{"id":1491,"date":"2019-05-26T17:00:00","date_gmt":"2019-05-26T17:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hermann.arnhold.eu\/?p=1491"},"modified":"2025-12-21T18:02:00","modified_gmt":"2025-12-21T18:02:00","slug":"gewitterwolken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arnhold.eu\/?p=1491","title":{"rendered":"Gewitterwolken"},"content":{"rendered":"\n<p>Irenchen spielt im Kinderzimmer. Sie deklamiert gerade ein Gedichtchen, das ihr Oma Linda beigebracht haben mag: Der Wauwau f\u00e4ngt an: (&#8222;Wau-wau! Wau-wau&#8220;!) Die Miezekatze dann: &#8222;Miau! Miau!&#8220; Dabei dramatisiert sie die Situation, indem sie bei &#8222;Wau-wau&#8220; bem\u00fcht ist, die Z\u00e4hne zu fletschen und bei &#8222;Miau&#8220; versucht, den R\u00fccken zu kr\u00fcmmen, was ihr leichter und besser zu gelingen scheint.<br>Da kommt Bernhard nach Hause. Helene empf\u00e4ngt ihn mit den W\u00f6rtern: &#8222;H\u00f6rst du, Bernhard, dein Engelchen, dein Irenchen-Sch\u00f6nchen plaudert heute schon den ganzen Tag deutsch. Sie ist in Stimmung.&#8220; Irenchen kommt an Bernhard zugest\u00fcrmt, der sie auf den Arm nimmt und sie an sich dr\u00fcckt. &#8222;Ich in Stimmung! Ich in Stimmung!&#8220; streichelt sie ihm die Wangen. &#8222;Ich bin in Stimmung, bin&#8220;, verbessert er. Sie l\u00e4\u00dft sich herunterrutschen, saust im Vorzimmer hin und her und singt: &#8222;Bin, bin, bin! Kling, kling, kling!&#8220; &#8211; &#8222;Und jetzt l\u00e4sst du deinen Papa erst mal essen, Sch\u00e4tzchen&#8220;, will Helene sie beschwichtigen und sie auf ihren Scho\u00df nehmen. Da beginnt im Schlafzimmer das kleine &#8222;B\u00e4rchen&#8220; (also auch Bernhard!) mit seinem d\u00fcnnen Stimmchen zu qu\u00e4cken. &#8222;&#8217;s B\u00e4rchen greint! &#8217;s B\u00e4rchen greint!&#8220; &#8211; &#8222;Weint&#8220;, verbessert jetzt ihre Mutter und eilt ins Schlafzimmer. &#8222;Aber Oma Linda hat heute gesagt: \u201e&#8217;s B\u00e4rchen greint&#8220;, ruft Irenchen ihr nach. Und pl\u00f6tzlich, als ob sie sich an etwas besonders Wichtiges erinnert h\u00e4tte, philosophiert sie, mit dem Zeigefinger der Rechten den Takt angebend: &#8222;Kleine Kinder &#8211; kleine Sorgen, gro\u00dfe Kinder &#8211; gro\u00dfe Sorgen. &#8217;s B\u00e4rchen &#8211; kleine Sorgen, und ich &#8211; gro\u00dfe Sorgen, ja, Papa?&#8220; &#8211; &#8222;Gewiss, gewiss, du bist ja schon gro\u00df, aber das mit den Sorgen&#8230;&#8220; Irgendwarum spricht Bernhard den begonnen Satz nicht zu Ende. Auch dieses Sprichwort muss sie von Oma Linda geh\u00f6rt haben. Und hinsichtlich der Spr\u00fcche k\u00f6nnte Irenchen der Gro\u00dfmutter nachgeraten sein. K\u00f6nnte&#8230;<br>Jetzt klettert sie auf Bernhards Scho\u00df und r\u00fcckt ihm bald den einen, bald den anderen Teller n\u00e4her: &#8222;Ich dein Engelchen, ja, Papa?&#8220; Ich dein Goldchen, ja, Papa? Ich dein Irenchen-Sch\u00f6nchen, ja, Papa?&#8220; sprudeln die Worte nur so heraus. &#8222;Jawohl, Irenchen, aber bin.