*** (Ich liebe es,)

Ich liebe es
an deines Blickes
blauem Blau
mich zu erquicken.
Doch deine Augen
sind es nicht allein,
die mich bezaubern.

Ich liebe es,
an deines Mundes
rotem Rot
verträumt zu nippen.
Doch deine Lippen
sind es nicht allein,
die mich berauschen.

Was mich entzückt?
Es ist die Anmut
deiner Seele,
die mich bestrickt.
Es ist die Güte
deines Herzens,
die mich beglückt.

Parade der Fragen

Das Leben ist
ein Urwald
von lauter Fragezeichen.
Und wenn es dir gelingt,
den großen auszuweichen,
im Nu die kleine
mit feiner List
und rücken zur Parade aus
in kurzer Frist.

Warum?
Warum, sag, erblühen
Millionen von Bäumen
so farbenfroh-bunt?
Warum ist die Erde
nicht kugel-, nicht kreis-.
sondern eiförmig-rund?
Warum sind die Fische
bis heute noch stumm?
So sag mir, warum?

Weshalb?
Weshalb sieht vor Bäumen
man oft nicht den Wald?
Weshalb sind die Starken
mitunter recht schwach
und die Schwachen recht stark?
Weshalb sind die Farben
im Sommer und Winter
bald warm und bald kalt?
So sag mir, weshalb?

Wann?
Wann singen die Wellen?
Wann ruhn die Forellen?
Am Tag? In der Nacht?
Wann glänzt die Libelle
in farbiger Pracht?
Wann sammelt das Eichhorn
sich Beeren? Wann Pilze?
Wann Zapfen im Tann?
So sage mir, wann?!

Wo?
Wo endet die Ferne?
Wo schlafen die Sterne?
Wo kann man das Sandmännchen
finden am Tage?
Wo legt seine Eier
zu Ostern der Hase?
Wo singen die Spinnen?
Im Heu und im Stroh?
So sage mir, wo?

Woher?
Woher kommt die Erde?
Woher kommt das Feuer?
Woher kommt das Wasser?
Woher kommt das Meer?
Woher kommt die Luft?
Und im Garten der Duft?
Woher kommt das Was?
Und woher kommt der Wer?
So sag mir, woher?!

Wohin?
Wohin eilt der Frühling?
Wohin eilt der Sommer?
Wohin eilt der Tag
mit den wirren Gefühlen?
Wo eilen sie hin?
Wohin eilt der Regen
auf sonnigen Wegen?
Wohin eilt der Sinn?
So sag mir, wohin?!

Wie?
Wie kann man dem Freund
seine Mühe vergüten?
Wie kann man die Seele
vor Trägheit behüten?
Wie klingen die Töne
der Farbenharmonie?
Wie leuchten die Farben
der Volkspoesie?
So sage mir, wie?!

Wieviel?
Wieviel musst du wachen,
um dein Pensum zu schaffen?
Wie viel kannst du geben
des Guten und Schönen
den Menschen im Leben?
Wieviel musst du leisten,
bis dass du erreichst denn
das lohnende Ziel?
So sag mir, wieviel?!

Was?
Was rinnt und was rieselt
so klar durch die Wiese?
Was träumen im Garten
die Apfelbaumblüten?
Was raunen die Felder?
Auf sie ist Verlaß?
Was bringt uns der Schneewolken
kostbares Naß?
So sag mir, was?!

Wer?
Wer schafft in der Frühe,
wenn der morgen erst graut?
Wer gibt sich viel Mühe,
dass friedlich der Himmel
für jedermann blaut?
Wer fliegt zu den Breiten
der kosmischen Weiten?
Wer fragt da nicht mehr?
So sagt mir nur, wer?!

Das Leben ist
kein Urwald.
So manch Geheimnis
ist gelüftet.
Noch mehr erfährst,
mein Freund, du bald,
wenn eindringst du
in die Geschichte
der Menschheit und Natur,
die abertausend Jahre alt.

Laß mich in die Zukunft blicken

Wieder ist der Schnee vergangen.
Und die Sonne strahlt und glüht.
Nach dem winterlangen Bangen
neues Leben rings erblüht.

Wieder Vogellieder schallen.
Dennoch fühl ich mich beklemmt.
Sag, was ist dir eingefallen?
Sag, mein Herz, was dich beengt?

Sind es bloß Gedankenspiele?
Sind es Worte der Vernunft?
Sind es heimliche Gefühle,
die die Zeit hat abgestumpft?

Sind die Klänge all verklungen?
Ward dir Gleichmut aufgezwängt?
Sind die Lieder all gesungen,
die das Leben dir geschenkt?

Laß dich, Herz, nicht niederdrücken,
wo die Hoffnung sich noch regt!
Laß mich in die Zukunft blicken,
bis die letzte Stunde schlägt!

