{"id":1400,"date":"2020-05-22T17:23:48","date_gmt":"2020-05-22T17:23:48","guid":{"rendered":"http:\/\/hermann.arnhold.eu\/?p=1400"},"modified":"2020-05-22T17:23:48","modified_gmt":"2020-05-22T17:23:48","slug":"wie-ich-einmal-pech-hatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arnhold.eu\/?p=1400","title":{"rendered":"Wie ich einmal Pech hatte"},"content":{"rendered":"\n<p>Seid nicht beleidigt und verdenkt mir\u00b4s nicht: wenn ich den Saal \u00fcberschaue, so f\u00e4llt mir kein einziges M\u00e4fchen auf, das es mit meiner Liese aufnehmen k\u00f6nnte. Wie man sagt: jedem Narren gef\u00e4llt seine Kappe. Doch beginnen wir von vorne.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum erstenmal traf ich sie im Kulruthaus w\u00e4hrend einer Beratung der Bestarbeiter des Rayons. Als die Debatten folgten, erteilte der Vorsitzende auch mir das Wort, indem er meldete: \u201eGenossen, jetzt spricht der bekannte Traktorist der 1. Abteilung des Th\u00e4lmann-Sowchoses, Genosse Christian Gr\u00fcnschnabel.\u201c Da fuhrs\u00b4s mir durch alle Glieder. Zwei Blamagen auf einmal: erstens wusste ich nicht recht, was ich \u00fcberhaupt sagen sollte, zweitens hatte der Vorsitzende, der Teufel wei\u00df wieso, mich zu einem Gr\u00fcnschnabel gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wurde rot bis \u00fcber die Ohren und zauderte. Man klatschte aber Beifall, und ich schleppte mich zur Trib\u00fcne. Irgendwie ri\u00df ich mich doch zusammen und wollte grad beginnen. Da kam mir ein M\u00e4del in der ersten Reihe vor die Augen. Sie warf einen schelmmischen Blick in meine Richtung, wandte sich zu ihrer Nachbarin, und ich h\u00f6rte ganz deutlich: \u201eSchau mal, wie dem Gr\u00fcnschnabel der Kamm so rot geworden ist, der sagt uns sicher kein Wort heute.\u201c Da verlor ich g\u00e4nzlich den Kopf, und das einzige, was ich herausstotterte, war: \u201eSollt ihr\u2026 sollt ihr doch wissen, dass ich kein Gr\u00fcnschnabel bin, ich kann euch meinen Geburtschschein zeigen!\u201c Na da hatte ich mich vollends blammiert. Unter st\u00fcrmischem Beifall verlie\u00df ich die Trib\u00fcne.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil ich Pr\u00e4sidiumsmitglied war, mu\u00dfte ich aber am Pr\u00e4sidiumstisch sitzen. Mein ganzer K\u00f6rper brannte, als ob man mich ausgepeitscht h\u00e4tte. Am liebsten w\u00e4re ich in eine Ritze geschl\u00fcpft.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu allem Ungl\u00fcck gab man jetzt ihr das Wort. Ich h\u00f6rte nur, dass sie Liese Schuster hie\u00df und auch Traktoristin war; viel weiter brachte ich\u00b4s nicht. Doch durch das Hirn blitzte der Gedanke: ist das ein blitzsauberes M\u00e4del, die k\u00f6nnte einem ja direkt gefallen!<\/p>\n\n\n\n<p>Da wandte sie sich ans Pr\u00e4sidium: \u201eUnd zum sozialistischen Wettbewerb w\u00e4hrend des Herbststurzes fordere ich den Traktoristen der 1. Abteilung, Genossen Gr\u00fcnschnabel, verzeiht, Gr\u00fcn\u2026 Gr\u00fcn\u2026\u201c \u201eGr\u00fcnschaden\u201c; verbesserte jetzt der Vorsitzende selbst, &#8211; \u201e\u2026fordere ich Genossen Gr\u00fcnschaden heraus!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Herausforderung mit solch einer Stichelei \u2013 das ging mir denn doch \u00fcber die Hutschnur! Ich begann stark zu husten und verlie\u00df unter diesem Vorwand die B\u00fchne, stand ein Weilchen hinter den Kulissen, mir alle Knochen im Leib verfluchend, w\u00e4hrend man dem Racker Beifall klatschte, dann schlich ich mich ins Foyer und beglupschte dort sinnlos wohl \u00b4ne halbe Stunde lang alle Bilder an den W\u00e4nden. Darauf suchte ich im B\u00fcffet Rettung. Aber die Verk\u00e4uferin sagte nur h\u00f6flichst, sie habe nichts st\u00e4rkeres als Rotwein und Champagner, da entfuhr mir ein\u201cDonnerwetternochmal!\u201c, und ich lief auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ich da nun so verlassen steh\u00b4und an einer kalten Zigarette sauge, kommt mein Kamerad, der Wilhelm, und strahlt. \u201eDeiwel noch mal, ich such dich schon eine kleine Ewigkeit! Da ist was los, Christian! Bist du aber ein Gl\u00fccksvogel! Schau mal her! Wei\u00dft du, was das ist? \u2013 So was, wie \u00b4ne schriftliche Botschaft, sicher doch eine Einladung oder gar eine Liebeserkl\u00e4rung! Meiner Seele! Und wei\u00dft du auch, von wem? Von der Traktoristin der 3. Abteilung, die dich ins Schlepptau nehmen will, von Schusters Lieschen! Beneiden k\u00f6nnt\u00b4 ich dich: das ist ja ein Engel!