&#8220; &#8211; &#8222;Jawohl! Bin, bin, bin &#8211; kling, kling, kling! Ich habe dich gern, Papa! Ich habe dich so-o gern! Wie Oma und Opa, wie Babuschka und Deduschka! Wie Mama! Ich habe dich so-o, so-o gern! Und dabei streckt sie die \u00c4rmchen weit aus, um auf diese Weise ihre gro\u00dfe Liebe zu veranschaulichen. Bernhard r\u00e4uspert sich, denn ein tiefes begl\u00fcckendes Gef\u00fchl wallt in ihm auf, und er dr\u00fcckt Irenchen an sein Herz, streichelt und liebkost sie&#8230; Da kommt Oma Linda mit etwas roten Augen in die K\u00fcche, sagt zu Bernhard, er solle auf die Kinder aufpassen, sie m\u00fcsse mit Helene noch ins Warenhaus eilen, dort sei japanische gemusterte Seide eingetroffen. Irenchen wird aber nicht mitgenommen, wenn sie auch etwas schmollt und die Lippen zum Weinen verzieht&#8230;<br>Ein Familienidyll von heute? Nein, das wohl nicht. Eine junge Familie, die kaum zwei Jahre besteht (wenn Irenchen auch schon bald f\u00fcnf Jahre alt wird; aber dar\u00fcber etwas sp\u00e4ter). Eine Familie mit all ihren Freuden und Sorgen, mit allem Drum und Dran. Und noch ein bi\u00dfchen obendrein. Mit ethischen und Alltagsproblemen, die sich von selbst l\u00f6sen oder auch ihrer Entwirrung lange genug harren m\u00fcssen. Und leider auch mit Wunden, die zwar allm\u00e4hlich vernarben oder zum Teil schon vernarbt sind, aber dennoch dann und wann zu schmerzen beginnen, wenn am Himmel der Seele Gewitterwolken heraufziehen.<br>Junge Leute&#8230; Sie d\u00fcrfen auch einmal \u00fcber den Strang hauen, denn sie sind eben jung. Sie d\u00fcrfen sich manchmal auch irren, denn irren ist menschlich. Und die Erfahrung kommt erst mit den Jahren und die Weisheit gew\u00f6hnlich zu sp\u00e4t. Auch auf den Holzweg kann man geraten. Und da ist guter Rat teuer. Denn der Holzweg kann ins Dickicht f\u00fchren oder gar in einen Sumpf. Und im Sumpf kann man steckenbleiben, wenn sich nebenan keine guten Menschen befinden, die einem noch rechtzeitig die Hand reichen&#8230;<br>Irenchen ist, genau genommen, mehr ein Irinchen, denn dem Geburtsschein nach tr\u00e4gt sie den Namen ihrer Babuschka Irina, Irina Petrowna Michailowa. Und Irinchen war ein Fr\u00fchchen, ein Siebenmonatskind, was heute zwar nur selten erw\u00e4hnt wird, und da meistens nur gedanklich. Und die Sorgen um das Fr\u00fchchen lagen nun mal mehr auf den Schultern von Irina Petrowna als auf denen von Jelena, ihrer Tochter, die das Kind eben zu fr\u00fch &#8211; zu fr\u00fch nicht nur im biologischen Sinne, sondern in jeder Hinsicht &#8211; zur Welt gebracht hatte. Und das mit dem Kummer und den Sorgen ist so eine Sache &#8211; wie man&#8217;s nimmt.<br>Denn die seelischen Qualen, die Helene, wie man sie im Fremdspracheninstitut schon nannte und wie sie jetzt liebevoll bei Millers genannt wird, damals ertragen musste und die sie auch heute noch so manchmal zusammenzucken lassen, waren wohl nicht leichter zu \u00fcberwinden als all die Unannehmlichkeiten, die Scherereien und Anstrengungen, die aufgeboten werden mussten, um das Fr\u00fchchen, das Kleinchen, das winzige Kr\u00fcmelchen Leben am Leben zu erhalten und es aufzup\u00e4ppeln. Aber die M\u00fchen und Sorgen des Alltags halfen auch Helene, das Syndrom der Schuld allm\u00e4hlich zu \u00fcberwinden und die Konflikte der empfindsamen Seele, die ihre Entt\u00e4uschung nicht loswerden konnte, zu entsch\u00e4rfen. Doch wenn sie allein mit ihrem trostlosen Seelenkummer blieb, wo der beklemmende, d\u00fcstere Gedanke, waltete, alles, alles sei nun passe, dann war es