{"id":1396,"date":"2020-05-22T17:01:50","date_gmt":"2020-05-22T17:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/hermann.arnhold.eu\/?p=1396"},"modified":"2020-05-22T17:01:50","modified_gmt":"2020-05-22T17:01:50","slug":"victoria","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arnhold.eu\/?p=1396","title":{"rendered":"Victoria"},"content":{"rendered":"\n<p>VICTORIA!.. gewi\u00df anders konnte es ja auch nicht sein. Denn nicht umsonst hatten ihre Eltern sie auf den Namen Victoria taufen lassen. Wenn die Eltern ihrem Baby den Namen Victoria geben, dann verbinden sie diese Wahl in der Regel mit gewissen Erwartungen und Tr\u00e4umen. Diese Tr\u00e4ume gehen zwar nicht immer in Erf\u00fcllung, aber manchmal m\u00fcssen sie eben Wirklichkeit werden. Was w\u00e4ren andernfalls Hoffnung und Glaube!<\/p>\n\n\n\n<p>Sehe ich da vor nicht allzulanger Zeit in einer Zeitung ein Gruppenbild, vor dem Portal einer Hochschule in Wolgograd aufgenommen. Und auf diesem Foto f\u00e4llt mir eine nicht mehr ganz junge Frau ins Auge &#8211; mit Z\u00fcgen, die mir, wenn auch nicht gerade bekannt, so doch irgendwie vertraut scheinen und mich an eine ferne Zeit erinnern. Wo? Wann? Unter welchen Umst\u00e4nden? In Alma-Ata? In Sarinsk? In Barnaul? Im Ural? Oder gar vor dem Kriege in Balzer an der Wolga? Oder noch woanders?<\/p>\n\n\n\n<p>Und pl\u00f6tzlich mu\u00df ich leise auflachen. Unter dem Bild gibt es ja eine Unterschrift! Und ich lese: (&#8222;V.l.n.r.&#8220; oder auch umgekehrt, denn das wei\u00df ich nicht mehr und mu\u00df meine Jugendfreundin tausendmal um Entschuldigung bitten:<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zufall wollte es, da\u00df mir diese Zeitung verlorengegangen ist). Und in der Unterschrift&nbsp; e n t d e c k t e&nbsp; ich &#8211; o Gott, o Gott, o Gott! &#8211; den Namen: Victoria Gr\u00e4f, Kandidat der philologischen Wissenschaften, Dozent. Das ist also Victoria. Victoria Gr\u00e4f aus Pallassowka, genauer gesagt, aus Neu-Galka. Denn es kann doch nicht zwei Victorias mit demselben Familiennamen Gr\u00e4f geben, rede ich mir ein. Und die vertrauten Z\u00fcge, die mehr als Worte bezeugen!<\/p>\n\n\n\n<p>Und warum war sie eigentlich eine Gr\u00e4f, geht es mir durch den Kopf. Wahrscheinlich ist das eine Verballhornung des Namens Graf. Und wer wei\u00df, ihr ferner Vorfahr v\u00e4terlicherseits war vielleicht wirklich ein Graf, ein heruntergekommener nat\u00fcrlich, phantasiere ich weiter, der der Einladung Katharinas II. gefolgt war, sein Gl\u00fcck an der Wolga suchen wollte und sich Ende der 60-er Jahre des achtzehnten Jahrhunderts in der Kronkolonie Galka auf der Bergseite niedergelassen hatte, dann aber, nach paar Jahrzehnten, zusammen mit anderen Bauern auf der Suche nach besserem Boden auf die Wiesenseite kam, wo die entt\u00e4uschten Umsiedler weit drau\u00dfen in der Steppe (der ganze Streifen mehr fruchtbaren Bodens in der N\u00e4he des Wolgaufers war schon mit Berufer- und Kronkolonien besiedelt) an dem seichten Fl\u00fc\u00dfchen Torgun die Tochterkolonie Neu-Galka gr\u00fcndeten, m\u00f6glicherweise schon allein deswegen, weil sie das Wanderleben m\u00fcde waren. Denn, wie es sich herausstellte, war hier der Boden \u00e4rmer und d\u00fcrrer als dort auf der Bergseite.