{"id":1398,"date":"2020-05-22T17:13:10","date_gmt":"2020-05-22T17:13:10","guid":{"rendered":"http:\/\/hermann.arnhold.eu\/?p=1398"},"modified":"2020-05-22T17:13:10","modified_gmt":"2020-05-22T17:13:10","slug":"irren-ist-menschlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arnhold.eu\/?p=1398","title":{"rendered":"Irren ist menschlich"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a>Der Freitag<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; Durch die Stra\u00dfen jagen Autos und Trolleybusse, \u00fcber die Gehsteige hasten Menschen. Alle haben es eilig. Alle, blo\u00df Walter nicht. Er steht an der Normaluhr und summt einen Schlager vor sich hin.<br>&nbsp;&nbsp; Langsam kriecht der gro\u00dfe Zeiger \u00fcber das Zifferblatt. F\u00fcnf Minuten vergehen. Zehn Minuten. F\u00fcnfzehn Minuten. Walter summt nicht mehr. Er wird verdrie\u00dflich.&nbsp;<br>&nbsp;&nbsp; Punkt sieben wollte sie hier sein. Nun ist es aber schon halb acht.<br>&nbsp;&nbsp; Ob sie noch vor dem Spiegel steht und sich sch\u00f6n macht? Sie tr\u00e4gt doch eine so schicke Frisur. Oder sitzt sie gar noch in der Sofaecke und \u00fcberlegt, welches Kleid sie anziehen soll? Das w\u00e4re gemein! Vielleicht ist sie schon unterwegs und guckt rasch mal in einer Konditorei nach, ob ihr Lieblingskonfekt zu haben ist? Sie hat doch S\u00fc\u00dfigkeiten so gern!<br>&nbsp;&nbsp; Der Zeiger r\u00fcckt weiter. Ist ihr etwas zugesto\u00dfen? Walter stockt der Atem, sein Herz klopft bis zum Halse herauf. Ein anderer w\u00e4re l\u00e4ngst auf und davon, aber Walter&#8230; Richtig, ihr habt es erraten: Walter ist \u00fcber die Ohren verliebt. In wen? In Gerda nat\u00fcrlich. Gerda ist das reinste, das feinste, das sch\u00f6nste, das beste M\u00e4dchen. Ihr werdet das verstehen. Auch ihr seid oder ward ja mal jung und verliebt. Na also!<br>&nbsp;&nbsp; Zum ersten Mal traf Walter seine Gerda im Vestib\u00fcl des Opernhauses. Sp\u00e4ter kam dann die Geschichte mit dem Ku\u00df. Der Ku\u00df hatte Gerda gefallen. Das gab sie erst viel sp\u00e4ter zu. Es war ein geraubter, ein gestohlener Ku\u00df. Diebstahl bleibt Diebstahl, auch wenn es sich um K\u00fcsse handelt. So folgte ihm damals eine Ohrfeige, und sogar eine recht kr\u00e4ftige. Diese Geschichte ist jedoch l\u00e4ngst vergeben und vergessen.<br>&nbsp;&nbsp; Ob nicht gar Kurt im Spiel ist? Der Bursche ist doch ganz versessen auf Gerda! Keine Spur. So einer ist unser Walter nicht. Wenn dir ein anderer besser gef\u00e4llt, dann&#8230; Walter knirscht mit den Z\u00e4hnen und ballt die F\u00e4uste.<br>&nbsp;&nbsp; Ein Taxi kommt vorbei. Er hebt die Hand:<br>&nbsp;&nbsp; &#8222;Kosmonautenstra\u00dfe 77!&#8220;<br>&nbsp;&nbsp; Da taucht unerwartet Kurt vor ihm auf.<br>&nbsp;&nbsp; &#8222;Tag!&#8220;<br>&nbsp;&nbsp; &#8222;Tag!&#8220;<br>&nbsp;&nbsp; &#8222;Wie geht&#8217;s?&#8220;<br>&nbsp;&nbsp; Kurt mi\u00dft seinen Freund von oben bis unten.<br>&nbsp;&nbsp; &#8222;Du bist ja heute so geschniegelt und geb\u00fcgelt! Wohin des Wegs, wenn man fragen darf? Und warum schw\u00e4nzt du heute? Ihr habt doch freitags zu dieser Zeit Philosophie! Oder -?&#8220;<br>&nbsp;&nbsp; Walter rei\u00dft die Augen auf.<br>&nbsp;&nbsp; &#8222;Mensch, wenn du f\u00fcr Sonnabend ein Stelldichein verabredet hast, mu\u00dft du noch ganze vierundzwanzig Stunden warten. Soll ich dir etwas zu essen bringen?&#8220;<br>&nbsp;&nbsp; Seine Stimme klingt mitleidig. Walter aber ist aus allen Wolken gefallen.<br>&nbsp;&nbsp; &#8222;Kurt, wenn das stimmt&#8230; wenn das wahr ist&#8230;&#8220;<br>&nbsp;&nbsp; Lassen wir den Vorhang sinken. Wer jung und verliebt war, dem ist gewi\u00df etwas \u00c4hnliches widerfahren. Wer nicht&#8230; Nun, f\u00fcr den ist der Freitag eben ein Freitag.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a>Die Fingerchen<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; An der Haltestelle herrscht das \u00fcbliche Gedr\u00e4nge. Spitzenzeit! Jeder hat es eilig, jeder will rechtzeitig an Ort und Stelle sein. Das ist verst\u00e4ndlich. Sogar lobenswert. Aber wozu die Grobheiten? Mu\u00df das sein?