schlimm genug&#8230;<br>Nicht immer edel klingen die T\u00f6ne, und nicht immer wird edelm\u00fctig gehandelt in Situationen, die irgendwie mit der Studentenherberge &#8222;Edelwei\u00df&#8220; verbunden sind, die sich weit droben in den Bergen des Trans-Ili-Alatau, fast eine Stunde h\u00f6her als das ber\u00fchmte Bergeisstadion &#8222;Medeo&#8220; versteckt hat und wie ein Idyll, wie eine St\u00e4tte der Unschuld und der Lauterkeit anmutet, wo alles ringsum Urw\u00fcchsigkeit und Unber\u00fchrtheit zu atmen scheint &#8211; das Gestein und Gefels, die Gipfel und Kuppen, die Kl\u00fcfte und Schluchten, die bis in den Himmel ragenden Edeltannen und die jungfr\u00e4uliche Stille.<br>Und hier, in einem verborgenen Winkel der Mutter Natur, den weder die menschliche Vernunft noch der alles sehende liebe Gott zu \u00fcberwachen vermochten, hatte sich Helene, liebestrunken, im Vorgef\u00fchl des vom blauen Junihimmel herabstrahlenden Gl\u00fcckes am ganzen Leibe zitternd, das ihr die Kehle zusammenschn\u00fcrte und ihr d\u00fcrstendes Herz hoch und h\u00f6her schlagen lie\u00df, dem ritterlichen, schlanken und stattlich gebauten Aspiranten Gerhard M\u00fcller in die Arme geworfen. Vergessen war die ganze gro\u00dfe Welt! Und sie schwebten &#8211; zu zweit! &#8211; auf den Fl\u00fcgeln der Seligkeit hinaus in das blaue, uferlose M\u00e4rchenland Liebe, wo es kein Wenn und kein Aber, keine tr\u00fcben Wolken und keinerlei K\u00fcmmernisse gibt, sondern nur Sonne und Wonne und Freude und Gl\u00fcckseligkeit&#8230;<br>Nach der gro\u00dfen Sternstunde, die ganze Stunden gedauert haben mag, matt und m\u00fcde von seelischer und physischer Spannung und Erregung, schlummerte Helene langsam ein. Und es tr\u00e4umte ihr, sie wandle \u00fcber die gr\u00fcne H\u00e4nge des Kok-Tjube, und \u00fcberall bl\u00fchten \u00fcppig die Irisblumen, die Schwertlilien mit ihren farbenpr\u00e4chtigen, von isabellengelben und leisblauen bis dunkelvioletten Bl\u00fcten. Und die bl\u00fchenden Schwertlilien wurden immer h\u00f6her und h\u00f6her, erst kniehoch, dann sogar mannshoch, und auf einmal sah sie und f\u00fchlte sie, dass sie selbst eine aufgebl\u00fchte Schwertlilie war &#8211; mit taubehangenen Bl\u00fctenkelchen und mit ihren zarten Bl\u00fctenbl\u00e4ttern in jener Richtung winkten, woher sich aus den wei\u00dfen L\u00e4mmerw\u00f6lkchen ein in blendendes Wei\u00df gekleideter Ritter auf einem wei\u00dfen Apfelschimmel herunterlie\u00df, aus dem silberbeschlagenen Sattel mit silbergl\u00e4nzenden Steigb\u00fcgeln stieg, ihr (gerade ihr und keiner anderer) entgegeneilte, vor ihr niederkniete, sie anbetete, sie dann sanft und behutsam auf die Arme nahm, sie hin zu dem stampfenden und schnaubenden Ross trug, sich mit ihr in den Sattel schwang und in die blauen L\u00fcfte hinaufstieg, wie auf Fl\u00fcgeln in den lichten und unendlichen \u00c4ther dahinschwebte. Aber dann &#8211; o Gott! &#8211; stie\u00dfen sie gegen eine Bergkuppe, und sie, die gl\u00fcckselige Schwertlilie, st\u00fcrzte in eine abgrundtiefe Schlucht hinab&#8230;<br>Aus diesem merkw\u00fcrdigen Traum erwacht, zitterte sie noch vor Angst und sch\u00f6pfte erleichtert Luft, als sie Gerhard ruhig und tief atmend neben sich schlafen sah, Ach, was! Tr\u00e4ume sind Sch\u00e4ume!