<\/p>\n\n\n\n<p>Und woher sollten sie gewu\u00dft haben, da\u00df der deutsche Naturforscher Peter Simon Pallas, der im Auffrage der Petersburger Akademie in den Jahren 1768-1774 unter anderen auch diese Gegend bereist hatte und in seinen Reiseberichten schrieb, die Steppe am Torgun sei au\u00dfergew\u00f6hnlich trocken und \u00f6de, es sei weit und breit nichts au\u00dfer vertrocknetem Gras und Wermutstauben zu sehen und die ganze Gegend sei so fruchtlos, da\u00df sie sogar f\u00fcr die Viehzucht untauglich sei&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Kam mir da vor etwa zwei Jahren ein B\u00fcchlein in die Hand, das, wenn ich mich nicht irre, den Titel &#8222;Dort, wo der Torgun flie\u00dft&#8220; trug. Torgun? Das mu\u00df doch irgendwo in den Wolgasteppen sein. Und ich begann das B\u00fcchlein interessiert durchzublettern. Dank der errichteten Bew\u00e4sserungsanlagen kommt das Wolgawasser bis in den Torgun, und die Felder werden jetzt bew\u00e4sssert, und rings bl\u00fchen und gedeihen die G\u00e4rten und Fluren. Und zum Vergleich werden auch Worte aus dem Reisebericht von Pallas angef\u00fchrt. Ein erprobter Kunstgriff. Denn Kontraste wirken auf den Leser \u00fcberzeugender.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber in der Brosch\u00fcre wird kein einziger Satz, kein einziges Wort davon erw\u00e4hnt, da\u00df hier l\u00e4nger als ein ganzes Jahrhundert haupts\u00e4chlich deutsche Ansiedler, Kolonisten, Ru\u00dflanddeutsche und sp\u00e4ter Sowjetdeutsche gelebt haben. Flei\u00dfige und arbeitsame Bauern, die diese \u00f6de wasserlose Steppe urbar gemacht hatten, mit ihren rissigen und schwieligen H\u00e4nden Wasserl\u00e4ufe und Kan\u00e4le gruben, das Fr\u00fchjahrswasser abd\u00e4mmten, von Geschlecht zu Geschlecht mit ihrem Schwei\u00df und Blut den salzigen Boden d\u00fcngten, Roggen und Weizen und andere Kulturen anbauten, intensiv Viehwirtschaft trieben und Ende der drei\u00dfiger Jahren unseres Jahrhunderts ihre D\u00f6rfer zu einem gewissen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung gebracht hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein einziges Wort. Deutsche? Die konnte es hier nicht gegeben haben. Die d\u00fcrfte es hier nicht gegeben haben&#8230; Konnte es nicht? Durfte es nicht? Heute? In unserer Zeit? ..Na ja, das B\u00fcchlein war vielleicht auch ein paar Jahre fr\u00fcher erschienen. Ich wei\u00df es nicht, denn ich habe es nicht, denn ich habe es in den Papierkorb geworfen. Halbe Wahrheit will mir nicht bekommen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber warum sollte Victorias Ahn, mu\u00df ich \u00fcber mich selbst l\u00e4cheln, unbedingt ein Graf gewesen sein, denn weit nicht alle Grafs in deutschen Landen waren Grafen. Und obendrein: Weder Neu-Galka noch Pallassowka, die damals schon fast ineinanergewachsen waren und nur noch durch den Marktplatz getrennt wurden, waren, wie mir nun einf\u00e4llt, Victorias Zuhause. Denn sie stammte, glaube ich, aus einem kleinen D\u00f6rfchen des Nachbarkantons Gmelinka.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da schie\u00dft es mir durch den Kopf: Aber warum eigentlich Victoria&#8230; Gr\u00e4f? Das ist doch ihr M\u00e4dchenname gewesen. Und seit jener Zeit, als wir uns kannten, sind schon viele Jahre verflossen. Sie k\u00f6nnte eine Kufeld oder eine Bernhardt, oder eine Hoffmann usw. sein. Gr\u00fcnde h\u00e4tte es daf\u00fcr reichlich genug gegeben. Aber dann kam der Krieg, der uns von den deutschen Faschisten aufgezwungen worden war, die gewaltsame Aussiedlung der Wolgadeutschen, die uns in Kasachstan, im Altai und in Sibirien zerstreute, die Zeit der Arbeitsarmee, die f\u00fcr uns nicht vier Jahre wie der Krieg, sondern in vielen F\u00e4llen doppelt solange gedauert hatte, und bei all dem die Verbannung als Sonderumsiedler, die erst 1956 aufgehoben wurde. Wieviel schwere, dramatische und tragische Schicksale hat das alles mit sich gebracht!..