie liegen wohl im Hingezogensein
zu ihm und zu den zarten Blumen
(der großen Liebe Pfand!)
und im Befriedigtsein der Seele.

So hab keine Angst,
mein Baby, und du, o Mädchen,
und du, herzliebste Frau!
Der Herbst – er sei dir fern!

Wieder und wieder, tausendmal wieder
soll dir dein Frühling erscheinen,
das herbstliche Bangen durchflutend
mit sonnigem Vorsommerblau!
Wieder und wieder und tausendmal wieder
sollst du den Sommer ersehnen,
den Sommer der reifenden Felder,
den Sommer zu zweit, den Sommer
des seligen Einseins mit ihm!

Und mit dem Herbst…
Ach, mit dem Herbst…
Oh, mit dem Herbst
hat’s noch Zeit!
Und sollt‘ er einstmals kommen –
auch er, der Herbst,
hat seine Frühlingsfarben!

In deinem Herbst
wirst du dich wiederholen
glückseliger denn je!

                                 1978

Blumen überall

Ein langer Weg ist unser Leben –
ein Dauerflug, ein Aufwärtsstreben
mit Tiefen und mit lichten Höhn.
Ob Sonnenschein, ob trübe Tage:
O Leben, du bist wunderschön!

Wir gehen stolz durch breite Straßen.
Was sie verjungt heut ohnemaßen,
sind Licht und Menschenfreundlichkeit;
sind Wagemut und kühne Träume,
die jenen langen Weg umsäumen,
dem Kraft und Können wir geweiht.

Wir werden älter mit den Jahren.
Es kann uns nichts davon bewahren:
Der Zahn der Zeit selbst Stein zermahlt.
Allein, wenn dank den vielen Mühen
auf Erden Blumen rings erblühen,
macht sich der lange Weg bezahlt.

Blumen und Blumen, Blumen überall –
deiner und meiner Jugend Widerhall.

1977

Die Väter, die Söhne, die Enkel

Auf dem Schlachtfeld in blutigen Kämpfen
ward errungen der ruhmreiche Sieg…
An die Lebenden mahnen die Toten,
daß es nie wieder komme zum Krieg.

Die Soldaten der vierzigen Jahre,
die die Menschheit vom Todfeind befreit, –
sie vertrauen den Söhnen und Enkeln,
daß nun die Erde vor Bösem gefeit.

Im Betrieb, auf dem Feld, auf den Bauten,
an der Grenze – bei Tag und bei Nacht
steht die Jugend der siebziger Jahre
wie die Väter verläßlich auf Wacht.

Wo wir heute den Frieden genießen,
wer vergißt jene schreckliche Zeit!
Wer gedenkt nicht der vielen Millionen,
die gefallen im heiligen Streit!

Auf des Festlandes endlosen Weiten,
in der Luft und auf wogender See
unser friedliches Leben beschirmen
die Soldaten der Sowjetarmee.

1977

Was ist die Frau?

Was ist die Frau?
Woher ist sie gekommen?
Warum ist der Mann
ohne Frau so beklommen?

Was ist die Frau?
Wo führt sie uns hin?
Warum liegt die Frau
uns so oft im Sinn?

Was ist die Frau?
fragt der Verzagte.
Was ist die Frau!
klagt der Geplagte.

Was ist die Frau?
stöhnt der Verschmähte.
Hm, was die Frau ist?!
höhnt der Vermählte

Was ist die Frau!
haucht der Bestürzte.
Was ist die Frau!
faucht der Verkürzte.

Hä, was die Frau ist!
schauert’s den Kalten.
Tja, was die Frau ist!
bedauern die Alten.

Wo meine Frau ist!
sucht der Verhöhnte.
Wo nun das Mensch ist!

flucht der Verpönte.

Was eine Frau ist!
staunt ihr Behüter.
Was eine Frau ist!
raunt der Gebieter.

Ha, was die Frau ist!
sprudeln Verliebte.
Oh, was die Frau ist!
jubeln Geliebte.

…Was eine Frau ist,
sagt euch der Kenner.
Was eine Frau ist –
fragt nur die Männer!

1986(?)

Das Autogramm

Du bittest um ein Buch von mir, Tatjana.
Und – wie es Brauch ist – um ein
                              Autogramm…
Das ganze Leben steht man im Examen:
Der lange Weg verlangt den ganzen Mann.
Für euch, die junge Generation,
stehn alle Türen in die Welt des Neuen offen.
So wählt denn euren Weg nun unerschrocken:
Am Himmelsbogen leuchtet schon
      der gute Stern und läßt euch hoffen.
Die Sonne eurer Jugend steigt empor
               am friedlich-blauen Himmel:
Die junge Welt – sie singt ihr Lied im Chor
                        mit Millionen vollen Stimmen.
Und dort am Horizont flammt auf
            als fernes Wetterleuchten
            schon das Jahr ZWEITAUSEND…
In deinen steilen Zeilen,
in eurer Unrast, eurem Tun und Treiben
            höre ich die Brandung brausen –
die Wogen der Begeisterung
            für jene lichten Weiten,
die ihr – als Kider – heute
noch nicht ergründet, nicht erschlossen.
Drum richtet euren Forscherblick
voll Zuversicht ins Morgen immer wieder
und wagt kühn und ringt mit Tatendrang
um euren hellen Zukunftstraum
            um Eintracht und um Frieden.
Denn für das Menschenglück,
         Tatjana, muß man ständig kämpfen.
Und mögen eure schönen Kindheitsräume
                     in Erfüllung gehen!..
Das wäre nun mein Autogramm.
      Na und ein Buch… Wir werden sehen.
Ich will es gern dir schenken,
      doch muß es erst ja noch erscheinen.

1986

Finden Menschen zueinander

„Weinst und weinst, o Trauerweide.
Sag, was ist mit dir geschehn?“
Doch sie möchte es vermeiden,
ihre Leiden
zu gestehn…

„Komm, ich tupfe dir die Tränen
von den langen Wimpern sacht:
Deinen Kummer, all dein Sehnen,
oh, du Schöne
mir vermach!

Willst du dich unendlich plagen
und allein durchs Leben gehn?
Laß das An-sich-selbst-Verzagen –
und die Tage
werden schön!

Komm, ich will dir deine Sorgen
mildern und dein Herzeleid,
will dir meinen Frohsinn borgen,
dass dein Morgen
dich erfreut.“

…Finden Menschen zueinander,
ist das mehr als schweres Geld:
Aus dem Irrtum auferstanden,
froh sie wandeln
duch die Welt.

1982

Birken

Weißes Schweigen weit und breit.
Schneeverwehte Winterzeit.
Kalte Stille. Schnee und Eis.
Kahle Birken, schleierweiß.

Zweifel? Innrer Widerstreit?
Kummer, Schmerz und Einsamkeit?
Sehnsucht und Versunkenheit?
Träume, Wehmut? Herzeleid?

Mut trotz rauher Wirklichkeit!
Freude, wenn auch tief verschneit!
Glaube an Gerechtigkeit!
Zuversicht in schwerer Zeit!..

Kahle Birken, blendendweiß…
Oh, ihr Lebensdrang ist heiß!
Dann, im grünen Frühlingskleid,
stolze Hoffnung sie erfreut!

29.12.1985