Stufen der Brutalität

1. Mutig sei Hänschen?
   Es faßt ja ein Mäuschen
   gelassen am Schwänzchen
   und macht sich Pläsier.
   Nichts, was da Hänschen
   ein klein bißchen rührt.

2. Hänschen ist längst
   ein halbstarker Hans.
   Kaltblütig nimmt er
   die Katze am Schwanz
   und macht sich Pläsier
   und hängt sie dann auf.
   Ob er ein menschliches
   Rühren nicht spürt?

3. Hans ist jetzt groß
   und stark wie ein Tier
   und brüllt wie ein Stier,
   verprügelt die Mutter
   und wirft sie hinaus
   aus dem eigenen Haus…
   Kein menschliches Rühren
   im Innern er spürt.

27. August 1987

Freudenfest

Zärtliche Dingerchen
sind jene Fingerchen!
Nesteln am Herzen dir,
lindern die Schmerzen dir,
zärteln und streicheln
weg deine Zweifel.
Hinweg.

Oh, sie bemühen sich
und unterziehen dich
gern einer Probe auch,
ob du die Wogen brauchst –
Wogen der Freude
statt deiner Leiden.
Anstatt.

Ach, und sie schenken dir
ohne Bedenken hier
jene Erinnerung,
die dich für immer nun
hoffen und träumen läßt:
Komme, mein Freudenfest!
Komme!

                             1. Juli 1987

Quell des Schönen

Wem gehört der Regenbogen?
Wem vor allem? Allen Kindern!
Daß die Harmonie der Farben,
die sie sich herunterholen,
sich entfaltet allenthalben.
Daß den Quell, den bergetiefen,
all des Guten und des Schönen
sie versuchen zu ergründen.

Wem gehören Wald und Wiese?
Wem vor allem? Allen Kindern!
Daß sie singen dort und spielen.
Daß sie hören, sehn und fühlen,
wann und wie die Träume reifen,
die sie dann als Kostbarkeiten
auf den weiten Weg mitnehmen
und als Kindheit nachempfinden.

30. Juni 1987

Katharina

Katharina, Katharina
(„Meine kleine Signorina!..“),
wär das Heute wie das Gestern,
wär das Gestern erst das Heute,
wären wir so jung geblieben
wie vor vielen, ach so vielen
Jahren, Jahren, fernen Jahren,
als wir beide Kinder waren, –
wären keine alten Leute…
Nur den Lauf der Welt nicht lästern!..
Oh, ihr Träume, meine Träume!
Katharina, meine Kleine,
Katharina, du, „die Reine“,
nur nicht weinen, laß das Weinen!

Katharina, Katharina
(„Meine kleine Signorina!..“),
nur im Traum, im Traume fühlen
wir uns wieder klein und spielen
sorgenfrei auf Feld und Wiese,
die im Frühling üppig grünen;
nur im Traum, im Traume fühlen
wir uns wieder jung und lieben
uns so heiß und so verschwiegen,
oh, und lieben, oh, und lieben
so das Leben, dieses Leben,
das uns einmal nur gegeben,
wie in jenen schönen Fahren,
als wir beide jung noch waren.

Katharina, Katharina!..

27. Januar 1987

Zweimal lebt man nie

Hü, mein Pferdchen, hü!
Vorwärts. Gib dir Müh.
Zieh dein Wäglein, zieh.

Weil ein Pegasus –
was dir gut bewußt –
ständig schuften muß…

Sag, was hast du bloß?
Sei mir nicht moros.
Denn es ist dein Los.

Trage deine Last.
Ohne Ruh und Rast.
Bis dein Stern verblaßt.

Hü, mein Pferdchen, hü!
Strauchle nicht zu früh.
Zweimal lebt man nie.

5. August 1987

Ewig

Wozu denn verzagen?
Es gibt nichts zu klagen.
Du weißt, daß wir waren.
In zeitfernen Jahren.
Daß heute wir sind.

Du weißt, daß wir bleiben.
Auch dann, wenn wir scheiden.
Als Kummer und Freude.
Als Wiesen und Weiden.
Als Regen und Wind.

Und hochsinnig weben
am Webstuhl des Segens
die Sorgen das Leben,
dem Glauben ergeben,
daß ewig es währt.

Und wenn auf den Wiesen
die Veilchen ersprießen,
so wissen wir wieder:
Noch klingen die Lieder,
die einst wir gehört.

25. Juni 1987

Im Park

Es wundern sich die Bäume –
die großen und die kleinen -,
daß manchmal Kinder weinen
im Park hier ohne Grund:
Gestammel, laut und hastig…
Vielleicht ist´s schlaue Taktik?
Vielleicht ist´s bloß Gymnastik
für Kehle und für Mund?..
Wann schweigst du,
              Frizchen, endlich?
Es ist dir hier zu heiß?
Ach so. Na ja. Verständlich.
Es geht ums Speiseeis!

20. Mai 1987

Der Leimsieder

„Ich halte nicht Schritt
            mit der Zeit?
Wozu dieser Streit?
Ich komme nicht nach
    und möchte gern mit.“
So rechtfertigt sich
   der Leimsieder Schmidt
und schlürft aus dem Glas
    ein Weinbrandgemisch.
„Ich werde beneidet
     und werde beleidigt,
ich werde gestriegelt
   und werde gewichst…“

So ist das: Er meint,
   man ginge ihm wieder –
piep, piep! –
            auf den Leim.

27. Juli 1988

Der auserwählte Freier

Ihm ist ein Stein,
                ein großer Stein
vom Herzen heut gefallen.
Er hat gelacht und hat geweint,
und die Gefühle wallen.

Alwine schreibt,
           o Gott, sie schreibt,
daß er ihr längst gefalle,
daß sie ihn liebt für alle Zeit,
den guten alten Narren.

Gewiß, auch sie
           ist nicht mehr jung –
vielleicht so an die sechzig…
Ob Liebe überhaupt verstummt,
wenn innig sie und echt ist?..

Er ächzt und krächzt,
            es stockt sein Sinn:
„Verzeih, mein Herz, verzeihe!..
Ich fahre zu Alwinchen hin –
als auserwählter Freier!“

20. Februar 1988

Was wem behagt

Wenn Wein oder Wodka
       oder Brandy sogar –
und in großen Mengen! –
           getrunken wird,
Dann ist es klar,
dann braucht der Geruch
           nicht unbedingt
definiert zu werden.
Und was gewinnen
        dabei die Sinne?..

Ein anderer trinkt
          am allerliebsten
Tee oder Kaffee.
Dann breitet sich aus
        ein pikantes Aroma
im ganzen Haus –
    ein köstlicher Duft!..

Ein dritter aber
        trinkt viel lieber
die würzige Luft
          in vollen Zügen.
Und seine Augen trinken
   die Schönheit der Natur
im Sommer und im Winter.

10. Februar 1990