<\/p>\n\n\n\n<p>Victoria, und nicht verheiratet &#8211; das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Aber, sage ich mir, es gibt ja auch Ausnahmen aus der anerkannten Regel, wo bei der Eheschlie\u00dfung die Braut darauf besteht, ihren M\u00e4dchennamen zu behalten. Also mu\u00df Victorias Br\u00e4utigam entgegenkommend, ritterlich gehandelt haben. Und allem Anschein nach ist ihr Gatte auch Philologe oder Psychologe, oder etwas \u00c4hnliches von Beruf. Denn gleich und gleich gesellt sich gern, hei\u00dft es im Volksmund. Die Physik belehrt uns zwar eines anderen &#8211; da\u00df sich gleichgeladene Pole einander absto\u00dfen. Aber diese Erscheinung hei\u00dft Magnetismus. In unserem Falle geht es zwar auch um Magnetismus, aber um die Anziehungskraft, die zwischen zwei Seelen entstehen und ihrer St\u00e4rke nach dem Magnetfeld der Erde gleichkommen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Und gl\u00fccklich mu\u00df Victoria sein, und Kinder und Enkelkinder mu\u00df sie haben. Und ihr T\u00e4tigkeitsfeld ist nicht minder interessant. Darin habe ich gewisse Erfahrung. Selbstverst\u00e4ndlich hat sie n\u00e4chtelang und jahrelang \u00fcber ihrer Dissertationsschrift sitzen m\u00fcssen. Aber nicht nur das Endresultat &#8211; die Verteidigung der Dissertation &#8211; sondern auch selbst der Proze\u00df der wissenschaftlichen Forschung bringt allein schon Genugtuung&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Im fr\u00fchen Fr\u00fchjahr 1937 verschlug das Schicksal unsere Familie nach Pallassowka. Den Sommer hindurch wohnten wir in der kleineren H\u00e4lfte einer Lehmkate in Neu-Galka, im Herbst bezog unsere Familie (wir waren zu f\u00fcnf) eine Einzimmerwohnung in einem neuen h\u00f6lzernen Haus, das direkt vor dem Territorium der Pallassowskaer MTS stand, die sich etwa hundert Meter von der Eisenbahn entfernt ausbreitete. Nun f\u00fchlten wir uns nach den harten Strapazen unserer Wanderjahre als die gl\u00fccklichsten Menschen auf der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>In demselben Herbst kam ich also in die siebente Klasse der unvollst\u00e4ndigen Mittelschule in Neu-Galka, die in der ganzen Umgegend als die beste Schule galt. Ich war wahrscheinlich einer der \u00e4ltesten Sch\u00fcler in der Klasse. Aber, klein von Wuchs, schm\u00e4chtig und struppig, wie ich war, fiel mein Alter nicht auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Halbjahr bew\u00e4ltigte ich &#8211; mit \u00e4u\u00dferster Anstrengung! &#8211; mit gen\u00fcgenden und ein paar guten Zensuren. Und erst am Ende des Schuljahres hatte ich mich den Klassenbesten gen\u00e4hert und belegte etwa den siebenten Platz von oben. Kein Wunder: Es war die siebente Schule (in sieben verschiedenen D\u00f6rfern!), die ich nun besuchte, dabei mit Unterbrechungen, die manchmal ein halbes Jahr lang dauerten, was mit der M\u00fchsal unseres Wanderlebens verbunden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Klassenbester war der kleine Bauernjunge Heinrich Bernhardt, ein Sch\u00fcler, der alles auf der Welt wu\u00dfte, sich in allem auskannte und ein ph\u00e4nomenales Ged\u00e4chtnis hatte. Zu den Klassenbesten geh\u00f6rten auch Leo Kufeld und Victoria Gr\u00e4f. Leo war in Leningrad geboren, wo damals seine Eltern lebten. Aber sein Vater, der von der Wolga stammte, einer der F\u00fcnfundzwanzigtausendler, die von der Partei auf das Land geschickt worden waren, um dort den Bauern