<br>\u00a0\u00a0 Doch Helenes gro\u00dfe Sternstunde dauerte nicht lange und glich jenem Flug in jenem Traum. Denn in Gerhard hielten sich die Ritterlichkeit und Frechheit die Waage. Und schon am n\u00e4chsten Tage auf dem Heimweg redete er mit unverholenem Zynismus Helene ins Gewissen, sie solle das Geschehene n\u00fcchtern betrachten und hinnehmen, wie es eben war, sie solle sich nicht an Illusionen klammern, sie solle sich keine Luftschl\u00f6sser bauen.<br>Gewiss, sie sei eine h\u00fcbsche, eine nette, eine begerenswerte Erscheinung, und er habe nichts dagegen, sich noch \u00f6fter mit ihr zu treffen, aber heiraten k\u00f6nne er sie nicht und sie solle, falls sie von einem anderen Gl\u00fcck tr\u00e4ume, es sich woanders suchen. Sein Kredo, sein Leitsatz sei die freie Liebe, und \u00fcberhaupt, er m\u00fcsse seine Dissertation zu Ende bringen und sie dann selbstverst\u00e4ndlich auch verteidigen, und das k\u00f6nne Liebesverh\u00e4ltnisse mit Damen h\u00f6heren Grades voraussetzen&#8230;<br>Dann, etwa nach vier Monaten, kam es zu dieser erzwungenen Ehe, zu diesem Flickwerk. War es nun ein Anflug von Liebe, was ja nicht ausgeschlossen war, ober war es eine leise Spur von Reue, was auch m\u00f6glich sein konnte, oder war es die feige Angst, es k\u00f6nne zu einem Skandal kommen, was seiner Karriere schaden k\u00f6nnte, &#8211; wie dem auch sei, Gerhard M\u00fcller war in eigener Person zu Helene und ihren Eltern gekommen, die in einem Eigenheim wohnten, das wie ein Schwalbennest an einem Abhang des Kok-Tjube hing, und hatte um Helenes Hand gebeten. Georgi Iwanowitsch war dagegen, Irina Petrowna, zwar vor Ha\u00df zitternd, war daf\u00fcr, und Helene wollte ihrem zuk\u00fcnftigen Kinde den Vater erretten und die zugef\u00fcgte Erniedrigung und Herabw\u00fcrdigung vergessen. Und so wurde Helene nun eine &#8222;M\u00fcllerin&#8220;. Und sie &#8222;lebten&#8220; jetzt zusammen und wohnten bei Helenes Eltern. Gerhard lie\u00df sich nach der stillen Hochzeit ohne G\u00e4ste nur selten sehen, und nach einem Monat war er spurlos verschwunden.<br>Auch Helene hatte das Studium aufgegeben. Als ob das in ihrer Lage und in ihrem Seelenzustand noch von Bedeutung w\u00e4re, hatte sie der Mutter geantwortet, deren Herz gleichfalls blutete und die, wenn ihre Nerven versagten, ihre Tochter beschuldigte, dass sie ihr Schicksal mit einem Deutschen verbunden h\u00e4tte, wo ein Russe sie nie so herabgew\u00fcrdigt h\u00e4tte. Aber wenn Georgi Iwanowitsch zuf\u00e4llig h\u00f6rte, dass seine Petrowna solche und \u00e4hnliche verzweifelte Ausf\u00e4lle machte, versuchte er ihr klarzustellen, da es bei allen V\u00f6lkern noch immer Taugenichtse und Schurken gegeben habe. Der Hund l\u00e4ge woanders begraben. Es sei die Z\u00fcgellosigkeit, die man heutzutage den jungen Leuten erlaube.