Frühling

Wenn nach langem Schlaf die Erde
dich mit warmem Blick empfängt;
wenn der Fluß mit Riesenstärke
seinen grauen Panzer sprengt;
wenn das Feld, das winterkahle,
sein Gewand smaragden schmückt;
wenn die Sonn´ mit ihren Strahlen
dich umarmt und an sich drückt;
wenn aus den erwachten Trieben
Duft und neues Leben quillt;
wenn du schon vergehst in Liebe
und die Hoffnung sich erfüllt, –
ja, dann wird die Frühlingszeit
zauberreiche Wirklichkeit!

Die alte Uhr

Stund um Stunde
geh und sinn ich
nach und frag mich oft:
Was bin ich?
Wenn es dreizehn schlägt,
dann find ich
schnell die Antwort:
Eine Uhr!

Heute geh ich,
morgen steh ich,
weil man mich
nicht aufgezogen.
Heute tick ich,
morgen schickt mich
gern der Hans
zu iner Kur.

Er behauptet,
und man glaubt es:
Fast um eine …
runde Stunde
hätt´ den Hannes
ich betrogen.
Also wär´ ich
wohl kaputt.

In dem Laden
ist gerade
eine Schau
von alten Uhren.
Denk ich bange:
Gut, dass Hannes
mich nicht warf
sogleich zum Schutt.

Uhren hängen
hier in Mengen.
Aber alle
Uhren gehen!
„Sollt mal prüfen,
was passiert ist
mit dem Ührchen.
Bleibt oft stehn.“

Nimmt der Meister
seine Beißzang,
macht mich auf
und schaut hinein:
„Ist ein Rädchen
mit ´nem Drätchen
festgebunden,
wie mir scheint.“

Beißt das Drätchen
ab vom Rädchen,
zieht mich auf
und lässt mich gehen.
Und ich ticke
mit Entzücken,
und ich schlage
hell und schön.

Und er schmiert mich,
repariert mich
noch ein bisschen,
sagt dann aus:
„Schon in Ordnung,
liebes Müttchen,
geht nur schön
damit nach Haus..“

Sagt die Oma
laut und froh da:
„Seht, die Uhr
ist wieder ganz!
Brauchst dich micht mehr
zu verspäten
jetzt zur Schule,
lieber Hans!“

Tick und tack
und immer wacker
Tag und Nacht
Dieselbe Tour…
Ohne Sorgen
schläft der Hannes
bis zum Morgen,
denn nun hat er
wieder seine
Pendeluhr.

Und wer ist schuld daran?

Rosinen aus dem Kuchen klauben –
das kann der kleine Wicht.
Da leuchten seine blauen Augen
so hell und grell,
so hell und grell,
so hell und grell und licht.

Doch soll er selbst den Schuh´ anziehen,
so schmerzt ihm gleich der Kopf,
und aus den Sonnen, die verglühen, –
ein Wässerlein,
ein Wässerlein,
ein Wässerlein schon tropft …

Es gibt dafür vielleicht gar Gründe,
die selber Schuld daran!
Wer könnte wohl ein Jungchen finden,
das alles gleich,
das alles gleich,
das alles gleich auch kann?!

Drei Gebrüder

Wie drei Vögel fliegen sie vorüber:
Drei Gebrüder – März, April und Mai.
Jeder hat sein eigenes Gefieder,
jeder singt beflügelt seine Lieder,
jeder macht sein Tagewerk einwandfrei.
Und zusammen weben sie den Frühling
Tag und Nacht in ihrer Weberei:
Wieder sollen Feld und Wald ergrünen,
duften soll für uns erneut der Flieder …
Nie vergeuden sie ihr kurzes Leben,
schnell und fleißig wirken sie und weben –
die Gebrüder – März, April und Mai.

Zehrender Kummer

Wenn Hoffnungsstrahlen
            meinen Blick verklären,
so träume ich von Dir, mein Wolgaland:
Wie schön es wäre,
            wenn daheim wir wären!..
Doch trennt uns eine Felsenwand:

Die stumpfe Willkür
            will von uns nichts hören,
von jenem Kummer,
            der mein Volk bedrückt…
Soll die Erniedrigung
            denn weiter währen,
damit für alle Zeit
            sein Traum erstickt –
der Traum,
aus der Verbannung heimzukehren,
um brüderlich
            dort Freud und Leid zu teilen
und Gleiche unter Gleichen
            dort zu sein?..

Doch heißt´s,
            wir sollten uns zumTeufel scheren!
Es gäbe hier für Fremde keine Bleibe,
es gäbe hier für Deutsche kein Daheim!

                        19. Juli 1990

Wo deine Wiege stand

            Diesiges Wetter,
            verchleierte Berge.
            Alles mit Nebeldunst
            trostlos verhüllt.
            Düstere Stimmung.
            Gewitter verheißend.
            Seufzen und Stöhnen,
            von Trübsinn erfüllt…

Es siedelten um – die Gebrüder
Johannes und Christian Lieder,
jeder mit seiner Familie –
wie sie hofften und glaubten
und wies´s in den Briefen auch hieß –
nach dem Westen hin – ins Paradies.