behilflich zu sein, die Kollektivierung durchzuf\u00fchren, Maschinen-Traktoren-Stationen zu schaffen, Fabriken und Werke zu errichten, war in die ASSPdWD zur\u00fcckgekehrt und hatte in Stra\u00dfburg, nicht weit von Pallassowka, die erste Kollektivwirtschaft, wie damals die Kolchose bei uns hie\u00dfen, gegr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Leo war ein Junge von mittlerem Wuchs mit sicherer Haltung und anziehendem \u00e4u\u00dferen. Er hatte eine k\u00fchne Stirn, war immer heiter, gesellig und hilfsbereit. Die M\u00e4dchen mochten Leo, aber er tat so, als ob er davon keine Ahnung h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Pioniere und Komsomolzen, waren wir au\u00dfergew\u00f6hnlich aktiv. Alle Ma\u00dfnahmen, die in dieser Zeit durchgef\u00fchrt wurden, begr\u00fc\u00dften wir begeistert und unterst\u00fctzen, wo und wie wir nur konnten, alles Neue. Wir glaubten fest und \u00fcberzeugt, da\u00df alles, was unternommen wurde, einzig und allein richtig und n\u00f6tig sei &#8211; kurz gesagt, wir waren der Sache der Partei treu ergeben und f\u00fchlten uns schon teilhaftig am Aufbau der kommenden gl\u00fccklichen Zukunft. Und der Name Stalin &#8211; &#8222;unser F\u00fchrer und Vater und Lehrer&#8220; &#8211; war in aller Munde und wurde in den Versammlungen st\u00e4ndig hervorgehoben und wiederholt.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider hatten wir uns auch schon an die sich in den Zeitungen und Versammlungen und Kundgebungen st\u00e4ndig wiederholenden Ausdr\u00fccke &#8222;Sch\u00e4dlinge&#8220;, &#8222;Verr\u00e4ter&#8220;. &#8222;Feinde des Volkes&#8220;, &#8222;entlarven&#8220;, &#8222;ausrotten&#8220;, &#8222;vernichten&#8220; und \u00e4hnliche Wendungen gew\u00f6hnt. Zwar konnten wir so manches nicht begreifen und ermessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn wir zu zweit oder zu dritt, oder manchmal auch zu viert zu Hause unsere Hausaufgaben machten, kam es des \u00f6fteren zu einem ernsten und offenen Meinungsaustausch. Und wir fragten uns, wie es denn m\u00f6glich sei, da\u00df dieser oder jener Vorsitzende oder Feldbauleiter, Mechaniker oder Brigadier, Kommunist oder Sympathisant \u00fcber Nacht ein Feind des Volkes geworden war, wo er bis dahin doch nur Gutes getan hatte und selbst noch vor einem Dutzend von Jahren ein Armbauer oder gar Knecht gewesen war, also aus jenem Volke stammte, als dessen Feind er jetzt angeprangert wurde. Und wenn es nur einzelne F\u00e4lle gewesen w\u00e4ren. Aber es wurden ja Massenverhaftungen durchgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Schlu\u00dfstrich unter unsere &#8222;Diskussionen&#8220; zog gew\u00f6hnlich unser anerkannte Deuter und Ausleger, der kleine Heinrich Bernhardt: &#8222;Jungs, lassen wir das. Ab\u00e4ndern k\u00f6nnen wir leider doch nichts. Und mit der Zeit wird sich alles kl\u00e4ren und an den richtigen Platz stellen. Das beweisen alle Epochen der menschlichen Geschichte, die schon hinter uns liegen.&#8220; Heute m\u00f6chte ich hinzuf\u00fcgen: Wenn sie von den Historikern wahrheitsgetreu beleuchtet worden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch unser g\u00fctiger Johann Petrowitsch Berger, der einer unserer Lieblingslehrer und unser aller Stolz war, der so zwei verschiedene F\u00e4cher wie Biologie und deutsche Sprache und Literatur unterrichtete, der uns in den Biologiestunden die Liebe zur n\u00e4heren Heimat und in Sprach- und Literaturunterricht die Liebe zu unserer Muttersprache und Kultur anerzog, wurde eines Nachts verhaftet, und