<br>Und als Irinotschka nun einmal da war, \u00fcbernahm er ohne zu murren die Pflichten des Gro\u00dfvaters und auch des Vaters, der sich aus dem Staube gemacht hatte und irgendwo seine Dissertation zu Ende schrieb oder auch zu verteidigen gedachte und wahrscheinlich auch die Dame seines Herzens gefunden habe m\u00fcsste, die unbedingt einen akademischen Grad hatte&#8230;<br>&#8222;Bernhard&#8220;, rang Frau Linda verzweifelt die H\u00e4nde, &#8222;mein Sohn, du unser einziger Sohn und unsere einzige St\u00fctze, warum bist denn so niedergeschlagen? Wenn ich dir zugucke, will mir das Herz im Leibe zerrei\u00dfen. Musste dich denn jetzt aufopfern? Das h\u00e4ttste dir gleich vorstellen k\u00f6nnen. Die hat doch noch immer die Nase \u00fcber dich ger\u00fcmpft, weil du blo\u00df ein einfacher Bauarbeiter wie dein Vater bist. Jetzt musste dich zusammennehmen. Und ein gutes M\u00e4dchen wirste schon finden. Karaganda ist gro\u00df, und auch anderswo gibt&#8217;s bestimmt gute und ehrliche M\u00e4dchen.&#8220;<br>Peter Miller sprach mit seinem Sohn in einem anderen Ton, aber dem Sinne nach war es dasselbe: &#8222;Du bist doch ein Mann, Bernhard! Du bist doch ein Miller, Bernhard! Die Wilmers Monika ist es auch gar nicht wert, dass man der nachtrauert. Die h\u00e4tt&#8216; dich doch bei der ersten Gelegenheit im Stich gelassen. Ich kenne die Wilmers. Sollen die dr\u00fcben reich werden, meinetwegen steinreich. Und wir bleiben, wo wir sind. Und ich glaube, Bernhard, dass wir bald wieder an die Wolga zur\u00fcckziehen, wo unsere wirkliche Heimat ist und wo wir wie fr\u00fcher werden unsere Sprache und Kultur hegen und pflegen k\u00f6nnen. Und eine Frau f\u00fcr dich und eine Schwiegertochter f\u00fcr uns wirste noch finden.&#8220;<br>In Monika war Bernhard noch als Schuljunge verliebt. Und sie war ja auch bildsch\u00f6n. Und warum sollte er sich nicht in ein so aufgewecktes, h\u00fcbsches und bl\u00fchendes M\u00e4dchen verlieben? Gegenliebe? Bernhard schien es, sie empfunden zu haben. Auch heute glaubt er manchmal noch, sie h\u00e4tte ihn gern gehabt. Doch gesiegt hat in ihr nicht die Liebe, sondern die k\u00fchle, raffinierte Berechnung.<br>Kurz bevor die Wilmers um das Ausreisevisum zu wirken begannen, kam Monika, die bis dahin immer irgendwelche Gr\u00fcnde gefunden hatte, um Bernhard zu \u00fcberzeugen, die Heirat m\u00fcsste noch zur\u00fcckgeschoben werden, zu Millers ins Haus und erkl\u00e4rte kurz und b\u00fcndig in Anwesenheit Bernhards selbst und seiner Eltern, sie w\u00e4re bereit, so schnell wie m\u00f6glich zu heiraten, wenn&#8230; wenn Bernhard ihr sein Ehrenwort gibt, mit ihnen, den Wilmers, nach Westdeutschland auszuwandern. Sp\u00e4ter k\u00f6nnten sie auch Bernhards Eltern kommen lassen, was dann eine Kleinigkeit sei, und sie w\u00e4ren dann alle dr\u00fcben in der freien Welt.<br>Kurz danach heiratete Monika Lipphardts Heinrich, der mit den Wilmers auch ausgewandert ist. Denn Bernhard hatte sich eindeutig und kategorisch losgesagt, die Heimat zu verlassen. Und sie zu \u00fcberreden, ihn zu heiraten und hier zu bleiben, war verlorene Liebesm\u00fch. Und seine Monika hatte ihn im Stich gelassen, was ihn bitter qu\u00e4lte und was er zwar nicht als Landesverrat qualifizierte, aber als Verrat an ihm, ihrem Jugendfreund, empfand&#8230;<br>Eines Abends kam Frau Linda, die in der Schule nebenan als Raumpflegerin arbeitete, nach Hause und erz\u00e4hlte Bernhard, sie h\u00e4tten in diesem Schuljahr eine neue Deutschlehrerin bekommen, und es m\u00fcsste wohl eine Deutsche sein, weil ihr Familienname auch Miller sei. Zwar spr\u00e4chen die Sch\u00fcler sie mit &#8222;Jelena Georgiewna&#8220; an, aber sie sei wahrscheinlich eine Helene. Und das &#8222;Miller&#8220; klinge bei ihr &#8211; Frau Linda hatte sich mit ihr schon einige Male unterhalten &#8211; zwar wie &#8222;M\u00fcller&#8220;, aber das k\u00e4me wohl daher, weil sie so sch\u00f6n hochdeutsch spr\u00e4che.