<br>&nbsp;&nbsp; Da kommt die Eins. Auf Biegen oder Brechen, ich mu\u00df hinein! Ich bleibe dabei aber h\u00f6flich. Ein Mann mu\u00df sich doch beherrschen k\u00f6nnen! Zuerst lasse ich alle Frauen durch, alte und junge, dann kommen die M\u00e4nner dran.<br>&nbsp;&nbsp; Die Einst bleibt stehen. Die T\u00fcr geht auf. Sie wird im Sturm genommen. Die Mahnungen der Schaffnerin gehen im L\u00e4rm unter. Ein baumlanger L\u00fcmmel schiebt mit seinen Boxenf\u00e4usten alle zur Seite, bahnt sich durch das Gedr\u00e4nge den Weg und nimmt mit einem selbstzufriedenen Grinsen auf dem Sitz der Schaffnerin Platz.<br>&nbsp;&nbsp; Ein altes M\u00fctterchen und eine blonde Sch\u00f6ne, die von diesem Zwei-Meter-Untier vom Trittbrett gefegt wurden, landen in meinen Armen. Das M\u00fctterchen schnappt nach Luft und murmelt etwas von Schmach und Schande. Das M\u00e4dchen streift mich mit einem vernichtenden Blick. &#8218;Du bist ja nicht besser als die anderen.&#8216; sagt dieser Blick. Ich senke die Augen.<br>&nbsp;&nbsp; Nat\u00fcrlich kommt jetzt die Vier, darauf die Sieben, dieser folgt die Acht. Ich \u00e4rgere mich. H\u00e4tte ich dem M\u00e4dchen nicht ein paar mitf\u00fchlende Worte sagen k\u00f6nnen? Dann h\u00e4tte sie verstanden, da\u00df ich anders bin als alle.<br>&nbsp;&nbsp; Wo ist sie eigentlich? Ah, dort steht sie, neben der Alten, nestelt an ihrem Haar. Herrgott, ist sie sch\u00f6n! Goldblondes Haar, gro\u00dfe blaue Augen, Gr\u00fcbchen in den Wangen und die Figur&#8230; Mir stockt der Atem. Wenn sie mich blo\u00df angucken w\u00fcrde! Ein Blick aus diesen Augen w\u00fcrde mich gl\u00fccklich machen. Aber nein, ich bin Luft f\u00fcr sie.<br>&nbsp;&nbsp; Da kommt die Eins. Wieder Gezeter, wieder dr\u00e4ngen sich Menschen zum Eingang.<br>&#8222;Verzeihung, d\u00fcrfte ich Ihnen&#8230;&#8220; Nein, sie bemerkt mich nicht. Ich n\u00fctze die letzte M\u00f6glichkeit: &#8222;Zwei Fahrscheine, bitte!&#8220; Ja, Kuchen! Die Blonde hat schon eine M\u00fcnze aus ihrem T\u00e4schchen gefischt und reicht sie der Schaffnerin. Ich dr\u00fccke den zweiten Fahrschein dem alten M\u00fctterchen in die Hand, und diesmal murmelt ihr zahnloser Mund etwas von Achtung und Ehre-das-Alter.<br>&nbsp;&nbsp; &#8222;Junger Mann, was ist mit Ihnen?&#8220; fragt die Schaffnerin. &#8222;Warum stehen Sie so gottverlassen da? Treten Sie in die Wagenmitte!&#8220;<br>&nbsp;&nbsp; Mechanisch folgte ich der Aufforderung, mechanisch greife ich mit der linken Hand nach der R\u00fcckenlehne des Sitzes neben mir. Und da durchzuckt es mich: Die zarten Fingerchen einer kleinen Hand ber\u00fchren die meinige. Ich wei\u00df es, ich f\u00fchle es: Das ist ihre Hand! Sie hat also doch alles verstanden, hat erkannt, was ich ihr sagen wollte!<br>&nbsp;&nbsp; Vorsichtig streichele ich die kleine weiche Hand. Sie l\u00e4\u00dft es zu. Ich bin trunken vor Freude und Liebe. Ihre Hand &#8211; kann es sein? &#8211; ihre Hand erwidert meinen Druck!<br>&nbsp;&nbsp; Da h\u00f6re ich die Stimme der Schaffnerin:<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; &#8222;Haltestelle Bahnhofstra\u00dfe!&#8220;<br>&nbsp;&nbsp; Bahnhofstra\u00dfe? Das ist&#8230; hier m\u00fc\u00dfte ich doch aussteigen! Ich z\u00f6gere nicht l\u00e4nger als eine Sekunde. Mag kommen, was da kommen mag! Versp\u00e4tet habe ich mich sowieso. Ich werde weiterfahren! Und als ob sie meine Gedanken lesen k\u00f6nne, zuckt die kleine Hand unter meinen Fingern.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp; Da&#8230; Grundg\u00fctiger Himmel! Sie steht am Ausgang, sie steigt aus, die Blonde, deren Hand ich doch in diesem Augenblick liebkosend streichle.<br>&nbsp;&nbsp; Ich wende mich um. Auf dem Platz hinter mir sitzt ein sommersprossiger stupsn\u00e4siger Schuljunge und grinst mich bl\u00f6d an.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>1986(?)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Freitag &nbsp;&nbsp; Durch die Stra\u00dfen jagen Autos und Trolleybusse, \u00fcber die Gehsteige hasten Menschen. 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