wir haben ihn nie wiedergesehen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Victoria&#8230; Jetzt, da ich grau und alt bin, scheinen mir alle jungen Frauen und M\u00e4dchen sch\u00f6n zu sein. Und sie sind es auch! Denn sie sind jung. Damals hatte ich andere Augen, junge Augen. So will ich es versuchen, mir mit jenen jungen Augen Victoria wieder vorzustellen, um wenigstens eine t\u00fcchtige Teilskizze ihres damaligen Portr\u00e4ts entwerfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Kind war Victoria schon nicht mehr. Das W\u00f6rtchen Backfisch will mir aus irgendwelchem Grunde nicht gefallen. Victoria war ein M\u00e4dchen von schlankem Wuchs, mit hohem Gang. Grazil und grazi\u00f6s. Ihr anziehendes ovales Gesicht, das immer freundlich zu l\u00e4cheln schien, hatte eine unwiderstehliche, magische Anziehungskraft. Ihre Wangen waren sommers wie winters mit dem Anhauch eines leisen Rosa bedeckt, ihre hohe wei\u00dfe Stirn von samtschwarzem Haar umrandet. Und ihr sch\u00f6ner Mund mit den roten geschwungenen Lippen wirkte auf uns Jungen bet\u00f6rend und begehrend.<\/p>\n\n\n\n<p>Victoria waren Charakterz\u00fcge eigen, worum so manches M\u00e4dchen sie h\u00e4tte beneiden k\u00f6nnen. Sie war klug, dabei aber auch gleichzeitig ein flei\u00dfiges Bienchen. Sie war gutm\u00fctig und \u00fcbte Nachsicht dort, wo es f\u00fcr den Betreffenden n\u00fctzlich sein konnte. Gefallsucht und Hochmut waren ihr fremd. Ihre sanftbraunen Augen mit den langen seidigen Wimpern und den wundersam gebogenen Brauen dar\u00fcber strahlten milde W\u00e4rme und Herzensg\u00fcte aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages nach dem Unterricht wandte sich Victoria mir zu und l\u00e4chelte mich an: &#8222;Edmund, du mit dem sch\u00f6nen Namen, der nicht gerade so ganz zu dir passen will, ich mu\u00df dir etwas unter vier Augen sagen.&#8220; &#8218;Ist das etwa eine Anspielung auf meinen breiten Mund?&#8216; scho\u00df es mir durch den Kopf (damals konnte ich noch nicht wissen, da\u00df die Komponente &#8222;-mund&#8220; in meinem Namen mit meinem Maul absolut nichts zu tun hatte.) Rot angelaufen, war ich trotzdem froh, da\u00df mir Victoria Aufmerksamkeit schenkte, und sa\u00df ihr flugs in der Schulbank gegen\u00fcber, bem\u00fcht mit meinen H\u00e4nden die Flicken auf den Knien meiner Hose zu bedecken, wobei aber die Flickflecken, die auf die Au\u00dfenseiten meiner Hemd\u00e4rmel gesetzt waren, um so mehr ins Auge stachen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Edmund, du bist doch schon ein gro\u00dfer Junge, guckst bestimmt schon den M\u00e4dchen nach und l\u00e4ufst so struwwelig herum. Kannst du dir denn nicht das Haar schneiden lassen?..&#8220; &#8222;Kann ich, kann ich&#8220;, unterbrach ich sie und wurde noch r\u00f6ter. &#8222;Und wegen den Flicken auf deiner Hose brauchst du nicht rot zu werden. Du bist es doch nicht allein in der Klasse, der geflickte Hosen tr\u00e4gt. Und die Flecken sind ja meisterhaft aufgesetzt, da\u00df man es kaum bemerkt. Deine Mama ist wahrscheinlich N\u00e4herin?&#8220; &#8211; &#8222;Ja&#8220;, sagte ich, &#8222;aber, sie n\u00e4ht nur f\u00fcr die Familie&#8220;, was wahr und auch nicht wahr war, denn zum N\u00e4hen gab es nichts, es wurde nur geflickt und gestopft, gelappt und ausgebessert und, wo es noch m\u00f6glich war, dies oder das gewendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch am selben Tag lief ich nach Pallassowka in die Friseurstube und lie\u00df mir das Haar schneiden. Zuf\u00e4llig begegnete mir vor dem MTS-Geb\u00e4ude die weizenblonde Frieda Jung, die mich etwas n\u00e4her kannte als die anderen M\u00e4dchen unserer Klasse (ihr Vater war Direktor der MTS), blieb stehen, schn\u00fcffelte mit ihrer Stupsnase (sie vernahm also noch den Geruch des K\u00f6lnischwassers!) und tat erstaunt: &#8222;Was ist denn los, Edmund, da\u00df du dich so herausstaffierst? Hast dich wohl verliebt? In wen, wenn ich fragen darf?