<br>Ein anderes Mal begann sie wieder \u00fcber die Deutschlehrerin zu erz\u00e4hlen. Sie sei ein so sympathisches, bescheidenes M\u00e4dchen mit so wundersch\u00f6nen gro\u00dfen blauen, gutm\u00fctigen und sanften Augen. Und aus diesen Augen strahle Mitleid und G\u00fcte. Nur sei darin auch eine Art erloschene Glut zu bemerken und so etwas wie Einsamkeit oder namenloses Leid zu lesen.<br>Und wieder ein anderes Mal \u00fcberraschte sie Bernhard, sie h\u00e4tte bei Helene Georgiewna vorgesprochen. Ihr Sohn, ihr Bernhard, sei ja seinerzeit ein guter Sch\u00fcler gewesen, aber seine Muttersprache spr\u00e4che er nur mit M\u00fch und Not, und da in einer wolgadeutschen Mundart, reichlich mit russischen W\u00f6rtern und ganzen Ausdr\u00fccken gespickt. Und da er nun mal ein Deutscher sei, so m\u00fcsse er doch auch deutsch sprechen k\u00f6nnen. Kurz und gut, Helene Georgiewna h\u00e4tte nach einigen Z\u00f6gern gesagt, es w\u00fcrde ihr nicht schwerfallen, ihrem Sohn dann und wann behilflich zu sein, vorausgesetzt, dass er wirklich seine Muttersprache erlernen und ein flei\u00dfiger &#8222;Sch\u00fcler&#8220; sein wolle&#8230;<br>Einen durchaus glaubhaften Vorwand hatte sich Frau Linda da ausgekl\u00fcgelt, und dabei konnte schon allein diese vorgebrachte Absicht, wenn sie in Erf\u00fcllung ginge, von Nutzen sein. Doch nicht das war ihr eigentliches Ziel gewesen. Im Stillen hatte sie Helene ins Herz geschlossen und sie f\u00fcr ihren Bernhard als Frau auserw\u00e4hlt. Vielleicht war das un\u00fcberlegt, vielleicht zu voreilig. Und auf jeden Fall war einfach nicht statthaft, so zu handeln. Aber was tut eine Mutter nicht alles, damit ihre Kinder gl\u00fccklich werden sollen. Und dieses Mal hatte sich, wie wir ja schon wissen, das Mutterherz zu allgemeiner Zufriedenheit nicht geirrt&#8230;<br>Drau\u00dfen war es am hellichten Tag pl\u00f6tzlich fast dunkel gewoden. Am Horizont ballten sich schwarze Wolken zusammen. Ein heftiger Sturmwind begann zu toben und peitschte die ohnehin krankhaften B\u00e4umchen und Str\u00e4ucher auf den Stra\u00dfen hin und her. Und ganz S\u00fcdost, ein neuer Stadtteil von Karaganda, hatte sich in undurchsichtige Staubwolken geh\u00fcllt. Ein drohendes Gewitter war im Anzug. Ob es erfrischenden Regen bringen w\u00fcrde?<br>&#8222;Mama&#8220;, sagte Helene, &#8222;vielleicht kehren wir lieber um und gehen nach Hause. Diese japanische Seide kann uns gestohlen bleiben.&#8220; Frau Linda aber nahm Helene am Arm, zog sie mit sich und suchte mit ihr Unterschlupf in der ger\u00e4umigen Halle des Postamtes, wo sie gerade vorbeigehen wollten; und in einer Ecke, wo sie niemand st\u00f6ren k\u00f6nnte, sagte sie: &#8222;Helene, liebes Kind, wenn es, ach, wenn es um Seide ginge! Da h\u00e4ngt etwas Gef\u00e4hrlichres als dieser Staub in der Luft. Ich habe soeben einen Brief von deiner Mutter gelesen. Er war ja auch an mich gerichtet, ich k\u00f6nne ihn auch als erste lesen. Er liegt in meiner Schublade.