{"id":1076,"date":"2020-05-15T16:52:18","date_gmt":"2020-05-15T16:52:18","guid":{"rendered":"http:\/\/hermann.arnhold.eu\/?p=1076"},"modified":"2020-05-15T16:52:18","modified_gmt":"2020-05-15T16:52:18","slug":"wo-deine-wiege-stand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/arnhold.eu\/?p=1076","title":{"rendered":"Wo deine Wiege stand"},"content":{"rendered":"\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Diesiges Wetter,<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; verchleierte Berge.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Alles mit Nebeldunst<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; trostlos verh\u00fcllt.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; D\u00fcstere Stimmung.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Gewitter verhei\u00dfend.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Seufzen und St\u00f6hnen,<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; von Tr\u00fcbsinn erf\u00fcllt\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Es siedelten um \u2013 die Gebr\u00fcder<br>Johannes und Christian Lieder,<br>jeder mit seiner Familie \u2013<br>wie sie hofften und glaubten<br>und wies\u00b4s in den Briefen auch hie\u00df \u2013<br>nach dem Westen hin \u2013 ins Paradies.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab eine Tante,<br>eie blutsverwandte,<br>die aus der Ukraine herstammte<br>und die es w\u00e4hrend des Krieges<br>nach Deutschland verschlagen.<br>Die Tante war alt und z\u00e4hlte die Tage,<br>die ihr noch geblieben.<br>Sie hatte nicht viel und nicht wenig<br>(ihr geh\u00f6rte der Reichtum pers\u00f6nlich):<br>eine Rente, ein H\u00e4uschen, ein G\u00e4rtchen<br>und Kleider und Schuh\u00b4<br>und dazu \u2013<br>einen Wagen.<br>Es war also alles vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<p>So l\u00e4sst denn die Tante<br>Ihre fernen Verwandten,<br>die in \u201eArmut und Not\u201c \u2013 wie es hei\u00dft \u2013<br>in Ru\u00dfland dort leben,<br>hin\u00fcberkommen, um ihnen<br>Zuflucht und Obdach zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wunder\u2026 Das Himmelreich auf Erden\u2026<br>Und der Preis daf\u00fcr?<br>Alles erf\u00e4hrst du ereinst \u2013<br>wenn es schon zu sp\u00e4t,<br>wenn vereinsamt du weinst.<br>Angekommen im gelobten Lande,<br>wirst, Heimkehrer, vorerst<br>im Aufnahmelager du landen,<br>wo man dir alles verspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>(Hab\u00b4 keine Angst:<br>Ein Konzentrationslager ist es ja nicht.<br>Die Menschen \u2013 wenn auch konzentriert,<br>doch vorl\u00e4ufig nur isoliert.)<br>Wer wei\u00df, wie lang du dort bleibst.<br>Doch hoffentlich nicht zu lange.<br>Du kommst mit den N\u00e4chsten \u2013<br>Wenn sie es wollen \u2013 schlie\u00dflich zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Du musst dich vor allem<br>an das Gute und Sch\u00f6ne<br>und an die \u201eFreiheit\u201c gew\u00f6hnen.<br>An die Sitten und Br\u00e4uche,<br>die als gewesener Sowjetdeutscher<br>du weithin vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Verwandten?<br>Die Onkel und Tanten?<\/p>\n\n\n\n<p>Na, wie man es nimmt.<br>Am meisten sind sie,<br>wenn endlich du dr\u00fcben,<br>dir gegen\u00fcber<br>nicht mehr so gastfreundlich<br>wie in den Briefen,<br>die sie eins geschrieben,<\/p>\n\n\n\n<p>Es lohnt sich auch nicht sie zu tadeln;<br>Sie allesamt haben<br>ihre eigenen Freuden und Sorgen und Plagen,<br>jeder empfindet f\u00fcr sich seinen Harm \u2013<br>der eine zu reich und der andere zu arm\u2026<br>Noch gut, wenn du Arbeit gefunden<br>Im Lande des \u201eWirtschaftswunders.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Du wirst es allm\u00e4hlich begreifen<br>und den misslichen Zustand erfassen:<br>Da stehst du allein in der Fremde \u2013<br>vereinsamt, vergessen, verlassen\u2026<br>Du lie\u00dfest dich nun mal bet\u00f6ren\u2026<br>Deine Hoffnung ist leicht zu zerst\u00f6ren:<br>Du findest deine Lage emp\u00f6rend,<br>doch will deine Klage niemand erh\u00f6ren\u2026<br>Schwindene Jahre.<br>Versiegende Hoffnung.<br>Nagender Kummer.<br>Und Unheimlichkeit.<br>G\u00e4hnende Leere.<br>Verwirrte Gedanken.<br>Sehnsucht und Heimweh.<br>Verzehrendes Leid\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>***<br>Nun f\u00fchlst du erst, was du verloren:<br>Dein Zuhause. Wo einst du geboren.<br>Deine Arbeit, deine Freunde.<br>Deinen Skrupel und Zweifel.<br>Das Mitgef\u00fchl und das Verst\u00e4ndnis.<br>Deine Pflichten und Rechte.<br>Die Sorge um dich. Deine Zuversicht.<br>Die Welt deiner Jugendtr\u00e4ume.<br>Die knospenden Fr\u00fchlingstr\u00e4ume.<br>Die heilige St\u00e4tte deiner gl\u00fccklichen Liebe.<br>Den Morgentau dort auf der Wiese.<br>Die Apfelb\u00e4ume voller Bl\u00fcten.<br>Das Zwitschern der V\u00f6gel im Garten.<br>Das Summen der emsigen Bienen.<br>Die Bl\u00e4ue des friedlichen Himmels.<br>Der Kinderschar fr\u00f6hliche Stimmen.<br>Die K\u00fchle im Schatten der Pyramidenpappeln.<br>Das Rauschen der hohen Wipfel.<br>Den ewigen Schnee auf den Gipfeln.<br>Deine einzige Heimat. Dein Vaterland.<br>Wo einst deine Wiege stand.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>1984<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Diesiges Wetter,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; verchleierte Berge.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Alles mit Nebeldunst&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; trostlos verh\u00fcllt.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; D\u00fcstere Stimmung.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Gewitter verhei\u00dfend.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Seufzen und St\u00f6hnen,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; von Tr\u00fcbsinn erf\u00fcllt\u2026 Es siedelten um \u2013 die Gebr\u00fcderJohannes und Christian Lieder,jeder mit seiner Familie \u2013wie sie hofften und glaubtenund wies\u00b4s in den Briefen auch hie\u00df \u2013nach dem Westen hin \u2013 ins Paradies. 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