&#8220; &#8211; In dich, Frieda!&#8220; platzte ich heraus, weil ich mich nichts anderes einfallen lassen konnte. Frieda, leicht err\u00f6tend, parierte meine Antwort: &#8222;Ach, Edmund, ist ja lauter blanker Jux, was du mir da vormachen willst&#8220;, und verschwand im MTS-Kontor.<\/p>\n\n\n\n<p>Und am n\u00e4chsten Morgen l\u00e4chelte mir Victoria besonders freundlich zu und nickte zufrieden Zustimmung. Ob das etwa das Zeichen einer Zuneigung war? Kaum . Obgleich ich es so gern h\u00e4tte glauben machen wollen. Denn viele Jungen, und nicht unserer Klasse, verehrten sie oder beteten sie gar an &#8211; im geheimen selbstverst\u00e4ndlich. Und Bewunderer und Liebhaber, Verehrer und Anbeter mu\u00df sie auch sp\u00e4ter &#8211; da sie vollends aufgebl\u00fcht war &#8211; reichlich genug gehabt haben&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich habe sie geliebt&#8220;, gesteht mir heute Heinrich Bernhardt, Vater dreier S\u00f6hne und Gro\u00dfvater dreier Enkelkinder. &#8222;Aber davon hat sie nie etwas erfahren&#8220;, f\u00fcgt er leise hinzu, als ob er bef\u00fcrchte, Victoria k\u00f6nne unser Gespr\u00e4ch h\u00f6ren. Auch Leo Kufeld w\u00fcrde dasselbe best\u00e4tigen und dabei noch umfassend kommentieren, aber er schl\u00e4ft seinen ewigen Schlaf irgendwo bei Korkino, Gebiet Tscheljabinsk. Auch noch manche andere aus Neu-Galka und Pallassowka stammende Bauernburschen, die in den unheilvollen Jahren 1942-1947 als sowjetdeutsche Trudarmisten an den Ufern der Sewernaja Dwina bei Kotlas ihr fr\u00fches Grab gefunden haben, w\u00fcrden &#8211; wenn sie noch w\u00e4ren &#8211; offen gestehen, da\u00df sie Victoria liebevoll zugetan waren und sie ins Herz geschlossen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verse, die ich damals Victoria gewidmet hatte und die Konglomerat von Nachahmungen (lies: Plagiat!) aus Dichtwerken von Goethe und Schiller und besonders Heine aus sich darstellten, wurden mir 1943 im Lager an der Kama im Ural, wo wir Arbeitsfrontler Bauholz einschlugen, von meinen Ledensgenossen endlich doch wegstibitzt, wie methodisch ich sie auch von einem Platz zum anderen versteckte: Den Knaster trieben meine Kameraden dann und wann irgendwo auf, aber Papier gab es keines, es wurde daf\u00fcr sogar das obere, fast durchsichtige wachsgelbe H\u00e4utchen der Kiefernrinde verwendet, was aber allm\u00e4chtig \u00fcbel roch. Als ich die Entwendung feststellen mu\u00dfte, sagte ich mir im stillen: Auf Wiedersehen, Victoria!..<\/p>\n\n\n\n<p>Habe ich da unl\u00e4ngst (aus zuverl\u00e4ssiger, sicherster Quelle!) erfahren m\u00fcssen, da\u00df Victoia kinderlos und allein ist. Da\u00df sie noch immer allein war. Da\u00df sie nie verheiratet war. Unbegreiflich. Widersinnig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob das \u00fcberhaupt denkbar ist? Ob das einzigartige begl\u00fcckende Gef\u00fchl der Liebe, worin letzten Endes der Sinn des Lebens gipfelt, so gez\u00fcgelt, so geb\u00e4ndigt werden kann? Ob ein au\u00dfergew\u00f6hnliches, ersch\u00fctterndes Erlebnis zur Verwirrung gef\u00fchrt hat? Ob es die Folge der Wirren und Unbilden unserer Leidensjahre sind? Ob