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eQuatsch nicht, Mensch\u201c, fuhr ich ihn an, \u201eund gib mal her!\u201c Dabei nahm ich ihm das Briefchen aus der Hand und zerri\u00df es in Fetzen. \u201eDa hast du! Diesen Engel, wenn er sich nicht ins Himmelreich \u00b4naufmacht, kannst du dir einfangen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich stand mir wieder alles ganz klar vor Augen: erst der schelmische Blick aus der ersten Reihe, darauf ihr h\u00fcbsches Gesicht, ihre schlanke Figur; und daneben ich, mein l\u00e4cherlich verdrehter Name, mein Stottern, das Err\u00f6ten \u2013 kurz, ein Jammerbild! Vor Herzensleid schrie ich laut auf: \u201eEin Esel bin ich, Wilhelm! Immer tu ich das Gegenteil von dem, was ich sollte. Sogar den Brief habe ich zerrissen! Was denn jetzt, Wilhelm? Lach du mir, aber ich hab\u00b4 mich wirklich verkracht in sie, da ist mir die ganze Welt, auch mein DT-54, nicht mehr lieb, da ist alles hin!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Junge hatte sich noch nicht recht von seiner Verbl\u00fcffung erholt, da str\u00f6men schon aus dem Klub die Leute auf die Stra\u00dfe. Zwei M\u00e4dels steuerten direkt auf uns zu. Und wer denkt ich wohl? Sie! Lieschen und ihre Freundin!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJungens, geht ihr nicht mit uns ins Kino? Heute l\u00e4uft ein sch\u00f6ner Film,\u201c sagte Lieschen bittend und stie\u00df ihre Gef\u00e4hrtin leicht in die Seite. Ich dacht\u00b4 f\u00fcr mich: da mu\u00df ich antworten, wie k\u00f6nnte man das nur runder sagen. Aber schon trommelte Wilhelm: \u201eWarum denn nicht, warum denn nicht, liebe M\u00e4dchen, das ist ja fabelhaft! Nach getaner Arbeit ist gut ruhen. Und stellt euch nur vor: zwei junge Paare gehen ins Kino, schauen \u00b4nen echten Film an, dann \u2026 nun, das Dann wird sich ja finden. Also, danke sch\u00f6n f\u00fcr die Einladung und los!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir hinkamen, war dort L\u00e4rm und Gedr\u00e4nge. Irgendein M\u00e4dchen rief ihrer Freundin aufgeregt zu: \u201eAlle Karten ausverkauft. Gehen wir vielleicht zum Tanz?\u201c Da meinte Lieschen sp\u00f6ttisch: \u201eDie haben wohl Trauerlappen als Kavaliere. Schadet nichts: unsere Burschen haben daf\u00fcr gesorgt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Da lief mir\u00b4s hei\u00df \u00fcber den R\u00fccken, und ich f\u00fchlte mich ganz ratlos. Wilhelm fl\u00fcsterte mir ins Ohr: \u201eDas Briefchen! Was aber weiter?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Lieschens Freundin schaute auf ihre Uhr und bemerkte: \u201eEs ist Zeit, gehen wir hinein!\u201c \u201eTja, M\u00e4dels\u201c, wollte ich leichthin sagen, aber die Stimme stockte mir, \u201ewenn, dann geht nur allein, wir haben n\u00e4mlich keine.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHabt keine besorgt, was?\u201c fuhr Lieschen mich an. \u201eDas h\u00e4tten wir uns ja denken k\u00f6nnen\u201c Wir h\u00e4tten uns halt an erwachsene Burschen wenden sollen. Ein Gr\u00fcnschnabel ist eben ein Gr\u00fcnschnabel\u201c Adieu, bleibt sch\u00f6n gesund! Danke f\u00fcr die Gef\u00e4lligkeit!\u201c Weg waren sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Wilhelm fauchte w\u00fctend: \u201ePechvogel! H\u00e4tten wir den Zettel gelesen, so w\u00e4re alles in Ordnung. Den ganzen Abend hast du einem verhutzt!\u201c Und damit lie\u00df er mich stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich jetzt mein Liesel an jenen Abend erinnere\u2026 ach so, ihr wollt wissen, wieso mein Liesel? Liebe Leute, das ist eine lange Geschichte: da m\u00fcsste ich davon erz\u00e4hlen, wie verteufelt ich mich ins Zeug legte, nicht nur bei der Arbeit, sondern auch an freien Abenden, wie ich meine tollpatschige Befangenheit loswurde, um das M\u00e4del warb und mich durch keine Neckereien einsch\u00fcchtern lie\u00df. Kurz und gut, ein Jahr war noch nicht rum, da hie\u00df es nicht mehr: Gr\u00fcnschnabel wetteifert mit Schusters Liese, sondern: Gr\u00fcnschadens sind halt doch die Ersten!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seid nicht beleidigt und verdenkt mir\u00b4s nicht: wenn ich den Saal \u00fcberschaue, so f\u00e4llt mir kein einziges M\u00e4fchen auf, das es mit meiner Liese aufnehmen k\u00f6nnte. Wie man sagt: jedem Narren gef\u00e4llt seine Kappe. Doch beginnen wir von vorne. Zum erstenmal traf ich sie im Kulruthaus w\u00e4hrend einer Beratung der Bestarbeiter des Rayons. 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