&#8220;<br>Und Frau Linda atmete tief auf und sprach im Fl\u00fcsterton weiter: &#8222;Helene, liebes Kind, du musst dich fassen. Ich f\u00fchle es als meine Pflicht, dich vorzubereiten, und du musst dann alles mit Bernhard besprechen. Allem Anschein nach m\u00fcsst ihr&#8230; m\u00fcssen wir noch einen Kampf ausfechten.&#8220;<br>Und sie gab die wichtigsten Stellen des Briefes von Irina Petrowna wieder, der eine Woche unterwegs gewesen war.<br>Vor ein paar Tagen sei kurz hintereinander Irenchens Vater, dieser Gelehrte, zweimal bei ihnen zu Hause aus dem langj\u00e4hrigen Dunkel aufgetaucht. Nach seinen Worten sei er an einem zentralen Forschungsinstitut angestellt. Er lebe mit einer anderen Frau, die Doktor der Wissenschaften sei. Sie h\u00e4tten alles, was man sich nur w\u00fcnschen k\u00f6nnte, blo\u00df keine Kinder. Und er wolle seine Tochter sehen, er habe f\u00fcr sie teuere Geschenke mitgebracht. Und er k\u00f6nnte jetzt selbstverst\u00e4ndlich Alimente zahlen, aber er wolle sich endlich scheiden lassen und habe schon einen erfahrenen Anwalt gefunden, der es f\u00fcr durchaus m\u00f6glich halte, er, Gerhard M\u00fcller, ein angesehener Wissenschaftler, k\u00f6nnte vor Gericht den Anspruch erheben, ihm bei der Scheidung seine Tochter zuzusprechen. Und es w\u00e4re f\u00fcr ihn potentiell also erreichbar, diesen Prozess zu gewinnen. Aber vielleicht, so meine er, k\u00f6nne man diesen Aspekt auch ganz fair regeln, denn wozu brauche Helene eine Tochter ohne Vater. Und dar\u00fcber hinaus h\u00e4tte das Kind bei ihnen die besten M\u00f6glichkeiten und Aussichten, einmal eine hochgesch\u00e4tzte Frau, eine prominente Pers\u00f6nlichkeit zu werden und k\u00f6nne sowohl jetzt als auch k\u00fcnftig ein Leben in Wohlstand f\u00fchren&#8230;<br>Drau\u00dfen hatte sich unterdessen der Sturmwind gelegt, und es ging ein warmer und erfrischender Regen nieder. Und eine Gro\u00dfmutter und eine Mutter, beide von verzweifelten Gedanken gequ\u00e4lt, gingen langsam und schweigend nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>1988<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irenchen spielt im Kinderzimmer. Sie deklamiert gerade ein Gedichtchen, das ihr Oma Linda beigebracht haben mag: Der Wauwau f\u00e4ngt an: (&#8222;Wau-wau! Wau-wau&#8220;!) Die Miezekatze dann: &#8222;Miau! Miau!&#8220; Dabei dramatisiert sie die Situation, indem sie bei &#8222;Wau-wau&#8220; bem\u00fcht ist, die Z\u00e4hne zu fletschen und bei &#8222;Miau&#8220; versucht, den R\u00fccken zu kr\u00fcmmen, was ihr leichter und besser &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/arnhold.eu\/?p=1491\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eGewitterwolken\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1491","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1491","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1491"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1491\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1521,"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1491\/revisions\/1521"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1491"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1491"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1491"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}