Es gab eine Tante,
eie blutsverwandte,
die aus der Ukraine herstammte
und die es während des Krieges
nach Deutschland verschlagen.
Die Tante war alt und zählte die Tage,
die ihr noch geblieben.
Sie hatte nicht viel und nicht wenig
(ihr gehörte der Reichtum persönlich):
eine Rente, ein Häuschen, ein Gärtchen
und Kleider und Schuh´
und dazu –
einen Wagen.
Es war also alles vorhanden.

So lässt denn die Tante
Ihre fernen Verwandten,
die in „Armut und Not“ – wie es heißt –
in Rußland dort leben,
hinüberkommen, um ihnen
Zuflucht und Obdach zu geben.

Das Wunder… Das Himmelreich auf Erden…
Und der Preis dafür?
Alles erfährst du ereinst –
wenn es schon zu spät,
wenn vereinsamt du weinst.
Angekommen im gelobten Lande,
wirst, Heimkehrer, vorerst
im Aufnahmelager du landen,
wo man dir alles verspricht.

(Hab´ keine Angst:
Ein Konzentrationslager ist es ja nicht.
Die Menschen – wenn auch konzentriert,
doch vorläufig nur isoliert.)
Wer weiß, wie lang du dort bleibst.
Doch hoffentlich nicht zu lange.
Du kommst mit den Nächsten –
Wenn sie es wollen – schließlich zusammen.

Du musst dich vor allem
an das Gute und Schöne
und an die „Freiheit“ gewöhnen.
An die Sitten und Bräuche,
die als gewesener Sowjetdeutscher
du weithin vergessen.

Und die Verwandten?
Die Onkel und Tanten?

Na, wie man es nimmt.
Am meisten sind sie,
wenn endlich du drüben,
dir gegenüber
nicht mehr so gastfreundlich
wie in den Briefen,
die sie eins geschrieben,

Es lohnt sich auch nicht sie zu tadeln;
Sie allesamt haben
ihre eigenen Freuden und Sorgen und Plagen,
jeder empfindet für sich seinen Harm –
der eine zu reich und der andere zu arm…
Noch gut, wenn du Arbeit gefunden
Im Lande des „Wirtschaftswunders.“

Du wirst es allmählich begreifen
und den misslichen Zustand erfassen:
Da stehst du allein in der Fremde –
vereinsamt, vergessen, verlassen…
Du ließest dich nun mal betören…
Deine Hoffnung ist leicht zu zerstören:
Du findest deine Lage empörend,
doch will deine Klage niemand erhören…
Schwindene Jahre.
Versiegende Hoffnung.
Nagender Kummer.
Und Unheimlichkeit.
Gähnende Leere.
Verwirrte Gedanken.
Sehnsucht und Heimweh.
Verzehrendes Leid…

***
Nun fühlst du erst, was du verloren:
Dein Zuhause. Wo einst du geboren.
Deine Arbeit, deine Freunde.
Deinen Skrupel und Zweifel.
Das Mitgefühl und das Verständnis.
Deine Pflichten und Rechte.
Die Sorge um dich. Deine Zuversicht.
Die Welt deiner Jugendträume.
Die knospenden Frühlingsträume.
Die heilige Stätte deiner glücklichen Liebe.
Den Morgentau dort auf der Wiese.
Die Apfelbäume voller Blüten.
Das Zwitschern der Vögel im Garten.
Das Summen der emsigen Bienen.
Die Bläue des friedlichen Himmels.
Der Kinderschar fröhliche Stimmen.
Die Kühle im Schatten der Pyramidenpappeln.
Das Rauschen der hohen Wipfel.
Den ewigen Schnee auf den Gipfeln.
Deine einzige Heimat. Dein Vaterland.
Wo einst deine Wiege stand.

                                   1984

Es gilt, die Menschheit zu bewahren!

Gewichste Herren sitzen
in atomgeschützten
Überlebungsbunkern
und beraten in erhitzten
Redensarten ihre fixen
Wahnideen. Neue Pläne
schnitzen die gewitzten
Herren: Wie sie mixen
könnten einen heißen Punsch
nach eigenem Rezept und Wunsch.
Ein balsamspritziges Getränk,
das sie allmächtig machen würde –
und koste es Milliarden Dollar.
Doch das es Milliarden
Menschenlebem kosten würde,
sogar den einzigartigen Planeten
(und damit natürlich auch
das wenig weise Weiße Haus),
dies apokalyptische Getränk –
das macht den blubespritzten
Übermenschen absolut nichts aus.
Sie hoffen ja zu überleben!
Und diesem Suff ergeben,
sind sie bereit, für immer
das Erdrund zu zertrümmern…
Und die Bunker mit den Herren?
Werden sie im Weltraum
ewiglich dann schwimmen
wie die Arche Noha
zur Zeit der Bibelsintflut,
um nach Millionen Jahren
die Sonderabkömmlinge
im Makrokosmos auszupflanzen?..
Es gilt, o Erdenskinder,
die Menschheit vor dem Untergang
hier auf der Erde zu bewahren!

                                   1983