es das Ergebnis der Wirrsale einer schutzlosen Seele ist? Ob es die Angst vor einer herben Entt\u00e4uschung sein konnte, die Victorias Erwartungen, Hoffnungen und Tr\u00e4ume zerst\u00f6rte? Ob, ob, ob&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht hat sie Ausgleichung der Genugtuung in ihrem Beruf gefunden, in ihrer jahrzehntelangen p\u00e4dagogischen T\u00e4tigkeit, st\u00e4ndig von lebensfrohen und lebenslustigen Studenten umgegeben, die sie ihr Alleinsein, ihre Einsamkeit vergessen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen nur irgend etwas vermuten. Aber dieses f\u00fcr uns geheimnisvolle Irgend etwas wei\u00df und ermi\u00dft und beh\u00fctet Victoria in den tiefsten Winkeln ihrer Seele als Kleinod, als Erinnerung und Andenken an jene nur ihr allein bekannte und verst\u00e4ndliche Zeit ihrer Sternstunden. Und an der noch glimmenden Glut der Reminiszens &#8211; am Kamin ihrer Jugendtr\u00e4ume &#8211; erw\u00e4rmt sie ihr gl\u00e4ubiges Herz; und es erhebt sich der Himmel ihrer Innenwelt, und die graublauen Fernen werden anemonen- und lichtblau, und es schmilzt das Eis der Befangenheit und der Beklemmung; und Victorias fernes, erlebnisreiches Gestern wird zu ihrem Heute, das ihre innere Ruhe und innere Befriedigung empfinden l\u00e4\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dennoch, dennoch ist es schweigende innere Einsamkeit, die so manchmal bedr\u00fcckend und beklemmend sein mu\u00df, aber auch ganz unverhofft oder, umgekehrt, heraufbeschworen, aufflammen und aufleuchten kann, wie eine in einem stillen Winkel des Gartens erbl\u00fchende Rabatte im Juni als &#8211;<br>Versteinerte Blumen<\/p>\n\n\n\n<p>Es brausen die Wogen des Lebens,<br>sie eilen ins Endlose hin&#8230;<br>Und war deine M\u00fch nicht vergebens?<br>Worin, ach worin war ihr Sinn!<br>Im Trubel des Alltags vergessen<br>wir oft, was wir waren und sind&#8230;<br>Den Wert jeder Tat zu ermessen,<br>wohl niemanden vollends gelingt&#8230;<br>Erwartung und Hoffnung und Tr\u00e4ume<br>sind Blumen auf unserem Weg.<br>Und wenn das Geschick sie versteinert &#8211;<br>kein Einwand ihr Ziel widerlegt:<br>Versteinerte Blumen sind Spuren,<br>da\u00df einst sie gebl\u00fcht und geprangt<br>auf sonnigen, wonnigen Fluren<br>der Zeit, die das Ihre verlangt.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>1989<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>VICTORIA!.. gewi\u00df anders konnte es ja auch nicht sein. Denn nicht umsonst hatten ihre Eltern sie auf den Namen Victoria taufen lassen. Wenn die Eltern ihrem Baby den Namen Victoria geben, dann verbinden sie diese Wahl in der Regel mit gewissen Erwartungen und Tr\u00e4umen. Diese Tr\u00e4ume gehen zwar nicht immer in Erf\u00fcllung, aber manchmal m\u00fcssen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/arnhold.eu\/?p=1396\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eVictoria\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1396","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1396","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1396"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1396\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1397,"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1396\/revisions\/1397"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1396"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1396"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/arnhold.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1396"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}